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Illertissen

14.07.2020

Wenn ältere Autofahrer im Straßenverkehr überfordert sind

Der Anteil der Senioren, die aktiv am Straßenverkehr teilnehmen, steigt. Wie für alle Verkehrsteilnehmer ist auch für sie der Führerschein ein Stück Freiheit. Und nicht überall ist der öffentliche Nahverkehr so gut ausgebaut, dass der Umstieg auf Bus und Bahn leicht fällt.
Bild: Symbolfoto Matthias Becker

Plus Beim Rangieren hat ein 88-Jähriger in Illertissen seine Frau angefahren. Geht von Senioren am Steuer eine Gefahr aus? So schätzt die Polizei die Lage ein.

Verkehrsunfälle, an denen Senioren beteiligt sind, liefern häufig noch mehr Gesprächsstoff als die ohnehin schon häufig gelesenen „Blaulicht“-Meldungen. Jüngstes Beispiel aus der Region ist ein Unfall an einer Tankstelle in Illertissen, bei dem ein 88-Jähriger seine eigene Frau angefahren hat. Sie zog sich nach Angaben der Familie eine leichte Prellung zu. Verletzt wurde bei dem Vorfall nach Angaben der Polizei aber auch der Fahrer eines anderen Autos, der gerade tankte.

Sind ältere Autofahrer, deren Anteil an allen Verkehrsteilnehmern zunimmt, ein Sicherheitsrisiko? Wäre es für viele besser, sich nicht mehr ans Steuer zu setzen? Ein Blick in die Unfallstatistik widerlegt den Eindruck, den vor allem jüngere Autofahrer haben. Wobei zu beachten gilt: Die Polizei erfasst unter dem Begriff „Senioren“ alle Unfallbeteiligten ab 65 Jahren.

In der Unfallstatistik gibt es keine Auffälligkeiten in der Altersgruppe ab 65 Jahren

Im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, zu dessen Dienstbereich auch die Landkreise Neu-Ulm und Unterallgäu gehören, waren im Jahr 2019 Menschen ab 65 Jahren an 3052 von insgesamt 30283 Verkehrsunfällen beteiligt. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen sei keine Auffälligkeit festzustellen, teilt Dominic Geißler, Pressesprecher des Präsidiums, auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren habe es aber einen leichten Anstieg bei der Zahl der Unfälle gegeben, bei denen Fahrrad- oder Pedelecfahrer über 65 beteiligt sind.

Wenn ältere Autofahrer im Straßenverkehr überfordert sind

Der Polizeisprecher weist darauf hin, dass sich mit dem Älterwerden natürliche Gesundheits- und Leistungseinbußen einstellen. Senioren reagierten darauf oftmals mit einer eher defensiven Fahrweise, was sich dann in einer verhaltenen und langsamen Fortbewegung äußere. „Dies muss aber nicht zwingend etwas mit Überforderung zu tun haben“, sagt Geißler. Der Erfahrung der Beamten nach verfügen Senioren nämlich oft über eine langjährige Verkehrserfahrung, haben es nicht mehr so eilig und zeigen häufig ein stärkeres Sicherheitsbewusstsein als Jüngere. Leistungseinschränkungen seien bei Senioren hauptsächlich auf räumlich engen Verkehrsflächen festzustellen, also zum Beispiel beim Ein- und Ausparken auf Supermarktparkplätzen.

Auch bei dem Unfall in Illertissen war das Rangieren das Problem. Wie berichtet, hatte zunächst eine 83 Jahre alte Frau das Auto in die Tankstelle gefahren (lesen Sie dazu: Beim Parken an der Tankstelle: 88-Jähriger fährt seine Frau an). Um zur Zapfsäule zu gelangen, musste sie rangieren. Die Fahrkünste, so teilte die Polizei mit, waren aber wohl nicht im Sinne des Beifahrers, weshalb die Frau den Fahrersitz mit ihrem Ehemann tauschte. Der 88-Jährige fuhr dann zunächst ruckartig nach vorne gegen ein dort stehendes anderes Auto und gegen die Tanksäule, dann setzte er mit geöffneter Fahrertür zurück. Dabei wurde die daneben stehende Frau zu Boden gerissen und das Auto dahinter touchiert. Der Sachschaden beläuft sich in Summe auf 9000 Euro.

