Ein französischer Philosoph hat angesichts des 11. September, der Anschläge auf die USA, dereinst sinngemäß gesagt, dass, wenn sich die Ereignisse überschlagen, man umso mehr innehalten müsse. Er konnte sich dann allerdings selbst nicht an seinen eigenen Ratschlag halten, so wie jetzt, nach dem 7. Oktober, dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel, da hierzulande und weltweit ebenfalls wieder aufgeregt durcheinander und übereinander geredet wird. Vor allem dort, wo keine Menschen sterben.
Worte zeigen zeigen stets zwei Seiten auf
Aber vielleicht lässt sich das ja auch gar nicht hintergehen, fordern doch Ereignisse, je schrecklicher sie sind, umso mehr Erklärung, Einordnung, Worte. Worte aber sind immer eine zweiseitige Sache, sie bezeichnen nicht nur ihre offensichtliche Seite, sondern zeigen damit auch stets auf die in ihrem Schatten, das, wovon sie sich abgrenzen. Und das umso mehr, je stärker ein Ereignis, auf das sie sich beziehen, je stärker aufgeladen das Wort. Worte können in diesem Sinne, in solchen Situationen also mehr teilen, als dass sie vereinen.
Warum nun aber diese küchensprachphilosophische Einleitung? Weil das Sprechen über das, was da in Israel passierte und passiert, ein doppelt Schwieriges ist. Weil es so schrecklich ist. Und weil es – so geht es zumindest mir und anders als persönlich kann man hier nicht argumentieren – einem als Deutschen überhaupt schwerfällt, dazu etwas halbwegs Angemessenes zu sagen, schreiben. Aber vielleicht ist gerade deswegen die Beobachtung dessen, was gegenwärtig gesagt, wie wiederum darauf reagiert wird, umso ertrag- und aufschlussreicher.
Was genau bedeutet eigentlich Solidarität?
Ein Wort, dass in den letzten zwei Wochen jedenfalls oft zu hören war, ist das der Solidarität (bei Robert Habeck sogar „uneingeschränkt“, so wie weiland Gerhard Schröder nach Nine Eleven). Doch was bedeutet diese Solidarität?
Auf politischer Ebene scheint die Sache ziemlich eindeutig: Die Bundesregierung und allen voran der oft wegen seines Zögerns und seiner Nicht-Sprache kritisierte Kanzler ist eindeutig – ja, Letzterer klang sogar mit seiner auch in Israel wiederholten Warnung gegenüber Iran und der Hisbollah wie vielleicht kein Regierungschef vor ihm und fast so, als kreuze ein deutscher Flugzeugträger vor der levantinischen Küste. Klare Worte, die in unklaren Zeiten nötig sind.
Was macht Solidarität in der Bevölkerung aus?
Warum aber in den Zentralorganen deutscher Öffentlichkeit, nämlich den einschlägigen Talkshows, bereits erregt und in einem schieren Akt der Selbsterhöhung darüber diskutiert wird, ob die „Staatsräson“ denn auch gebiete, im Zweifel deutsche Soldaten nach Nahost zu schicken, erschließt sich schon weniger (unabhängig davon, dass dort unter UN-Kommando schon welche sind). Nein, diese Frage stellt sich nicht, auch nicht in Israel, eher die, was denn nun diese Solidarität eine Ebene tiefer, im Inland, in der Bevölkerung, der Öffentlichkeit, im Diskurs ganz konkret ausmacht.
Diese Woche, in der es in Berlin wiederholt Krawalle gab, Brandsätze gegen ein jüdisches Gemeindehaus flogen, diese Woche jährte sich auch wieder der Tag der ersten Judendeportation von Gleis 17 in Grunewald. Bei der Gedenkveranstaltung waren gerade einmal hundert Menschen, während auf Tausenden Twitter-Accounts die israelische Flagge die ukrainische ersetzt hat. Alles hohl also? Interessiert uns überhaupt jüdisches Leben hierzulande, das zu schützen wir ja momentan wieder einmal kaum in der Lage sind? Man weiß es nicht.
Zizek verurteilt Gewalt der Hamas, fordert aber Verständnis für Palästinenser
Diese Woche gab es allerdings auch noch ein beachteteres Ereignis, nämlich die Eröffnungsrede eines anderen Philosophen auf der Frankfurter Buchmesse. Slavoj Zizek verurteilte darin die Gewalt der Hamas, forderte aber auch Verständnis für die Palästinenser. Und dieses „aber“ sorgte für tumultartige Szenen im per se ja eigentlich bildungsbürgerlichen Publikum, die man sonst nur von linken Asta-Aktivisten kennt, wenn es darum geht, einem ihrem Weltbild missliebigen Vortrag zu „canceln“.
Heißt Solidarität also, empört den Saal zu verlassen, wenn etwas, was vor 15 Tagen noch Konsens gewesen wäre, ausgesprochen wird? Ist das schon der Schatten, das Gegenteil von Solidarität? Gibt es wirklich nur die eine Seite? Oder macht man es sich zu einfach, nur diese sehen zu wollen? Unbequeme Fragen fürwahr, und damit das klar ist: Diese richten sich momentan nicht an jüdische Mitbürger, nicht an die unter Schock stehenden Israelis. Denn wie der ehemalige Ministerpräsident Ehud Barak sagt: Jetzt ist nicht die Zeit, das zu diskutieren.
Philosophin Judith Butler relativiert Terror der Hamas
Zizek war auf jeden Fall eindeutiger als seine Kollegin Judith Butler, die den barbarischen Angriff der Hamas mehr oder weniger als bloße Folge der blutigen Geschichte in Nahost auffasst und sich weigert, ohne diesen Kontext überhaupt darüber sprechen oder gar den aktuellen Terror verurteilen zu wollen. Das ist allerdings Relativierung in Reinkultur.
Relativierung – noch so ein Wort, das in Deutschland besondere Bedeutung hat und zurück führt in die 80er und den Historikerstreit, also die Debatte, wie singulär und mit nichts zu vergleichen der Holocaust war. Jener millionenfache Mord, an den sich die israelischen Bürger, deren Staat ja als Schutzraum, als eine Garantie des „Nie wieder!“ errichtet wurde, jetzt gerade ganz besonders wieder erinnert fühlen. Und der die Debatte hierzulande ebenfalls überschattet.
In einer Demokratie gilt es, sich auch andere Perspektiven anzuschauen
Reicht es da, lediglich eine israelische Fahne zu hissen? Und noch mehr: Können wir zulassen, dass auf unseren Straßen palästinensische zu sehen sind, so wie es ein Gericht in München nach anfänglichem Verbot nun gestattet hat? Wir müssen es, solange es sich um eine Meinungsäußerung auf dem Boden des Grundgesetzes handelt.
Und wir, also wir, müssen uns, im demokratischen Rahmen, auch andere Standpunkte anhören und nicht etwa gratismutig nur auf eine Seite starren. Aber gleichzeitig selbstverständlich Antisemitismus entgegentreten. Mit dem Gesetz. Und auch jenen, die wie jetzt etwa Greta Thunberg zum globalen Streik gegen den „Genozid in Gaza“ aufrufen. Mit Worten.
Schweigen als Voraussetzung für Reden
Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Wir verteidigen sie auch mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Welches im Übrigen nicht ausschließt, angesichts des übergreifenden Schreckens auch einfach mal kurz zu schweigen, vielleicht ja, frommer Wunsch, gemeinsam. Als Voraussetzung, dass Reden dann überhaupt erst wieder beginnen kann.