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Landkreis Augsburg

23.01.2016

Zehn Stockhiebe, weil sich ein Splint gelöst hatte

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Vollständig erhalten ist der Dachstuhl einer Halle des einstigen geheimen Waldwerks: Heute befindet sich darin das Sägewerk von Johanna und Helmut Krautmann aus Gabelbach.
Bild: Marcus Merk

Überlebende erinnern sich, wie im Zweiten Weltkrieg im geheimen Waldwerk Kuno zwischen Zusmarshausen und Burgau gearbeitet wurde.

Obwohl erst 18 Jahre alt, war Werner Krebs in ein Geheimnis des Dritten Reichs eingeweiht: Er gehörte zu den Fachkräften, die für das Sonderkommando Me 262 arbeiteten. Seine Erinnerungen geben einen tiefen Einblick in die Abläufe von Kuno II.

Nach seiner Ausbildung an der Fliegertechnischen Schule 4 in Oberschleißheim bei München kam Werner Krebs zunächst nach Schwäbisch Hall, wo Messerschmitt ein weiteres Waldwerk unterhielt. Krebs war für die Abgleichung der Turbinendrehzahl zuständig. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel beschrieb der Krefelder vor Jahren sein Aufgabenfeld im Produktionsablauf: „Ich kletterte in die Kabine, startete den kleinen Boxermotor und drehte ihn hoch. Dann glich ich die Drehzahlen ab. Zuletzt mussten noch die vier Bordkanonen justiert werden, dann war die Me 262 flugbereit. Pro Tag haben wir etwa drei bis vier Flugzeuge zusammengesetzt. Am nahe gelegenen Flugplatz wurden die Maschinen eingeflogen.“ Als die Amerikaner und Franzosen immer näher rückten, wurde seine Kompanie abgezogen und nach Burgau geschickt. „Wir wurden nachts um halb vier Uhr geweckt und hatten keine Zeit mehr, ins Werk zu marschieren. Die ersten 25 Kilometer liefen wir zu Fuß, da die Lkw vorausgefahren waren, um das Spezialwerkzeug zu transportieren. Schließlich kamen die Lastwagen, sammelten uns ein und brachten uns nach Burgau. Wir schliefen zwischen Burgau und Thannhausen bei Einwohnern oder in Gastwirtschaften auf Hilfsbetten.“

KZ-Häftlinge wurden einfach „Gangster“ genannt

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Auf dem Weg habe er das erste Mal Menschen in gestreiften Anzügen gesehen. Krebs: „Wir hatten auch keine Vorstellung davon, was mit den Häftlingen geschah. Man benannte die bittere Wahrheit meist mit allen möglichen Begriffen, aber nie mit denen, die zutrafen.“ Zum Beispiel habe man die KZ-Häftlinge einfach „Gangster“ genannt. In den Waldwerken bei Schwäbisch-Hall und in Burgau seien ihm nie KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter begegnet. Dort habe nur seine Kompanie gearbeitet. Waren die Häftlinge aus dem KZ Burgau zu diesem Zeitpunkt schon evakuiert?

Dass jüdische Frauen aus dem KZ und Zwangsarbeiter arbeiten mussten, ist ohne Zweifel belegt. Dutzende Holocaust-Überlebende beschrieben nach dem Krieg, was sie im Waldwerk machen mussten. Einer von ihnen war Aszer Szafran aus dem polnischen Lódz. Er war gerade einmal 15 Jahre alt.

Als er neun war, brach der Krieg aus, mit 14 wurde er aus dem Getto nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von dort ging es einen Monat später nach Kaufering, dann nach Riederloh, wie der frühere AZ-Chefredakteur Gernot Römer recherchiert hat. Über Augsburg, wo Aszer Szafran im Messerschmitt-Werk arbeiten musste, kam er nach Burgau. Einmal sei er im Kuno-Werk mit zehn Stockhieben bestraft worden, weil sich ein Splint wieder gelöst hatte, den er am Flugzeugleitwerk angebracht hatte.

Im Kuno-Werk gab es für die Frauen dann ein Stück Brot mehr

Ein anderer jüdischer Häftling erinnerte sich: „Wir arbeiteten nachts in einer Fabrik, die Flugzeuge baute. Ich arbeitete in der Abteilung 2, bei der Bremsenprüfung und dem Schraubenfestdrehen.“ Eine Holocaust-Überlebende berichtete, dass 120 Frauen zur Arbeit in zwei Schichten im Lager in Burgau ausgewählt worden waren. Die Frauen seien mit Lastwagen oder auch Bussen abgeholt worden und hätten für die Arbeit im Kuno-Werk dann ein Stück Brot mehr bekommen.

An die dramatischen Szenen des täglichen Wegs in den Wald erinnerte sich Zeitzeugin Paula Brekau, die Gernot Römer für sein Buch „Für die Vergessenen“ interviewt hat. Sie war eine der deutschen Beschäftigten im Kuno-Werk. Brekau: „Sie nahmen die, die kaum noch gehen konnten, zwischen sich und schleppten sie mit.“

Zehn bis zwölf Stunden arbeiten

Im Waldwerk dürfte es für die von Krankheit und Unterernährung gezeichneten Frauen nicht besser gewesen sein. Laut der Holocaust-Überlebenden Basista Majer aus Polen mussten die jüdischen Frauen zehn bis zwölf Stunden arbeiten. Die Häftlinge seien „auf schreckliche Weise“ bei der Arbeit und im Lager geschlagen worden. Dass jemand erschossen wurde, habe sie aber nicht beobachtet. Auch der Überlebende Viktor Glaser sagte: „Ich habe in diesem Lager keine Morde gesehen. Die Lebensbedingungen waren schlimm. Aber es herrschte nicht der Terror und die Willkür wie in Kaufbeuren-Riederloh.“

Einige der Frauen waren auch zur Arbeit im Büro von Kuno II eingeteilt gewesen – darunter die Jüdin Ruth Deutscher, wie Gernot Römer recherchiert hat. Sie hatte einen gutherzigen Menschen im Gedächtnis bewahrt.

Heimlich etwas zu Essen gegeben

Mattfeld habe der Mann aus Berlin geheißen. Er sei Kommunist gewesen und deshalb ins KZ gesteckt worden. Mattfeld habe den Frauen nicht nur jeden Tag heimlich etwas zu Essen gegeben, sondern auch englische Radiosender eingestellt. Damit seien die Frauen über die aktuelle Lage informiert gewesen – ein Hoffnungsschimmer, der den Frauen wieder Lebensmut gab. Im KZ Burgau gab es den jedenfalls kaum. Als sehr „schlecht“ beschrieb Izchak Tennenbaum die Bedingungen im Lager. Er erinnerte sich, dass der Lagerführer während eines Appells einmal damit gedroht habe, dass er diejenigen erschießen werde, bei denen er Schnürsenkel aus elektrischem Draht findet. Tatsächlich seien „unterwegs viele Häftlinge erschossen“ worden, so Tennenbaum. Was er damit gemeint hat, ist unklar. Vermutlich bezog er sich auf den letzten Weg der Häftlinge, die vor den anrückenden Alliierten weiter in den Süden getrieben wurden.

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