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Unvergessene Spiele

23.06.2020

Raus aus dem Auto, rauf auf den Platz: Als die SG Lutzingen bewusst zu spät kam

Die Lutzinger Aufstiegsmannschaft der Saison 1987/88. Hinten von links: Jürgen Marstaller, Helge Duderstadt (Spielertrainer), Wolfgang Gorhau, Josef Fritz, Helmut Garsic, Wolfgang Zimmer, Franz Winter, Bernhard Winter, Hubert Hochstädter, Josef Kerle und Uwe Schneider. Mittlere Reihe von links: Hubert Schön, Christian Schadl (Torwart), Harald Sager, Peter Höß, Stefan Rieder und Rainer Hartmann. In der vorderen Reihe von links die jugendlichen Fans Marcus Egger, Wolfgang Rieder, Christoph Egger, Martin Schadl, Matthias Egger, Stefan Kerle und Andreas Kerle.
Bild: SG Lutzingen

Plus Als die Spieler der SG Lutzingen 1988 zum Relegationsspiel gegen Unterglauheim in Dillingen eintrafen, war der Gegner bereits beim Warmmachen. Am Ende jubelten aber die „Kaltstarter“.

Bei der SSV Höchstädt hält er seit vielen Jahren die Finanzen zusammen – wenn es um sportliche Erinnerungen geht, dann schlägt sein Herz ganz klar für seinen Heimatverein, die Sport-Gemeinschaft (SG) Lutzingen: Siegfried, genannt „Siggi“, Behringer, war Fußball-Abteilungsleiter, als die erste Mannschaft nach einer 27-jährigen Durststrecke das Fußball-Unterhaus endlich wieder verlassen konnte.

SG Lutzingen: Neue Sportanlage wurde vor 3000 Zuschauern eingeweiht

Für die SG, die im Jahr 1973 durch eine Fusion mit den Lutzinger Schützen, einer Damengymnastikgruppe im Ort sowie einer Gruppe von Tennisspielern entstand, war es gar der erste Aufstieg in der Vereinsgeschichte. Zuvor wurde unterhalb der Goldbergalm noch unter dem Namen FV Lutzingen Fußball gespielt.

1976 übernahm Siggi Behringer das Amt als Spartenchef. Dabei hatte er sich zwei große Ziele gesetzt: sportliche Aufstiege mit der ersten Mannschaft und den Bau einer neuen Sportanlage. Letztere wurde am 31. Mai 1993 mit einem Freundschaftsspiel zwischen dem damaligen Bundesligisten 1. FC Nürnberg und dem FC Gundelfingen (1:1) vor sage und schreibe 3000 Zuschauern offiziell eingeweiht.

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Knapp fünf Jahre zuvor erlebten die SGL-Kicker ein Saisonfinale, wie es aufregender und schöner eigentlich nicht hätte enden können. Punktgleich mit dem SC Tapfheim beendete das Team um Spielertrainer Helge Duderstadt die Saison, was ein Entscheidungsspiel um den Titel zur Folge hatte. Gespielt wurde am 11. Juni in Unterglauheim. Für die SGL nahm die Partie vor knapp 600 Zuschauern ein bitteres Ende: Mit 1:2 (1:1) hatten die Lutzinger nach Verlängerung das Nachsehen. „Der Schiedsrichter hat es mit uns nicht gut gemeint“, erinnern sich Behringer und Duderstadt unisono. Als Vizemeister bekam die SGL aber eine weitere Chance, um den Aufstieg doch noch realisieren zu können. Im ersten Spiel hatte das Team keine große Mühe und gewann vor 300 Zuschauern in Unterthürheim mit 2:0 gegen den TSV Eppisburg, den damaligen Vizemeister der C-Klasse Donau 2.

Im alles entscheidenden Match wartete der BC Unterglauheim

Nun wartete im letzten und alles entscheidenden Match aber noch der Tabellendrittletzte der B-Klasse Donau, der BC Unterglauheim, auf die Lutzinger. Gegen den Lokalrivalen, der drei Jahre zuvor noch der Bezirksliga Nord angehörte, ging die SGL als Außenseiter ins Spiel. „Die haben uns wohl auch ein wenig unterschätzt“, lächelt Siggi Behringer rückblickend. Die Partie war für Sonntag, 26. Juni, in Dillingen angesetzt. Erst 30 Minuten vor dem Anpfiff kamen die Lutzinger in der Kreisstadt an. Als die letzten SG-Spieler auf den Parkplätzen rund um das Donaustadion aus ihren Autos stiegen, stand die gesamte Unterglauheimer Mannschaft bereits zum Warmmachen auf dem Platz. Spielertrainer Helge Duderstadt, der das Team erst zum Saisonbeginn übernommen hatte, wollte mit der Maßnahme des späten Anreisens ganz gezielt den Druck und die Nervosität aus den Köpfen seiner Mitspieler bekommen. Die Rechnung ging auf.

