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Kreis Dillingen

03.11.2017

Fettabsaugen? Das ist keine Kassenleistung

Marieluise Biesenbach aus Lauingen
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Marieluise Biesenbach aus Lauingen
Bild: Cordula Homann

Millionen Frauen leiden unter der gleichen Krankheit wie Marieluise Biesenbach – und wissen es nicht. Jetzt gründet sie eine Selbsthilfegruppe.

„Lipödem“ – endlich eine Diagnose. Seit ihrem 13. Lebensjahr kämpfte Marieluise Biesenbach mit ungewöhnlich dicken Beinen. Kam Jahrzehnte später kaum vom Sofa hoch. Immer wieder hatte sie Ärzte um Rat gefragt. Die Antwort lautete meist: Sport treiben, gesund ernähren. Sieben Kinder, darunter ein eigenes hatte sie großgezogen und fühlte sich ungerecht behandelt. „Bei so vielen Kindern kann man gar nicht faulsein.“ Selbst als die Wirtin einer Metzgerei samt Gaststätte im Ries und bis zu 17 Stunden auf den Beinen war, wurden diese nicht weniger, sondern mehr. Erst hatte die Schwangerschaft, dann die Wechseljahre das Problem verschlimmert. Vor 24 Jahren zog die Familie nach Lauingen. Vor drei Jahren landete sie schließlich bei Dr. Karin Müller in Dillingen – die schließlich das Lipödem diagnostizierte.

Dr. Müller ist Fachärztin für Chirurgie, Phlebologin (für Gefäß-/Venenerkrankungen), Lymphologin und Mitbegründerin des Lymphnetzes Dillingen und Donau-Ries. In ihre Praxis kommen immer wieder Frauen, die nicht verstehen, warum sie verschiedene Kleidergrößen brauchen: unten an den Beinen zwei mehr als oben.

Oder weil sie spontane Schmerzen in Form eines dumpfen Schwellungsgefühls spüren. Weil sich die „Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit an Ober- und Unterschenkeln“ verändert. Blaue Flecken auftauchen, obwohl man sich nicht gestoßen hat. Die Fachärztin erklärt, dass ein Lipödem, in ein „Lymphödem“ übergehen kann. An beidem erkranken ausschließlich Frauen, die Zahlen der Betroffenen gehen allein in Deutschland in die Millionen. „Doch oft wird die Krankheit nicht oder nicht rechtzeitig erkannt“, weiß die Dillinger Expertin.

Marieluise Biesenbach war für Dr. Müller ein klarer Fall. Etwa 30 Liter schlechtes Fett hat sich in den Beinen der Rentnerin eingelagert. Kompressionstrümpfe und Lymphdrainagen können helfen – im Fall der Lauingerin empfahl die Ärztin eine Fettabsaugung – sonst drohe ein Leben im Rollstuhl. Doch die helfende Operation zahlt die Krankenkassen in der Regel nicht. „Ich bin aus der Praxis raus und hab mir gedacht: Bei mir schon“, erzählt Marieluise Biesenbach. „Denn so wie ich damals, so kann man nicht leben.“

An Selbstbewusstsein fehlte es ihr noch nie

15 Jahre lang hatte sie bis dahin Schmerzmittel genommen. Hatte ihre Ernährung komplett umgestellt, 30 Kilo abgenommen. Aber nie an den Beinen. Dort drückte das Gewicht auf die Gelenke, das Fett drehte die Füße nach außen. Alt werde man so nicht.

Biesenbach aber wusste sich schon immer zu helfen: Früher bewohnte sie mit ihrer Familie ein großes Bauernhaus bei Bobingen im Kreis Augsburg, engagierte sich im Pflegekinderverein.

Um für die zwei Kinderheime mehr zu erreichen, ging sie in die Kommunalpolitik. An Selbstbewusstsein fehlte es der gebürtigen Schwennenbacherin nie. Egal, wie dick die Beine auch wurden, schwimmen und Saunabesuche gehörten für sie selbstverständlich zur Freizeitgestaltung dazu. Auch mit den Fotos von den gewaltigen Hautlappen, die noch vor Monaten ihre Knie verbargen, hat diese Frau kein Problem. Im Gegenteil. Sie hat sie auf den Flyer für die neue Selbsthilfegruppe gedruckt.

