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Die Worte der Stunde in Zeiten von Corona: Stand jetzt

Meinung von Von Michael Schreiner
06.03.2020

In Zeiten von Corona: Wenn sich alles minütlich ändern kann und nichts mehr gewiss ist, gibt eine Redewendung den nötigen Halt - Stand jetzt.

In Zeiten der Unsicherheit ist es die Floskel der Stunde. Nichts ist gewiss, es gibt nur Momentaufnahmen, Zwischenstände – aber keine Unumstößlichkeiten. Ostern? Findet statt – Stand jetzt. Staatsopernpremiere am Sonntag in München? Geht über die Bühne – Stand jetzt. Garantien können nicht gegeben werden, wir leben schließlich mit dem Coronavirus, dem unsichtbaren Faktor X. Alles ist fragil, weil die Gefährdungslage immer neu beurteilt werden muss. Zusagen gelten nur unter Vorbehalt. Veranstalter und Publikum haben einen schweren Stand. Stand jetzt wird das noch eine ganze Weile so bleiben. Olympische Spiele in Japan? Finden statt – Stand jetzt. Darauf wetten möchte keiner. Was eben noch feststand (oder in der Zeitung), kann bald schon hinfällig sein. Wir leben in Twitterechtzeit. Jederzeit können „Verantwortliche“ Abstand nehmen von dem, was gestern Stand der Dinge war. James Bond ist vorerst gestorben.

Stand heute sind Aussagen, die mit „auf jeden Fall“ beginnen, mehr als wacklig, ja Makulatur. Wer immer etwas plant, hat einen schweren Stand. Selbst dort, wo Stände schon halb aufgebaut sind, können Optimisten nicht sicher sein. Widerstand zwecklos. Leipzig liest nicht. Besondere Umstände, Absage – und schon müssen wir Abstand nehmen sogar von Gepflogenheiten, die noch vor einigen Wochen als unumstößlich galten.

Wie lange gibt es noch Klopapier?

Weihwasserbecken in den Kirchen bleiben trocken – Stand jetzt auf unbestimmte Zeit. Das Starkbierfest in Rosenheim aber soll stattfinden – Stand jetzt und vorbehaltlich der weiteren Entwicklung. Zur Stunde ist alles reversibel, das ist der Standard. Ein Land im Bann der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Leben im Modus Stand-by. Wie lange gibt es noch Klopapier?

Aktualität und Nervosität zwingen offenkundig immer mehr Sprecher, sich in die Formel „Stand jetzt“ zu flüchten. So wird alles vorläufig bis zum nächsten Update, bis zur nächsten Information. Neue Empfehlungen, Maßnahmenkataloge, Dekrete, Erkenntnisse: Es kann sehr schnell passieren, dass da jemand verkünden muss, das, was gestern jetzt war, heute nicht mehr gilt. Was bisher nicht infrage stand, kann heute – Stand jetzt – schon kippen. Steht irgendwo ein Risiko in Aussicht, steht einer bereit, der sich nicht imstande sieht, die Verantwortung zu übernehmen. Die Standpauke dieser Tage lautet: Man weiß nie. Besser nicht. Finger weg. Meiden. Verzichten. Schließen. Verschieben. Absagen. Eingraben.

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