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Nördlingen

17.07.2020

Nördlinger Ärzte vermuten Corona-Kollateralschäden wegen vermiedener Behandlungen

Das Stiftungskrankenhaus Nördlingen erlebt einen großen Patientenansturm. Verschiebbare Operationen sind im Frühjahr abgesagt worden. Möglicherweise haben Patienten aber von sich aus auch wichtige Arztbesuche unterlassen.
Bild: Philipp Wehrmann

Plus Viele Patienten mieden in den vergangenen Monaten Behandlungen – teilweise auch notwendige. Ein Herzspezialist und ein Ärztevertreter schildern ihre Erfahrungen.

Als die Corona-Pandemie begann, fürchteten Ärzte, dass nicht nur das Virus selbst, sondern auch fehlende Behandlungen ihre Patienten gefährdeten. Planbare Eingriffe wie Hüftoperationen wurden verschoben, aber auch die Behandlungen lebensbedrohlicher Notfälle wie Herzinfarkte gingen nach Zahlen eines AOK-Instituts bundesweit zurück. Auch im Ries betrachten Ärzte diese Entwicklung der vergangenen Monate mit Sorge – sehen die Region aber für eine mögliche zweite Welle gut gerüstet.

Sebastian Völkl, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Nordschwaben für die Kreise Donau-Ries und Dillingen, kennt die Krise aus zweierlei Sichten. Als der Katastrophenfall ausgerufen wurde, war er der jüngste Versorgungsarzt Bayerns. Er war dafür verantwortlich, dass Praxen in der Region genug Schutzmaterialien vom Landratsamt erhielten. Seit der Katastrophenstatus aufgehoben ist, praktiziert der Arzt wieder ausschließlich in den Praxen seiner Mutter Dr. Claudia Völkl in Nördlingen und Amerdingen. Wie blickt er jetzt auf die Situation?

Ärztevertreter für Donau-Ries-Kreis: Routine- und Vorsorgeuntersuchungen kamen zu kurz

Seit März hätten viele Patienten Arztbesuche unterlassen. „Wer akute Schmerzen hatte, kam trotzdem zum Arzt, Routine- und Vorsorgeuntersuchungen aber kamen bei vielen Patienten zu kurz“, sagt er. Die Folge: Der Zustand mancher Erkrankten habe sich verschlechtert, weil viele eigentlich notwendige Untersuchungen nicht wahrgenommen worden seien, etwa die Einstellung von Blutdruck-, Cholesterin- oder Diabetespatienten. Mittlerweile habe sich das gebessert, es sei viel los in der Praxis. Völkl appelliert, dass chronisch Erkrankte dringend wieder Arztbesuche vornehmen sollten.

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Mittlerweile stellt ein neues Problem Hausärzte vor Herausforderungen. Zum 1. Juli ermöglichte der Freistaat Corona-Tests für jeden Einwohner Bayerns, ohne Bedingung. Dieser Schritt hat viel Kritik nach sich gezogen. Auch Völkl hält die Regelung für problematisch. Vor der Praxis hätten sie einen Container, in dem sie Tests problemlos vornehmen können. „Wenn aber ein Patient mit Rückenschmerzen kommt und in der Praxis nach einem Test fragt, wird es schwierig.“ Denn dann müsste er von Anfang an so behandelt worden sein, als wäre er infiziert – ohne Wartezimmeraufenthalt und mit Schutzkleidung zum Beispiel. Gleichzeitig sei das Corona-Testzentrum in Monheim geschlossen worden. Solange es kaum Infizierte gebe, sei das zu verkraften. Sollte sich das ändern, stehen Hausärzte laut Völkl aber erneut vor einem großen Problem. Und es führe dazu, dass Patienten sich anmelden müssten und am Telefon abgefragt werden, mit welchem Anliegen sie kommen.

Sebastian Völkl hat mit seiner Mutter Dr. Claudia Völkl Videosprechstunden in der Coronakrise durchgeführt.
Bild: Matthias Link

Das Stiftungskrankenhaus Nördlingen testet jetzt selbst

Auch in den Krankenhäusern im Kreis sind hohe Anforderungen nötig, damit Infizierte nicht unisoliert in die Häuser gelangen. Grundsätzlich gilt: Jeder Patient wird getestet, ob stationär oder ambulant. Seit einer Woche nun ist vieles einfacher, denn seitdem testet das Labor im Nördlinger Stiftungskrankenhaus selbst auf eine Infektion mit dem Coronavirus, wie Professor Bernhard Kuch, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Stift, sagt. „Vorher mussten wir jeden isolieren, bei dem wir eine Infektion nicht ausschließen konnten, bis das Testergebnis eines externen Labors vorlag.“

Das Stiftungskrankenhaus in Nördlingen erlebe einen „starken Ansturm von Patienten“, sagt Kuch. Während der Corona-Hochphase habe man hauptsächlich Eingriffe wie Hüft- oder Knieoperationen verschoben. „Das konnte zwar dazu führen, dass Patienten länger unter ihren Beschwerden leiden mussten, ansonsten dürfte es aber keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit gehabt haben.“

Nördlinger Herzspezialist beobachtet mehr Herzinfarkte

Nichtsdestotrotz verschlechterte sich der Gesundheitszustand mancher Patienten – weil sie von sich aus zu Hause geblieben seien, obwohl eine Behandlung notwendig gewesen wäre. „Manche haben Infarkte verschleppt, die Folgeschäden sehen wir heute erst“, sagt der Herzspezialist. Niedergelassene Ärzte beklagten, dass Routineuntersuchungen vernachlässigt worden seien. „Wir haben in den letzten 14 Tagen mehr schwere Herzinfarkte behandelt, als jemals zuvor.“ Inwieweit das mit der Coronakrise zusammenhängt, sei allerdings schwer zu sagen.

Chefarzt Professor Bernhard Kuch ist Direktor der Klinik für Innere Medizin am Stiftungskrankenhaus Nördlingen.

Durch die globalen Beschränkungen haben sich auch besonders kuriose Kollateralschäden ereignet: Ein ehemaliger Patient der Klinik saß an seinem Arbeitsort in Singapur fest. Sein Herzschrittmacher wuchs heraus, was laut Kuch sehr gefährlich ist. Dort hätte er umgerechnet 50000 Euro für eine Behandlung zahlen müssen, sodass er erst wieder in Nördlingen behandelt werden konnte, als Flugzeuge Richtung Deutschland starteten.

Sollte es zu einer neuen Infektionswelle durch das Coronavirus kommen, sieht Kuch das Nördlinger Haus gut gerüstet. Man halte einige Betten frei. Er sagt: „Gegebenenfalls könnten wir schnell auf steigende Infektionszahlen reagieren und die Maßnahmen, die wir im Frühjahr bereits ergriffen haben, wieder einführen.“ Er hofft jedoch, dass es nicht soweit kommt.

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