Der Polizeisprecher gibt Angehörigen Tipps

Wie bei allen anderen Verkehrsteilnehmern auch, ergreift die Polizei bei Senioren nur dann drastische Maßnahmen, wenn erhebliche Straftaten im Straßenverkehr begangen wurden. Dazu zählen unter anderem Unfälle mit unerlaubtem Entfernen oder Trunkenheitsfahrten. Dann könne die Polizei auch älteren Autofahrern den Führerschein abnehmen, sagt Geißler. Es müsse aber nicht immer abgewartet werden, bis etwas passiert. In begründeten Eilfällen kann die Polizei Geißler zufolge sowohl den Führerschein einer Person als auch den Fahrzeugschlüssel zur Gefahrenabwehr vorläufig sicherstellen.

Auch wenn bislang noch alles gut gegangen ist – mancher Angehörige würde es begrüßen, wenn ein älteres Familienmitglied, das offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu führen, auf das Selbstfahren verzichtet. Maßgeblich dafür kann eine Sehbeeinträchtigung aufgrund des Alters sein, aber auch ein altersbedingter Hörverlust oder eine Bewegungseinschränkung. Was aber tun, wenn sich die Seniorin oder der Senior uneinsichtig zeigen? Dazu sagt Polizeisprecher Geißler: „Die Angehörigen können sich anbieten, Fahrten für die Senioren zu übernehmen, die Senioren zu Arztbesuchen abzuholen und wieder nach Hause zu bringen oder Einkäufe für Senioren zu übernehmen.“

Die Behörden in der Region setzen auf freiwillige Maßnahmen, um älteren Menschen den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft zu machen: So fahren Senioren in den Landkreisen Neu-Ulm und Unterallgäu ein Jahr lang kostenlos mit Bus und Bahn, wenn sie ihren Führerschein endgültig bei der Führerscheinstelle abgeben. Der Kreis Neu-Ulm hat die Aktion zum 1. Januar 2020 eingeführt, im Unterallgäu gibt es sie bereits seit 2017. Auch die Stadt Ulm hat ein vergleichbares Angebot.

Senioren können den Führerschein gegen ein Jahresticket für den Nahverkehr tauschen

Die Polizei begrüßt solche Maßnahmen. Dominic Geißler merkt allerdings an, dass Senioren die freiwillige Abgabe ihres Führerscheins grundsätzlich als Verlust ihrer Freiheit ansehen. Und der Tausch funktioniere nur, wenn der Nahverkehr vor Ort entsprechend ausgebaut sei. Dennoch ermuntert der Polizeisprecher dazu, das Thema bei Betroffenen anzusprechen: „Angehörige oder auch Polizeibeamte sollten durch Aufzeigen von alternativen Fortbewegungsmöglichkeiten versuchen, Senioren zur Abgabe des Führerscheins zu bewegen.“

Das Modell Jahresticket statt Führerschein wird auch angenommen, wie eine Nachfrage bei den Landratsämtern ergibt. Seit Anfang 2017 haben im Unterallgäu 146 Personen ihren Führerschein gegen eine Senioren-Jahresnetzkarte des Verkehrsverbunds Mittelschwaben getauscht. Im ersten Jahr sei die Resonanz am größten gewesen, teilt Stefanie Vögele von der Pressestelle das Landratsamts mit. Im Kreis Neu-Ulm holten sich seit Jahresbeginn 47 Senioren ein Gratisticket. Wie Manuel Fink, Leiter der Führerscheinstelle sagt, stammten die meisten von ihnen aus dem Stadtgebiet Neu-Ulm. Dort ist das ÖPNV-Angebot besser als auf dem Land.

Einen Artikel über einen ungewöhnlichen Vorfall an einer Tankstelle in Weißenhorn lesen Sie hier: Verunreinigtes Benzin: So kam das Regenwasser in den Tank

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