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Kreis Dillingen

18.05.2018

Wie eine Frau nach einem Unfall um ihr Geld kämpft

Für Evelin Geßler geht es um viel Geld. Die Haunsheimerin soll 10.000 Euro zahlen, nachdem ein Mann in ihren Transporter gefahren ist.
Bild: Geßler

Ein 85-Jähriger fährt in den Wagen von Evelin Geßler. Der Schaden ist hoch, die Schuldfrage scheint klar. Doch die Versicherung weigert sich, zu zahlen.

Evelin Geßler zeigt mit dem Finger auf den Boden. „Hier hat der Transporter gestanden“ sagt sie. Dann geht sie ein paar Meter den Gehweg entlang und deutet wieder nach unten. „Bis hierhin wurde er durch den Unfall verschoben.“ Die Bergstraße in Medlingen ist der Haunsheimerin in Erinnerung geblieben – unfreiwillig. Ende Dezember waren sie und ihr Sohn dort in einen Unfall verwickelt. Ein Auffahrunfall, wie er täglich im Landkreis vorkommt.

Doch Geßler lässt der Unfall nicht los. Ihre Versicherung weigert sich, die komplette Schadenssumme zu übernehmen. „Das kann ich nicht akzeptieren“, sagt sie. Die 54-Jährige will nun um das Geld kämpfen.

Ein 85 Jahre alter Autofahrer kracht in den Transporter

Es geht um einen Vorfall kurz vor Silvester. Geßler ist selbstständig, mit ihrem Transporter fährt sie den Umzug einer Kundin. Ihr Sohn David hilft ihr dabei. Dieser fährt den Transporter aus einer Hofeinfahrt, um einen Anhänger hinauszuziehen. Den Wagen parkt er neben der Einfahrt auf der Straße. Etwa 20 Meter dahinter ist ein Warndreieck aufgestellt, sagt er. „Um den nachfolgenden Verkehr nicht zu sehr zu behindern, bin ich etwas auf den Randstein gefahren.“

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Der 29-Jährige steigt aus, geht in die Einfahrt zurück, dann hört er es krachen. Ein Auto ist in den Transporter gefahren. „Aus Unachtsamkeit“, wie es später in einem Polizeibericht heißt. Der Fahrer ist 85 Jahre alt. Eine Zeugin will bei ihm Alkoholgeruch festgestellt haben. Die Polizei führt dazu keinen Vermerk. Laut Geßler ist der Mann vor Ort einsichtig. „Die Schuldfrage war eindeutig.“ Eigentlich eine klare Angelegenheit, denkt sie.

An beiden Fahrzeugen entsteht erheblicher Schaden. Geßlers Transporter ist nicht mehr fahrtauglich. Er wird in eine Werkstatt in Dillingen gebracht und durch einen Gutachter untersucht. Das Gutachten kostet mehr als 1.000 Euro. Insgesamt 15.000 Euro kostet die Reparatur – zuzüglich Mehrwertsteuer.

Der Transporter ist nach dem Unfall stark beschädigt.
Bild: Geßler

Fast drei Wochen dauert es, bis Geßler ihren Wagen zurückbekommt. Eine Katastrophe für die Selbstständige. Denn es gibt kein geeignetes Ersatzfahrzeug. Für ihre Kunden braucht sie einen besonders langen und hohen Transporter. Der ist in der Region zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar. Geßler muss zahlreiche Aufträge absagen. Ein Schaden, den sie von ihrer Versicherung bezahlt haben möchte.

Geßler soll 30 Prozent der Kosten selbst tragen

Doch die Angelegenheit zieht sich. Wochenlang wartet sie auf eine Antwort. Dann kommt der erste Bescheid. Geßler bekommt einen Teil des Geldes. Auf den Rest wartet sie vergeblich. 30 Prozent soll sie selbst tragen. Insgesamt geht es um knapp 10.000 Euro. „Das sehe ich nicht ein, ich bin die Geschädigte“, sagt die Haunsheimerin. Sie nimmt sich einen Anwalt und reicht Klage ein.


Auf Anfrage unserer Zeitung nimmt die betroffene Versicherung Generali Stellung. Es heißt, der Unfallverursacher sei durch die Sonne geblendet worden. Außerdem zweifelt die Versicherung an, dass ein Warndreieck aufgestellt war. „Dies ist in der Polizeiaufnahme nicht erwähnt.“ Stattdessen verweist das Unternehmen auf zwei Verwarnungen, die die Beamten notiert haben: Eine gegen den offensichtlichen Unfallverursacher, aber auch eine gegen den Fahrer des Transporters.

Tatsächlich ist in der Polizeiakte eine mündliche Verwarnung gegen Geßlers Sohn notiert. Katharina von Rönn, Sprecherin der Polizeiinspektion Dillingen, kann zum konkreten Fall im Dezember keine Angaben mehr machen, er wurde lediglich im „Kurzaufnahmeverfahren“ festgehalten. Es gibt also keine weiteren Aufzeichnungen. Aber sie sagt: „Es ist generell nicht erlaubt, auf dem Gehweg zu parken.“ Man dürfe lediglich am rechten Fahrbahnrand halten, wenn man niemanden gefährdet.

Von der Argumentation der Versicherung ist Geßlers Anwalt überrascht

Der Sprecher der Generali schreibt: „Unsere Einschätzung zur Haftung wird von der Verwarnung durch die Polizei gestützt.“ Durch das Falschparken sei durch den Transporter eine „Betriebsgefahr“ ausgegangen. Evelin Geßler und ihr Sohn fühlen sich wie vor den Kopf gestoßen. „Wenn ich weiter auf der Straße geparkt hätte, wäre der Unfall noch schlimmer ausgefallen“, sagt David.

Der Gundelfinger Anwalt Klaus Eickelpasch vertritt Evelin Geßler. Von der Argumentation der Versicherung sei er überrascht gewesen: „So etwas Abwegiges habe ich noch nicht erlebt.“ In der Klage formuliert der Jurist, dass rechtlich ein zweckgebundenes Halten vorliegt, kein Parken. Das Halten auf dem Gehweg sei zwar tatsächlich unzulässig. Die entsprechende Regelung diene jedoch dazu, Fußgänger nicht zu behindern. Mit Fahrzeugen, die an dem parkenden Wagen vorbeifahren, habe diese nichts zu tun. „Auch wenn das Fahrzeug ordnungsgemäß geparkt worden wäre, hätte sich die Kollision ereignet“, argumentiert Eickelpasch in der Klage. Nun kommt es aller Voraussicht nach zum Gerichtsprozess. Der Jurist sagt: „Ich bin mir sicher, dass wir gewinnen werden.“

Geßler ist überzeugt: „Ich bin kein Einzelfall.“ Ihr Vorwurf: Das Vorgehen der Versicherung ist Masche. Die Generali verweist auf eine Stellungnahme des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Dort ist die Rede von einem geringen Beschwerde- und Prozessaufkommen. Geßler sagt: Hat jemand keine Rechtsschutzversicherung, überlegt er es sich zweimal, ob er Klage einreicht. „Darauf setzen die Versicherungen doch.“ Sie finde es eine „Schweinerei“, wie mit den Geldern umgegangen wird. Schließlich sei ein Prozess am Ende mitunter deutlich teurer, als wenn der Schaden sofort reguliert wird.

Mutter und Sohn ziehen Konsequenzen aus dem Vorfall. David will nun diverse Zusatzversicherungen kündigen. „Ich sehe nicht ein, Beiträge zu zahlen, wenn man im Ernstfall ohnehin nichts bekommt.“

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