Bild: Günther Herdin

Zwar gerieten die Lutzinger „Kaltstarter“ in Rückstand, doch der schnelle Ausgleich durch Hans Vollhüter verlieh der Mannschaft einen derartigen Schub, dass sie dann einen Zwei-Tore-Vorsprung erzielen konnte. Als die Unterglauheimer in der zweiten Minute der Nachspielzeit auf 4:3 verkürzten, wurden die folgenden sechs Minuten bis zum Abpfiff (aufgrund von einigen Verletzungen wurde lange nachgespielt) für Siggi Behringer zu einer halben Ewigkeit. „Mir kam das wie eine Stunde vor“, erinnert er sich noch ganz genau. Als endlich der Schlusspfiff ertönte, kannte der Jubel bei der SGL keine Grenzen.

Die halbe Einwohnerschaft aus Lutzingen war vertreten

Unter den 900 Zuschauern war nahezu die halbe Einwohnerschaft aus Lutzingen vertreten. Der Sieg gegen den Nachbarn und Lokalrivalen wurde nicht nur bei der Rückfahrt in einem Autokorso ins eigene Sportheim genossen. Es wurde fast die gesamte Nacht hindurch gefeiert. Mittendrin auch die Spieler Stefan Rieder, der als A-Jugendlicher in der zweiten Halbzeit eingewechselt worden war, und Peter Höß. Letzterer zählte gemeinsam mit Wolfgang Zimmer und Bernhard Winter zu den Führungsspielern im Team, wie Helge Duderstadt betont. Der 57-Jährige ist auch heute noch vom Charakter der Mannschaft, den diese vor 32 Jahren an den Tag gelegt habe, voll begeistert: „Wir hatten 20 Spieler im Kader, und alle zogen voll mit“, zeigt er ein breites Lächeln im Gesicht.

Die Aufstiegsfeierlichkeiten nach dem denkwürdigen Spiel gegen Unterglauheim gingen zehn Tage lang weiter. Eine Woche nach dem 4:3-Erfolg wurde ein bombastisches Fest im Sportheim veranstaltet. Der damalige Sportheimwirt Helmut Garsic habe, so erinnert sich Siggi Behringer, im Vorfeld drei Tage gearbeitet, um das „grandiose Büfett“ herzustellen. Noble Kleidung war für die Aufstiegsfeier erwünscht. Die meisten Gäste hielten sich daran. Auf der Geschäftsstelle der örtlichen Raiffeisenbank gab es zudem eine ganze Woche lang für Kunden einen Sektempfang. „Ganz Lutzingen hat da vorbeigeschaut“, schmunzelt Behringer.

Lutzingen konnte sich revanchieren

Der jetzige Sportliche Leiter der SGL, Harald Rieder, kann sich an das Spiel gegen Unterglauheim nicht erinnern. „Ich war damals erst fünf Jahre alt“, klärt er auf. Aber was drei Jahre später geschah, das hat der heutige Funktionär auf dem Schirm. Da stieg sein Verein für ein Jahr sogar in die damalige A-Klasse Nord (jetzt Kreisliga) auf. Drei Mannschaften hatten punktgleich als Tabellenerster die Saison in der B-Klasse Donau beendet: SG Lutzingen, SV Donaumünster, SC Tapfheim. Nachdem Tapfheim im ersten Entscheidungsspiel Donaumünster aus dem Rennen geworfen hatte, traf Lutzingen (Freilos) im zweiten Spiel auf Tapfheim. Wie 1988 wurde in Unterglauheim gespielt. Diesmal hatte die SGL mit 2:1 das bessere Ende für sich und revanchierte sich somit für das verlorene Meisterfinale von 1988.

So schön für die Lutzinger der Kreisliga-Aufstieg war, das „Spiel der Spiele“ seit der Fusion 1973 bleibt für Siggi Behringer und seine damaligen Mitstreiter aber der erfolgreiche Fight gegen Unterglauheim in Dillingen.

So haben sie gespielt

SG Lutzingen: Martin Schadl, Franz Winter, Hubert Hochstädter, Wolfgang Zimmer (41. Harald Sager), Bernhard Winter, Stefan Kerle (46. Stefan Rieder), Peter Höß, Helge Duderstadt, Helmut Garsic, Rainer Hartmann, Hubert Schön

BC Unterglauheim: Schröttle, Knötzinger, Miehlich, Seitz (51. K. Baur), Uhl, Schmid, Vollhüter, Eutinger, Gerstmayer (88. Goder), M. Baur, Wittmann.

Tore: 0:1 (16.) Hans Vollhüter, 1:1 (17.) Rainer Hartmann, 2:1 (46.) Helge Duderstadt, 3:1 (64.) Harald Sager, 3:2 (81.) Thomas Knötzinger, 4:2 (90.+1) Helge Duderstadt, 4:3 (90.+2) Hans Vollhüter

Schiedsrichter: Schmid (Behlingen)

Zuschauer: 900 in Dillingen

Serie: „Spiele, die man nicht vergisst“ (17). Das Coronavirus hat den Fußballsport in den Amateurklassen lahmgelegt. Was vorerst bleibt für die Fans, sind Erinnerungen an unvergessliche Begegnungen. Nicht nur auf internationaler und nationaler Ebene, sondern auch im lokalen Raum. In dieser Serie blicken wir auf herausragende Partien von regionalen Teams, heute der SG Lutzingen, zurück.

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