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ERC Ingolstadt

13.05.2020

Doug Shedden: Nordamerika, Ingolstadt – oder anderswo?

Nachdenklich: Doug Shedden, der seit zweieinhalb Jahren als Headcoach beim ERC Ingolstadt fungiert, weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, wo er künftig arbeiten wird. Derzeit befindet sich der 59-jährige Kanadier in seinem Sommer-Domizil auf Marco Island in Florida.
Bild: Johannes Traub

Exklusiv Trainer Doug Shedden, dessen Vertrag bei den Panthern ausgelaufen ist, spricht über sein Paradies weit weg von Corona, seine „Flucht“ aus Oberbayern, fehlende Sehnsucht nach Eishockey und eine ungewisse Zukunft.

Eigentlich ist Doug Shedden gerade auf dem Sprung. Es ist 10 Uhr morgens in Florida, Zeit für ein paar Abschläge. „Ich wollte in zehn Minuten auf den Golfplatz“, sagt der 59-Jährige trocken. Doch der letztjährige Coach des ERC Ingolstadt nimmt sich die Zeit für ein ausführliches Interview mit der Neuburger Rundschau. Immerhin gibt es einiges zu besprechen: Wie hat der Kanadier seine überstürzte Abreise nach dem Corona-Stopp der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) erlebt? Was sagt er zum überraschenden Abgang von Geschäftsführer Claus Gröbner? Und steht Shedden ab Herbst überhaupt noch hinter der Ingolstädter Bande?

Herr Shedden, eigentlich ist diese Frage im Englischen ja eher eine Plattitüde, aber in diesen Zeiten ist sie wirklich angebracht: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Shedden: Uns geht es allen gut. Meine älteste Tochter ist in Kanada geblieben, die anderen beiden sind hier in meinem Sommer-Domizil auf Marco Island in Florida. Eine arbeitet in Manhattan, die andere geht im Bundesstaat New York zur Schule. Wir mussten sie da rauskriegen. Die Lage dort ist gerade sehr heikel.

Doug Shedden: Nordamerika, Ingolstadt – oder anderswo?

Während einer Pandemie gibt es wohl schlechtere Orte als eine Insel im Golf von Mexiko

Shedden: Ehrlich gesagt fühlt es sich hier an, als wäre gerade nichts los auf der Welt. Wir hatten nur etwa ein Dutzend Corona-Fälle auf der Insel. Es gab einen kurzen Lockdown, aber mittlerweile hat fast alles wieder geöffnet. Sie haben die Kapazitäten in Restaurants und Bars zwar auf 25 Prozent gedrosselt. Doch im Außenbereich gelten keine Beschränkungen. Es gibt auch kein Kontaktverbot. Das Wetter hier ist jeden Tag fantastisch. Und man sagt, dass Sonnenschein den Virus tötet. Ich golfe dreimal die Woche mit ein paar Kumpels. Ich angle, relaxe am Pool, am Abend dann ein Barbecue. Fünfmal die Woche laufe ich den Strand entlang. 16, 17 Kilometer. Das hält mich fit. Es ist wie Urlaub.

Verfolgen Sie die aktuelle Lage in Deutschland?

Shedden: Absolut. Ich informiere mich über viele Orte, an denen ich gewohnt habe – ob die Schweiz, Finnland oder Deutschland. Die Lage bei euch ist offensichtlich sehr ernst.

Das abrupte Ende der Eishockey-Saison ist jetzt gut zwei Monate her. Haben Sie damit schon Frieden geschlossen?

Shedden: Ja. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich nicht mehr allzu viel darüber nachdenke. Es ist passiert. Es ist vorbei. Das Wichtigste ist jetzt, wie sich der Sport, wie sich alles andere im Leben, entwickeln wird. Wie kommen wir da durch? Wie werden wir wieder Stadien füllen? Das ist die größte Frage.

Hätten Sie je gedacht, dass dieser Virus die Eishockey-Welt vermutlich für Jahre verändern wird?

Shedden: Ich glaube, niemand von uns konnte die Ernsthaftigkeit und Größe vorhersagen. Es fühlt sich unwirklich an. Ich weiß, dass die DEL gerade viele Meetings hat, um zu diskutieren, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Die NHL denkt darüber nach, die Saison zu Ende zu spielen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das anstellen wollen.

Geplant ist, den Rest der Saison in einer Handvoll Stadien und mit Teams unter vollkommener Quarantäne zu Ende zu spielen...

Shedden: Ja, sie wollen in ländlichen Gegenden spielen. Die Profis wären für Monate von ihren Familien getrennt. Ich weiß, dass die meisten das nicht wollen. Aber die wohl größte Sache ist American Football. Sie werden die NFL auf keinen Fall verschieben, keine Chance.

Als wir am Abend der Playoff-Absage miteinander telefoniert haben, erzählten Sie, dass Sie noch einige Dinge zu regeln hätten und sicher nicht ins nächste Flugzeug steigen würden. Am Tag darauf verkündete US-Präsident Donald Trump eine Einreisesperre. Wie hektisch war die Abreise aus Ingolstadt?

Shedden: Meine Schwägerin und ihr Mann waren gerade zu Besuch, um sich ein paar Playoff-Spiele anzusehen. Wir mussten so schnell wie möglich abreisen. Es war verrückt! Nicht zu wissen, ob ich zurückkomme oder nicht. Ich konnte noch nicht mal alle Sachen in meinem Haus zusammenzupacken – Teller, Messer, Winterklamotten. Das sind wahrscheinlich zehn Eishockey-Taschen voller Zeug. Wenn die Grenzen wieder öffnen und ich nicht weiter Trainer sein sollte, muss ich rüberfliegen und meine Sachen holen (lacht).

