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Ulm

13.03.2018

Dieses Schild soll bei einem Amoklauf Leben retten

So sieht ein EOS-Schild aus: 0 steht für Erdgeschoss, die Nummer dahinter für ein Klassenzimmer. Darunter zeigen Wegweiser nahegelegene Räume an.
Bild: Alexander Kaya

Polizisten haben nach dem Amoklauf von Winnenden ein System entwickelt, das Einsatzkräfte schnell an den Tatort lenkt. Jetzt haben sie es in Ulm vorgestellt.

Ein Lehrer hat einen Kreislaufzusammenbruch. Ein Experiment im Chemiesaal geht schief und löst eine kleine Explosion aus. Ein Bewaffneter läuft durch das Schulhaus und schießt um sich. Notarzt, Feuerwehr und Polizei müssen in Minutenschnelle im Gebäude sein – und im richtigen Raum. Peter Hönle hat einen Amoklauf hautnah erlebt. Der Leitende Polizeidirektor aus Aalen hat den Einsatz an der Albertville-Realschule in Winnenden koordiniert, wo ein ehemaliger Schüler am 11. März 2009 um sich schoss, zwölf Menschen das Leben nahm und auf seiner Flucht drei weitere Opfer in den Tod riss. Hönle und Kollegen von der Polizei Aalen haben nach dem Angriff ein System entwickelt, das Einsatzkräften helfen soll, schnellstmöglich an den Tatort zu gelangen.

Drei Mal ist im Herbst 2017 ein Amok-Alarm an der Ulmer Friedrich-List-Schule ausgelöst worden. Drei Mal waren es Fehlalarme. Sie haben das Bewusstsein geschärft, wie schnell der Ernstfall eintreten kann. Am Montagnachmittag hat Polizeidirektor Hönle gemeinsam mit seinem Kollegen Leo Keidel in Ulm das Einheitliche Orientierungssystem Schule (EOS) vorgestellt. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Filius hatte die Aalener Polizisten an die Donau eingeladen. Das System ist in Ulm bekannt, einen Teil hat das Gebäudemanagement der Stadt umgesetzt.

Bewaffnete Polizisten beim Amok-Fehlalarm an der Ulmer List-Schule.
Bild: Alexander Kaya

Hönle und Keidel sind – so sagen sie selbst – als Missionare, Betroffene und Handlungsreisende unterwegs, um für ihr System zu werben. "Ich wünsche keinem, dass er diese Erfahrungen macht“, sagt Hönle. "Wir haben auf die heiße Herdplatte gefasst.“Warum es bei Einsätzen auf Minuten ankommt, kann der Polizist plastisch schildern. Gerade einmal fünf Minuten dauerte es, bis das erste Polizistenteam nach dem ersten Notruf an der Realschule in Winnenden eintraf. Gerade einmal eine Viertelstunde wütete der Täter dort. Jede Minute mehr hätte weitere Menschenleben kosten können. Hönle beschreibt einen Eindruck der Beamten aus dem Einsatz: "Zum Teil klingelt das Handy in der Tasche, auf dem Display steht "Mama“ und das Mädchen ist tot.“

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Das System EOS setzt auf gut sichtbare Hinweisschilder

Die Antwort, die die Aalener Polizisten gefunden haben, um Einsatzkräfte schneller zum Ort des Geschehens zu bringen, klingt simpel: Schilder in polizeiblauer Farbe mit einer einheitlichen, logischen Zimmernummerierung und einem Signet, das pro Gebäude eine eigene Farbe hat. Die Schilder sind, anders als sonst üblich, gut sichtbar außen über den Türen angebracht. Dadurch ist es nie durch Personen oder Plakate verdeckt. Ein zweites Schild hängt innen in den Räumen, damit Anrufer bei 110 oder 112 genau sagen können, wo sie sich befinden. Auch Eingänge, Übergänge und Treppen sind gekennzeichnet. Die Pläne der Gebäude liegen bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Wer zu einem Einsatz in der Schule gerufen wird, kann sich über Funk durchs Gebäude weisen lassen. Weil EOS überall der gleichen Logik folgt, können sich auch ortsfremde Polizisten, Notärzte und Feuerwehrleute schnell zurecht finden.

Ulm hat zuletzt Notfallknöpfe an Schulen installiert

Wie viel solche Wegweiser ausmachen können, beschreibt Leo Keidel, Erster Polizeihauptkommissar im Präsidium Aalen. Für eine Bachelorarbeit hat ein Polizistenteam in einer Schule ohne Beschilderung geübt und danach im gleichen Gebäude mit EOS. Im ersten Fall brauchten die Beamten elf Minuten, um den richtigen Raum zu finden, im zweiten Fall nur noch zwei. Neun Minuten, die über Leben und Tod entscheiden können. Keidel sagt: "Das System kann seinen Effekt nur erzeugen, wenn es flächendeckend eingesetzt wird.“ Im Rems-Murr-Kreis, in dem die Stadt Winnenden liegt, haben 28 von 31 Kommunen EOS eingeführt. Auch andere Orte, unter anderem im Kreis Günzburg, haben das System übernommen.

Ulm gehört nicht dazu. Gerhard Semler, Leiter der städtischen Abteilung Bildung und Sport, kritisiert, dass es bislang keine verbindliche Bestimmung gibt, EOS einzuführen. Die Stadt habe das Problem der Notfall-Beschilderung im Blick, der Gemeinderat wolle es in diesem Jahr diskutieren. Zuletzt sind in Ulmer Schulen Notfallknöpfe installiert worden. Bei der nächsten Ausbauinitiative an den 50 städtischen Schulen müsse EOS in Angriff genommen werden, sagt Semler. Geht es nach Grünen-Stadtrat Michael Joukov, wird die mögliche Einführung des Leitsystems für Einsatzkräfte bei der Sicherheitsdebatte des Gemeinderats im Mai besprochen.

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