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Landsberg

04.06.2019

Lesung in Landsberg: Wie Theo Waigel zum „Mister Euro“ wurde

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Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel stellte im Historischen Rathaus in Landsberg seine Autobiografie vor.
Bild: Thorsten Jordan

Vom Heimatbegriff, der Verbindung zu Kohl und Strauß bis hin zu kuriosen Anekdoten: Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel präsentiert in Landsberg seine Autobiografie.

„Mister Euro“ zu Besuch im Festsaal des Historischen Rathauses in Landsberg: Theo Waigel, der frühere CSU-Bundesfinanzminister, stellte dort auf Einladung der Buchhandlung Osiander seine Autobiografie „Ehrlichkeit ist eine Währung“ vor. Waigel habe, so Oberbürgermeister Mathias Neuner, mit dem Bemühen um eine gemeinsame Währung einen großen Beitrag zum Frieden in Europa geleistet. Waigel, der Ende April seinen 80. Geburtstag feiern konnte, erzählte den etwa 80 Zuhörern zunächst, was ihn dazu bewegt habe, seine Erinnerungen aufzuschreiben und zu veröffentlichen.

„In den beiden Weltkriegen haben Millionen von Menschen ihr Leben lassen müssen. Mit den Aufzeichnungen will ich beweisen, dass ihr Opfer nicht umsonst war.“ Im Buch schreibt Waigel zunächst von den Briefen seines Bruders Gustl, der als 18-Jähriger in den Kriegsjahren 1943/44 an der Westfront stationiert war und dort fiel. „Ich habe ihnen bewusst viel Raum gegeben“, so Waigel, „weil sie ein Zeugnis gegen Krieg und Nationalismus sind.“ Intensiv beschäftigt sich der Autor auch mit dem für ihn wichtigen Begriff „Heimat“. „Was ist das? Wo ist das?“, habe er sich gefragt. Heimat sei für ihn der Garten in Oberrohr (Landkreis Günzburg), wo er aufgewachsen ist und lange lebte. Heimat sei auch sein derzeitiger Wohnort Seeg (Ostallgäu). Die Religion vermittle ihm ebenfalls dieses Gefühl.

Respekt gegenüber den anderen Politgrößen war ihm immer wichtig

„Heimat ist das Kloster Roggenburg, sind die Akademien in München (katholisch) und Tutzing (evangelisch).“ Heimat habe allerdings gesellschaftlich einen neuen Stellenwert erhalten, darin eingeschlossen seien Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen.

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Theo Waigels politischer Laufbahn, den Weggefährten, den Begegnungen, den Erlebnissen auf dieser Bühne, dem ist – natürlich – der größte Teil des Buches, dessen Untertitel schlicht „Erinnerungen“ ist, gewidmet. Franz Josef Strauß sei er bereits 1955 zum ersten Mal begegnet – bei der Beerdigung des Krumbacher Landrats und BBV-Präsidenten Fridolin Rothermel. Dieser stammte ebenfalls aus Oberrohr. Der Schüler Waigel hatte sich für die Bestattung vom Unterricht befreien lassen. Unvergessen sei ein Flug mit Strauß als Pilot nach Moskau inklusive Landung bei heftigem Schneefall und vereister Piste. Weiter beschreibt Waigel sein Verhältnis zu und die 40 Jahre Freundschaft mit Helmut Kohl, den er – wie auch Strauß – „niemals angelogen“ habe. Wichtig sei ihm stets der respektvolle Umgang miteinander gewesen.

Auch fernab der eigenen Partei hatte er Freunde

So sei ihm auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) ein guter Freund geworden. Die deutsche Einheit: „In greifbarer Nähe schien sie uns nicht.“ Obwohl niemand so richtig darauf vorbereitet war, sei es doch gelungen, den Einigungsprozess in dreieinhalb Jahren abzuwickeln. Da war Waigel bereits Finanzminister und Herr über das Staatsvermögen. Er habe von Gorbatschow schon mal zu hören bekommen, „du bist ein Geizkragen“.

Ein schwieriges Kapitel sei für ihn gewesen, als er ins Fadenkreuz der RAF geriet – was aber im Buch mitunter auch für heitere Momente sorgt. Etwa, wenn Waigel erzählt, dass in der Zeit, als er ständig von Bodyguards umgeben war, 56 Bürger von Oberrohr vorübergehend ihren Führerschein verloren, „weil auch ein sogenannter Promille-Pfad kontrolliert wurde“. „Jean Claude Juncker war euphorisch“, erinnert sich Waigel, als die Idee einer gemeinsamen Währung entstand. Nur der Name „Euro“ sei ihm „nicht sonderlich erotisch“ erschienen.

Einen Tipp hat er in Sachen SPD

„Politik war früher nicht einfacher als heute“, betonte Theo Waigel in einer der Lesung sich anschließenden Fragerunde. „Die Zeiten waren nicht ruhiger. Auch früher wurden Währungen gestützt, gab es Flüchtlingsproblematik.“ Er selbst habe in der Politik alles erlebt. „Ich war 14 Jahre in der Opposition und 16 Jahre in der Regierung.“ Der Soli, die ebenfalls von ihm als Finanzminister eingeführte Ergänzungsabgabe, sollte stufenweise abgebaut werden, empfahl Waigel. Und zu den aktuellen politischen Ereignissen erklärte der 80-Jährige: „Die Große Koalition ist auf Dauer schlecht für alle Beteiligten.“ Der SPD riet er, sich nicht abzuwenden von ihren erfolgreichen Politikern, wie beispielsweise Gerhard Schröder. „Wir brauchen die SPD als Partei.“

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