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Halle

09.10.2019

Eine Stadt in Angst: Wie die Menschen in Halle den Angriff erlebten

In Halle und (wie hier) im 15 Kilometer entfernten Ort Landsberg waren am Mittwoch hunderte Polizisten im Einsatz, um den oder die Täter zu finden. Lange war unklar, wie viele an dem Angriff am Mittag in Halle beteiligt waren.
Bild: Jan Woitas, dpa

Durch Schüsse vor der Synagoge und in einem Dönerladen in Halle sterben zwei Menschen. Der Judenhasser flieht - erst nach einem Unfall stoppt ihn die Polizei.

Als der Horror beginnt, feiert die jüdische Gemeinde in Halle die Versöhnung. Jom Kippur ist der höchste Feiertag des Judentums – ein besinnliches Fest, das von der Sorge um die Mitmenschen geprägt ist. Ein Fest, das an diesem Tag in Todesangst endet. Ein schwer bewaffneter Täter versucht, in die Synagoge zu gelangen. Auf dem Bildschirm der Überwachungskamera verfolgen die Gläubigen den Angriff in Echtzeit. Sie sehen, wie der Mann mit einem Gewehr auf den inzwischen verbarrikadierten Eingang schießt. Auch von Sprengsätzen ist die Rede, die vor dem Eingang abgelegt werden.

Der Angreifer scheitert an der Tür und gelangt auch nicht auf den benachbarten jüdischen Friedhof. Die 70 bis 80 Menschen in der Synagoge kommen mit dem Leben davon. Doch draußen fallen die ersten tödlichen Schüsse. Eine Frau, möglicherweise willkürlich ausgewählt, stirbt mitten auf der Straße vor der Synagoge. Kaltblütig von hinten erschossen.

Täter von Halle überträgt seine Morde live

Amateuraufnahmen zeigen einen Mann in grüner Tarnuniform, mit Sturmhaube, Helm und Stiefeln, der in eiskalter Gelassenheit auf einen Dönerladen, nur etwa 500 Meter entfernt, zugeht. Es handelt sich offenbar um einen 27-jährigen deutschen Rechtsextremisten, der seine Wahnsinnstat per Kamera live ins Internet überträgt. Er wirft einen Sprengsatz auf den Laden, der aber am Türrahmen abprallt und vor dem Eingang explodiert.

Eine Stadt in Angst: Wie die Menschen in Halle den Angriff erlebten

Der Täter stürmt hinein und eröffnet das Feuer, er lädt immer wieder nach. Ein Mann stirbt im Kugelhagel. Andere versuchen, sich hinter der Theke zu verstecken oder durch den Hinterausgang zu fliehen. „Ich habe sofort gesehen, dass was falsch ist, weil er hatte halt ein Sturmgewehr und einen Helm“, berichtet ein Gast später in eine Fernsehkamera. Er selbst hatte sich voller Angst in der Toilette des Dönerladens eingeschlossen. „Ich hab noch mal meiner Familie geschrieben, dass ich sie liebe und habe dann gewartet, bis was passiert“, erzählt er.

Erst als die Polizei eintrifft, traut sich der Mann wieder heraus. Auf Videos, die Anwohner aus ihren Fenstern heraus aufnehmen, ist der Täter zu sehen, wie er auf der Straße mit einer Art Schrotflinte um sich schießt. Er zielt anscheinend wahllos auf eine Menschenmenge. Mehrfach lädt er in aller Seelenruhe nach und ergreift anschließend mit einem Auto die Flucht. Im Hintergrund sind bereits Polizeisirenen und weitere Schüsse zu hören. Möglicherweise wird der Mann getroffen, bevor er in das graue Fahrzeug steigt und Gas gibt.

Nach den Schüssen in Halle/Saale haben die Behörden auch eine Warnmeldung für Landsberg herausgegeben. Gewarnt wurde vor Schusswaffengebrauch. In Halle sind zwei Menschen getötet worden.
Video: dpa

Schüsse in Halle: Flucht des Täters endet mit einem Unfall

Schon wenig später richtet sich der Fokus auf den Ort Landsberg, etwa 15 Kilometer von Halle entfernt. In einer Werkstatt will sich der Mörder ein neues Fluchtfahrzeug beschaffen. Wieder fallen Schüsse, wieder gibt es mindestens einen Verletzten. Der Täter kapert ein Taxi und rast davon. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei und zwei Krankenwagen kommen in Landsberg an. Ein Hubschrauber der Bundespolizei kreist über den Häusern. Doch der Gesuchte ist schon weg. Noch immer wissen die Ermittler nicht, ob es sich wirklich um einen Einzeltäter handelt. Immer wieder betont die Polizei, dass es weitere Verdächtige geben könnte.

In Halle nimmt die Angst kein Ende. Den ganzen Tag über rufen Polizei und Bürgermeister die Menschen auf, unbedingt in ihren Häusern zu bleiben. Die Stadt spricht von einer „Amoklage“. Der Hauptbahnhof wird stundenlang gesperrt, der Verkehr kommt zum Erliegen. Auf Millionen Smartphones in Deutschland erscheint eine Meldung des offiziellen Informationssystems „Katwarn“, das die Bevölkerung im Fall von Katastrophen oder Gefahrensituationen warnt.

Dann endet die Flucht des Täters auf einer Bundesstraße, etwa 60 Kilometer von Halle entfernt. Das Taxi, mit dem er unterwegs ist, wird angeblich in einen Unfall mit einem Lastwagen verwickelt. Daraufhin überwältigen Polizisten den Mann, der bislang weder der Polizei noch dem Verfassungsschutz aufgefallen war. Erst um 18.16 Uhr gibt es endlich Entwarnung für die verängstigte Bevölkerung. Die Gefährdung sei nicht mehr akut. „Sie können wieder auf die Straße“, teilt die Polizei Halle via Twitter mit.

Wenig später taucht das Video auf, das der 27-Jährige während seiner Tat mit einer Helmkamera gedreht hat. Die britische Zeitung The Independent berichtet, er habe darin Englisch gesprochen und sich als Holocaustleugner bezeichnet. „Die Wurzel all dieser Probleme ist der Jude“, soll er unter anderem gesagt haben. Das erinnert stark an den Amoklauf im neuseeländischen Christchurch im März. Damals hatte ein Rechtsextremist 51 Menschen in zwei Moscheen getötet.

Auch in Halle gehen die Ermittler von einem antisemitischen Motiv und einem rechtsextremistischen Hintergrund aus, wie Bundesinnenminister Horst Seehofer am Abend bestätigte.

Aktuelle Neuigkeiten lesen Sie in unserem Live-Blog zu den Schüssen in Halle.

Lesen Sie außerdem: Darum fühlen sich Juden an Jom Kippur so verwundbar.

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