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Corona-Krise

20.03.2020

Ausgangsbeschränkungen: Zwischen Angst und Appell

Gähnende Leere, wie hier im Meitinger Schlosspark: Auch am Tag vor der Ausgangssperre ist es an vielen Orten im Augsburger Land ruhig. Wären die Menschen überall so vorsichtig gewesen, wären so drastische Einschränkungen eventuell nicht nötig gewesen.
Bild: Marcus Merk

Plus Der weitgehende Eingriff in die Privatsphäre gilt nun auch im Augsburger Land. Das sagen Mediziner, Polizisten und Politiker.

Ab Samstag gilt im Augsburger Land die Ausgangsbeschränkung. Sie soll die weitere Verbreitung des Coronavirus eindämmen. Die eigenen vier Wände dürfen demnach ab Samstag nur noch verlassen werden, wenn triftige Gründe vorliegen. Dazu zählen unter anderem der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche von Lebenspartnern, aber auch Sport und Bewegung an der frischen Luft. Wie sehen Ärzte, Psychologen und Streetworker die Beschränkung?

  • Das sagt die Ärztin: Dr. Margarete Ruppertz, Ärztin in der Praxis Dr. Stechele in Bobingen, sieht die Ausgangsbeschränkung kritisch: „Das bedeutet Kontrolle.“ Und: „Die Menschen können weniger raus, außer, sie haben einen triftigen Grund.“ Sie rät im Augenblick, Abstand zu halten. „Wenn man sich daran halten würde, wäre die Ausgangssperre nicht notwendig“, sagt sie. In den vergangenen Tagen hatte sie vor allem viele ältere Menschen beobachtet, die sich in Kleingruppen unterhalten und keinen Abstand halten.

Polizei: Ein „nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung“ zeigte sich uneinsichtig

  • Das sagt die Polizei Auch vor dem Ausgangsverbot war die Ansage klar: Menschenansammlungen meiden. Doch ein „nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung“ zeigte sich uneinsichtig, sagt Michael Jakob, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Nord. Allein in der Zeit von Donnerstag bis Freitag mussten die Beamten in seinem Einsatzbereich zu etwa 100 Einsätzen, weil sich Menschen im öffentlichen Raum in Gruppen zusammenfanden. Wer nach Aufforderung der Polizei nicht nach Hause ging, musste mit einem Platzverweis rechnen. Durch die Ausgangssperre drohen nun drastischere Maßnahmen. Durchgegriffen werden soll besonders bei Partys in der Öffentlichkeit. Im Bereich der Inspektion Gersthofen mussten in den vergangenen Tagen beispielsweise immer wieder Gruppen von Jugendlichen aufgelöst werden, berichtet ein Sprecher. Platzverweise wurden ausgestellt, ein Fußballplatz musste geräumt werden. Besonders im Stadtpark in Gersthofen oder im Meitinger Schlosspark kam es immer wieder zu Einsätzen. Die meisten zeigten sich einsichtig, wenn sie auf die Folgen ihres Verhaltens hingewiesen wurden. Die Polizei in Bobingen musste immer wieder Diskussionen führen, weil Menschen in Cafés mit Außenbewirtung zu dicht zusammengerückt waren.
  • Das sagt die Psychologin Für Verhaltenstherapeutin Martina Weisensel aus Schwabmünchen könnte eine Ausgangssperre das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht verstärken. Viele ihrer Patienten seien ohnehin schon verunsichert. „Ich wünsche mir als Psychologin und als Mensch, weiter rausgehen zu können.“ Sie sieht das Problem vor allem in der Ansprache an Jugendliche. Man müsse sie bitten, auf sich und andere zu achten, weil sie wichtig seien. Jugendlichen müsse die Botschaft vermittelt werden: „Ihr seid wichtig, auf euch kommt es an.“

Ausgangsbeschränkungen: Zwischen Angst und Appell
  • Das sagen die Politiker Sozialministerin Carolina Trautner (CSU), die zum Krisenteam der Staatsregierung gehört, steht hinter der Ausgangsbeschränkung. Sie sagt: „Die Gesellschaft muss jetzt zusammenhalten und überlegen, wie wir alle auffangen können, die schwächer sind.“ Sie hat mit den bayerischen Wohlfahrtsverbänden und kommunalen Spitzenverbänden eine Initiative zur Unterstützung älterer und hilfebedürftiger Menschen gestartet. Trautner: „Diese Krise ist eine Herausforderung für uns alle und die Hilfe jedes Einzelnen ist gefragt. Es ist eine große Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung spürbar, und das bestärkt mich in meinem Glauben an den Zusammenhalt der Gesellschaft.“

Fabian Mehring: "Größte Herausforderung der Nachkriegszeit"

Landtagsabgeordneter Fabian Mehring aus Meitingen, der als Parlamentarischer Geschäftsführer der Freien Wähler die Erklärung von Ministerpräsident Markus Söder hautnah erlebte, sagt: „Unsere Heimat steht vor ihrer größten Herausforderung in der Nachkriegszeit. Die Lage ist ernst, kann aber durch das Verhalten eines jeden Einzelnen positiv beeinflusst werden. Das Gebot der Stunde ist es nun, körperlichen Abstand zu halten und emotional zusammenzustehen. Nie war es einfacher, einen lebensrettenden Beitrag zu leisten als schlicht dadurch, in den nächsten Tagen zuhause zu bleiben. Dabei sind wir nun alle gefordert.“

  • Das sagt der Streetworker Eine Ausgangssperre schränkt zwar die Arbeit ein, findet der Königsbrunner Streetworker Richy Bieger. Aber der Schritt sei richtig. „Wir wollen vor allem unsere Mitbürger schützen, da sollte man jetzt zusammenhalten.“ Bieger ist jetzt nur noch telefonisch zu erreichen. Physischer Kontakt sei aktuell nicht möglich, aber auch telefonisch könne man helfen. „Ich kenne ja meine meisten Klienten und betreue sie lange. Es ist möglich, sie auch mit einem Telefonat zu erreichen und zu unterstützen.“

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