Als die Krankenkasse ihr vor drei Jahren am Telefon mitteilte, dass die Kosten für die Fettabsaugung nicht übernommen werden, widersprach Biesenbach resolut und reichte einen Antrag ein. Und noch einen. Jedes Mal kam von der Kasse ein Widerspruch. Die resolute dunkelhaarige Rentnerin ging zum VdK. Wenige Tage später rief eine Anwältin aus Augsburg an, sagte ihre Unterstützung zu und schlug einen Kompromiss mit der Krankenkasse vor. Biesenbach war das nicht genug. Stattdessen wurde sie jetzt erst richtig aktiv: bat ihre Ärzte um Gutachten, fotografierte ihre Beine, suchte im Internet nach passenden Urteilen, forschte in Foren nach weiteren Ideen und schickte alles an ihre Anwältin.

Die Operationen werden so teuer wird ein neuer Mittelklassewagen

Im August 2016 stand das Urteil am Sozialgericht am. „Als mein Mann und ich dorthin gingen, sagte ich, ich fühle mich wie der Frosch im Milchbottich.“ Der Frosch, der solange strampelt, bis aus der Milch Sahne geworden ist und er aus dem Topf heraushüpfen kann. Und tatsächlich: Die Richterin entschied, dass die Krankenkasse in Biesenbachs Fall alle nötigen Operationen zahlen muss. Mindestens fünf werden es insgesamt sein, das werde so teuer wie ein neuer Mittelklassewagen, weiß Biesenbach.

Seit dem Urteil lässt sie sich operieren, in einem großen Münchner Krankenhaus. Maximal sechs Liter Fett pro Bein werden pro Operation binnen dreieinhalb Stunden abgesaugt. Mehr hält der Körper kaum aus. Die Schmerzen danach ertragen nicht alle Betroffenen. Manche schmeißen nach der ersten Operation hin, weiß sie. Dazu kommen regelmäßige Lymphdrainagen, außerdem trägt die inzwischen 65-Jährige feste Strumpfhosen, die vor allem kühlen. Denn nach der Operation würden die Beine regelrecht glühen. „Zuhause habe ich eine Hose, in die man lauter Kühlakkus stecken kann, das hilft.“ Auch diesen Tipp hat Biesenbach aus dem Internet.

Inzwischen hat sie zwei Operationen binnen eines Jahres hinter sich – und führe ein ganz neues Leben. Allmählich kann sie ohne Stock gehen. Dass der Druck auf ihre Knie abnimmt: „Es ist unbeschreiblich, wie schön das ist.“ Endlich kann sie den dreijährigen Enkel auf den Spielplatz begleiten. Die Jacke geht wieder zu – herrlich. Dafür nehme sie die OP-Schmerzen gern in Kauf. Das nächste Ziel ist Treppensteigen. „Das tut immer noch sehr weh.“

Sie will ihre Erfahrungen endlich teilen

Doch zuerst will sie ihre vielen Erfahrungen endlich mit anderen Betroffenen teilen. „Am Anfang war ich so allein. Ich kannte niemanden, der die gleichen Probleme hat und sich auch operieren lassen wollte.“ Manchmal taten ihr früher die Fußsohlen so unheimlich weh. „Wenn dann jemand sagt – das kenn’ ich – das hilft schon.“ Deswegen will die 65-Jährige nun eine Selbsthilfegruppe gründen. Nicht nur für Frauen aus den Landkreisen Dillingen und Günzburg, sondern auch aus dem Ries oder aus Heidenheim.

In Dillingen soll auch mal eine speziell geschulte Physiotherapeutin und Dr. Karin Müller zu Wort kommen. Sogar eine Busfahrt mit der ganzen Gruppe ins Krankenhaus kann sich Biesenbach vorstellen. Sie betont aber auch, dass sie nicht pauschal zur Operation raten will. Ihr Urteil hat auch nicht dazu geführt, dass die Kasse nun jede Fettabsaugung bezahlt. Biesenbach hatte am Telefon mündlich einen Antrag zur Kostenübernahme gestellt, dem hatte die Kasse damals nicht fristgerecht widersprochen. Deswegen muss sie nun für die Fettabsaugung aufkommen. „Als nächstes steht jetzt die Straffung an. Die Hautlappen gehen ja nicht mehr zurück. Das ist auch keine Kassenleistung“, sagt die 65-Jährige. Und erzählt von winzigkleinen, hochgiftigen Kröten. So eine sei sie auch. „Ich brauch’ ja wieder eine Kostenübernahme.“

Die nordschwäbische Selbsthilfegruppe LilyPut trifft sich jeden ersten Freitag im Monat im Lehrsaal 3 des Dillinger Collegs, Benediktinergasse 2. Erstes Treffen ist am Freitag, 3. November, um 18.30 Uhr.

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