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Ulm/Landkreis Neu-Ulm

20.01.2019

Brauchen wir weniger Kirchen?

In der alten Christuskirche in Illertissen werden noch immer Hochzeiten gefeiert. In das alte Gotteshaus ist der Gastronomiebetrieb Projekt Gastraum eingezogen.
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In der alten Christuskirche in Illertissen werden noch immer Hochzeiten gefeiert. In das alte Gotteshaus ist der Gastronomiebetrieb Projekt Gastraum eingezogen.
Bild: Regina Langhans

Plus Hotel, Kulturzentrum, Gotteshaus einer anderen Konfession – das ist im Kreis Neu-Ulm und in Ulm aus früheren Kirchen entstanden. Die Entwicklung geht weiter.

Die alte Christuskirche in Illertissen ist kein Gotteshaus mehr, doch geheiratet wird hier immer noch. Im Mai 2018 hat dort das Projekt Gastraum eröffnet: eine Mischung aus Hotel, Bar, Café und Restaurant. Kann das ein Beispiel für andere Kirchen sein? Kirchen zu unterhalten kostet Geld. Lohnt sich das, wenn sie nur an Weihnachten und Ostern voll sind?

Lesen Sie auch den Kommentar: Kirchen sind auch für Nichtchristen erhaltenswert

Das evangelische Dekanat Ulm hat vor zwölf Jahren die Paul-Gerhardt-Kirche auf dem Kuhberg aufgegeben und abreißen lassen. Eine wirtschaftliche Entscheidung. „Der Unterhalt einer Kirche kostet ungefähr 70000 Euro im Jahr“, sagt Ernst-Wilhelm Gohl, Dekan der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm. Bauunterhalt, Heizung, Mesner – all das muss bezahlt werden. Mit dem Verkauf des Grundstücks habe man das Gemeindehaus bei der Martin-Luther-Kirche finanziert, berichtet Gohl. Diese steht nur etwas mehr als einen Kilometer vom abgerissenen Gotteshaus entfernt und nahm die Gläubigen auf. Die Paul-Gerhardt-Kirche war ein Nachkriegsbau aus Beton, bei dem viele Arbeiten nötig gewesen wären. Die im Krieg zerstörte Dreifaltigkeitskirche dagegen wurde in den 80er Jahren wieder aufgebaut – aber nicht als Gotteshaus, weil es dafür keinen Bedarf mehr gab. Das Gebäude beherbergt heute das Kulturzentrum Haus der Begegnung.

In Ulm wurde eine Kirche abgerissen

Eine gelungene Entscheidung, findet Gohl. Der Entschluss, die Paul-Gerhardt-Kirche aufzugeben, sei dagegen schwer gefallen. Einen älteren Sakralbau, glaubt der Dekan, hätte man nicht abgerissen. „Kirchen prägen das Stadtbild, sie sind identitätsstiftend“, sagt er. So sieht es auch sein Amtskollege Jürgen Pommer. Der evangelische Dekan von Neu-Ulm fügt an: „Die Identifikation ist auf dem Land noch höher als in der Stadt. Und an den Kirchen hängen viele Emotionen und Erinnerungen.“ Schon bei der Umgestaltung eines Altarraums müsse man behutsam vorgehen. Leichtfertig werde keine Kirche und kein Gemeindehaus aufgegeben. „Das wird nie am Anfang einer Überlegung stehen“, betont der Geistliche. Ausschließen will Pommer einen solchen Schritt aber nicht: Die evangelische Landeskirche hat ein bayernweites Immobilienkonzept entwickelt. Darin geht es auch um die Frage, welche Gebäude in den kommenden Jahrzehnten womöglich aufgegeben werden müssen. Auch im evangelischen Dekanat Neu-Ulm gibt es solche Überlegungen. Welche Orte betroffen sein könnten, will Pommer nicht verraten. Die Überlegungen stünden noch am Anfang. Entscheidungen könnten nur zusammen mit den Kirchenvorständen betroffener Gemeinden und nur nach intensiven Gesprächen gefällt werden.

Im katholischen Dekanat Neu-Ulm spielen solche Gedanken keine Rolle. „Das ist kein Thema, das uns betrifft“, sagt Martin Straub, Pfarrer in Vöhringen und Dekan. „Die Kirchen werden genutzt und auch erhalten.“ Zum Teil handle es sich um historische Gebäude, deren Unterhalt anspruchsvoll sei und die ein Ortsbild prägen. „Die Bedeutung der Kirchen geht über das Religiöse hinaus“, ist Straub überzeugt.

Katholische und evangelische Kirchen für orthodoxe Christen

Ulrich Kloos leitet das katholische Dekanat Ehingen-Ulm. Der Wiblinger Pfarrer sagt: „Selbst wenn es keine Gottesdienste mehr gibt – so lange es jemanden gibt, der eine Kirche aufschließt, würde ich sie stehen lassen.“ Kloos sieht in den Gotteshäusern Räume, in denen Menschen beten und Ruhe finden können. Ganz gleich, ob eine Messe gefeiert wird oder nicht.

Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil der Katholiken und Protestanten in Deutschland um 15 Prozentpunkte gesunken. Diese Zahlen hat die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlicht. „Die Entwicklung hier weicht nicht von der allgemeinen ab“, sagt Dekan Straub.

Auch hier gibt es Kirchen, die kaum genutzt werden. Und es gibt Kapellen, in denen jetzt andere Religionsgemeinschaften feiern. Die Ulmer evangelische Kirche hat die Valentinskapelle neben dem Münster der russisch-orthodoxen Gemeinde zur Verfügung gestellt. Und in der katholischen Nikolauskapelle auf dem Wiblinger Friedhof treffen sich rumänisch-orthodoxe Christen für ihre Gottesdienste. In anderen Ulmer Kirchen feiern kroatische, italienische, polnische oder portugiesische Katholiken Messen in ihrer Muttersprache. „Ein christliches Haus in andere christliche Hände zu geben, ist vielleicht sogar eine Verpflichtung“, sagt der katholische Neu-Ulmer Dekan Straub.

Ulm/Neu-Ulm: Könnte eine Kirche zur Moschee werden?

Könnte eine Kirche auch zur Moschee werden? Der evangelische Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl sieht das kritisch. „Mit den Gebäuden wird der christliche Glaube verbunden“, begründet er. Sein Neu-Ulmer Amtskollege Jürgen Pommer will sich nicht festlegen. „Das hängt von der Situation ab. Gibt es schon Begegnungen und freundschaftliche Kontakte zwischen christlicher und islamischer Gemeinde, sodass für die Kirchengemeinde die neue Nutzung als Moschee stimmig und nachvollziehbar wäre? Welcher Strömung gehört die islamische Gemeinde an? Es braucht in jedem Fall sehr viel Fingerspitzengefühl.“

Auch den Illertisser Ansatz, aus einer Kirche ein Lokal zu machen, sieht Pommer entspannt. „Das Projekt hat seinen Charme“, sagt er. Denn das Projekt Gastraum sehe sich wie eine Kirche als ein Ort der Begegnung. Doch er gesteht: „Es bleibt eine gewöhnungsbedürftige Lösung.“ Der katholische Dekan Straub sieht das anders: „Mir tut das weh“, bekennt er. „Es ist ein geistliches Armutszeugnis, wenn eine Kirche zum Café wird.“ \u0009"Kommentar

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