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Fußball

22.01.2020

Ex-Schiri Knut Kircher in Illerrieden: "Herr Kahn, bitte nicht beißen"

Mit Oliver Kahn verbindet Ex-Bundesligaschiedsrichter Knut Kircher die ein oder andere Geschichte. In dieser Woche war Kircher zu Gast bei den SF Illerrieden.
Foto: Bernd Thissen, dpa (Archiv)

15 Jahre lang war Knut Kircher Bundesliga-Schiedsrichter. In Illerrieden spricht er über die Arbeit als Unparteiischer und über den Umgang mit schwierigen Profis.

Wie viele Fußballregeln gibt es eigentlich? Im Sportheim der SF Illerrieden ist man sich darüber uneins am Dienstagabend. 70 meint einer. 120 ein anderer, es gleicht fast schon einer Szene wie im Auktionshaus Sotheby’s. Allerdings geht es nicht um Autos, Vasen oder Gemälde, sondern um etwas, das viel wertvoller ist: Recht zu haben. Nur hat niemand Recht an diesem Abend oder behält sein wertvolles Wissen für sich. Knut Kircher beobachtet das ganze jedenfalls mit einem süffisanten Lächeln. „Es sind 17“, sagt er schließlich. Der Auktionshammer ist gefallen, gewonnen hat niemand. Wirklich traurig ist darüber keiner der Gäste, denn gegen Kircher kann man eigentlich nur verlieren. An die 250 Spiele in der Fußball-Bundesliga hat er als Schiedsrichter geleitet, über 120 Zweitliga-Spiele, Partien im DFB-Pokal, Länderspiele und so weiter. Es war also keine schlechte Idee von den Schiedsrichtern der SF Illerrieden, den 50-Jährigen einzuladen, damit der ihnen etwas über die „Freude am Entscheiden“ erzählt. Kircher pfeift keine Profi-Spiele mehr, dafür ist er für den DFB zu alt, der eine Altersgrenze von 47 Jahren für seine besten Schiedsrichter gezogen hat. Trotzdem hat er ein paar Dinge zu erzählen. Zum Beispiel, wie man mit dem „Vulkan“ Oliver Kahn umgeht.

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Knut Kircher sagt, es sei wichtig, immer authentisch zu sein. Das habe für ihn auf dem Platz gegolten und im Alltag sowieso. Die Konsequenz des Tübingers: Mit den Spielern sprach er schwäbisch. Auch in Illerrieden hält er sich daran und schwäbelt fleißig drauf los. „Fußball isch oifach. Deshalb quatscht jeder mit“, sagt Kircher, der für einen Stuttgarter Autobauer arbeitet und nebenher launige Vorträge hält. Dass der Sport manchmal aber eben nicht einfach ist, belegt er mit einer Szene. Sie stammt aus

Knut Kircher

dem Jahr 2015, genauer aus dem Zweitliga-Relegationsspiel von 1860 München gegen den damaligen Drittligisten Holstein Kiel. In der 77. Minute baute sich Münchens Christopher Schindler vor Kircher auf und äußerte seinen Unmut über diverse Entscheidungen. Irgendwann reichte es dem Offiziellen. Zuerst legte er den Finger auf Schindlers Brust, um ihn fort zu drücken, dann wurde aus dem Finger eine Faust, untermalt mit eindrücklichen Worten. Schindler ließ ab und gleichzeitig kam über Kirchers Headset der Hinweis vom Linienrichter, dass Schindler schon Gelb gesehen hatte. Doch Kircher schickte den Spieler beim Stand von 1:1 nicht vom Feld. Es war eine Ermessenssache. „Wenn ich Schindler mit Gelb-rot vom Acker haue, entscheide ich das Spiel“, sagt Kircher. Es war schließlich eines mit einer besondere Ausgangslage und dazu noch in der normalerweise nicht sehr hitzigen Allianz-Arena, die an diesem Tag sehr hitzig war. 1860 gewann schließlich mit 3:1. Für seine Vehemenz bekam Kircher viel Lob, aber ihn beschäftigt eine Sache: „Was wäre gewesen, wenn Schindler nach hinten gefallen wäre?“ Dann wäre aus dem souveränen Schiri der Buhmann geworden.

Ex-Bundesligaschiedsrichter Knut Kircher hält bei den SF Illerrieden einen Vortrag

Was Kircher damit zeigen möchte: Ein Schiedsrichter muss viel mehr tun, als in den Regeln steht. Er muss Situationen in Sekundenbruchteilen bewerten, während in der Bundesliga an die 30 Kameras auf ihn gerichtet sind und mehrere zehntausend Zuschauer unmittelbar herausposaunen, was sie von der Leistung des Unparteiischen halten. Dazu kommen Ermessensentscheidungen, die teils von den Regeln abweichen. Trikot ausziehen ist eigentlich Gelb. Was aber, wenn der Spieler unter dem Leibchen das identische Trikot trägt und das ausgezogene beim Torjubel einem Rollstuhlfahrer schenkt (wie das Giovanne Elber mal getan hat)? Schwierig, findet Knut Kircher. Einerseits sei es fragwürdig, einen Spieler für so eine Geste zu bestrafen, andererseits habe die Bundesliga eine „Schaufenster“-Funktion. Wenn nicht dort die Regeln konsequent befolgt werden, wo dann? Elber sah übrigens keine Gelbe Karte.

Damit erging es ihm besser als seinem damaligen Teamkollegen Oliver Kahn. Der foulte in einem DFB-Pokalspiel einen Hannoveraner eine Viertelstunde vor Schluss im Strafraum – beim Stand von 5:0 für Bayern. Klare Sache: Elfmeter und Gelb. Nun kannte Kircher Oliver Kahns Temperament („neben dem Platz ein toller Kerl, im Spiel ein Vulkan“). Wie sollte er dem Torwart also die Gelbe Karte zeigen? „Ich habe ihm von weitem angekündigt: Herr Kahn, ich komme jetzt her und muss Ihnen Gelb zeigen. Bitte nicht beißen.“ Auf Schwäbisch natürlich.

Das sagt Knut Kircher über...

...den Videobeweis: „Ich finde ihn grundsätzlich gut, glaube aber, dass man an zwei Dingen arbeiten muss: Er muss schnell und transparent sein. Heißt: Alles, was in drei bis fünf Sekunden nicht aufgelöst werden kann, liegt im Toleranzbereich. Und die Leute im Stadion müssen wissen, was los ist.“

...das Handspiel: „Tja, das ist nicht einfacher geworden. Was man beachten muss ist die Dynamik und Schnelle der Situation. Es ist sehr schwer zu sagen, was ein ’normaler Bewegungsablauf’ ist und was nicht.

...Theatralik im Fußball: „Ich gucke immer neidisch zum Handball, dort war man über die Jahre konsequenter in der Bestrafung. Jetzt gibt es zwar Karten für Trainer und Spieler, die sich zu sehr aufregen, aber ich habe das Gefühl, das flacht schon wieder ab. Auch, weil es ständig Diskussionen darüber gibt. Lasst es doch erst mal wirken. Da sind aber alle gefragt, auch die Zuschauer. Im Fußball muss man sich die Frage stellen: Wie wollen wir wirken?

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