Sie sprechen es an: Noch ist ungewiss, ob Sie weiterhin Trainer des ERC Ingolstadt sein werden. Ihr Vertrag ist ausgelaufen. Auf welchem Stand waren die Verhandlungen, bevor Sie Deutschland verlassen haben?

Shedden: Es ist alles so schnell passiert, wir konnten gar nicht mehr wirklich darüber sprechen. Jetzt höre ich, dass keinem DEL-Team erlaubt ist, bis Ende Juni Verträge zu unterschreiben. Mir wurde gesagt, dass viele Spieler jetzt Gehaltseinbußen hinnehmen müssen (die Rede ist von 25 Prozent, auf die die Akteure der DEL-Klubs verzichten sollen, Anm. d. Red.). In der Schweiz ist das übrigens auch so. Genau weiß ich es aber nicht. Ich erfahre letztlich nur, was mein Agent mir sagt.

Wann haben Sie das letzte Mal mit Sportdirektor Larry Mitchell gesprochen?

Shedden: Ich habe seit meiner Abreise mit keinem gesprochen.

Können Sie in der aktuellen Situation überhaupt an Eishockey denken?

Shedden: Ich lese jeden Tag Zeitung. Aber die Journalisten haben nichts mehr, über das sie schreiben können. Wer waren die besten sechs Spieler aller Zeiten bei den Toronto Maple Leafs? Und wer bei den Boston Bruins? (lacht). Das langweilt mich. Es ist dummes Zeug.

Deswegen sprechen wir ja auch mit Ihnen. Die Fans in Ingolstadt wollen wissen, ob Sie zurückkommen?

Shedden: Das freut mich. Wenn Sie noch an mir interessiert sind, ist das ein gutes Zeichen (lacht). Nein, ernsthaft: Normalerweise würde ich zu dieser Jahreszeit die zweite Playoff-Runde des Stanley Cups schauen, vor dem Fernseher kleben und drei oder vier Spiele gleichzeitig laufen lassen. Aber wissen Sie was? Ich habe wahrscheinlich schon zehn Bücher gelesen, seit ich heimgekommen bin. Ich will nicht sagen, dass ich Eishockey nicht vermisse. Aber ich vermisse es nicht.

Sie haben bestimmt auch gelesen, dass ERC-Geschäftsführer Claus Gröbner entlassen wurde. Waren Sie überrascht?

Shedden: Ich wusste es nicht, bis ich es auf Facebook gesehen habe. Ja, ich war überrascht. Ich weiß nicht, was da vorgefallen ist. Ich habe Claus geschrieben, aber er hat mir nicht geantwortet.

Wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Shedden: Ich hatte nicht wirklich viel mit ihm zu tun, außer man ist sich mal über den Weg gelaufen, hat ein Glas Wein nach dem Spiel getrunken oder traf sich auf einem Sponsoren-Event. Ich kannte ihn also nicht so gut.

Sie betonen immer wieder, wie schwer es Ihnen jeden Sommer fällt, Florida zu verlassen. Bei all der aktuellen Unsicherheit, der derzeitigen Weltlage, den Gehaltseinbußen, die sie aufgrund der wirtschaftlichen Lage der Vereine auf sich nehmen müssten: Spielen Sie mit dem Gedanken, nicht nach Europa zurückzukehren?

Shedden: Absolut. Ich weiß, dass wir alle finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Damit habe ich kein Problem. Ich verstehe diesen Teil des Geschäfts. Aber ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich bin eher der Typ Zuhörer. Wenn Ingolstadt mich zurückhaben will, werde ich mir das anhören. Wenn sich etwas in Nordamerika auftut, werde ich es genauso erwägen. Wäre ich lieber näher bei meiner Familie? Vielleicht. Es ist eine Möglichkeit, hier zu bleiben. Noch mache ich mir keine großen Gedanken. Ich bin immer noch im Urlaubsmodus. Es liegt ja ohnehin nicht in meinen Händen. Die Saison in Deutschland könnte ja erst im Oktober beginnen. Normalerweise würden Larry und ich zu dieser Jahreszeit wahrscheinlich zweimal täglich telefonieren. Aber es passiert ja nichts. Ich habe mit ein paar Agenten gesprochen. Die bekommen Anrufe von ihren Spielern: Was geht vor sich? Wie geht es weiter? Aber keiner weiß das so recht. Deswegen mache ich mich auch nicht verrückt bezüglich meiner Zukunft.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Ingolstadt Sie zurückhaben will?

Shedden: Ich weiß es nicht. Ich glaube, das müssten Sie Larry fragen.

Haben Sie sich ein Limit gesetzt, bis wann Sie Klarheit für nächste Saison haben wollen?

Shedden: Man muss verstehen, dass die ganze Welt gerade gestoppt wurde. Ich will niemandem Druck machen. Wir müssen erst durch diese Krise kommen. Und dann können wir uns Gedanken über andere Dinge machen.

Wie ist die Lage in Nordamerika? Gibt es dort auch einen Transferstopp?

Shedden: Nein, hier werden Spieler unter Vertrag genommen oder aus dem Kader gestrichen. Die Columbus Blue Jackets haben gerade mit Elvis Merzlikins – einem Torhüter, den ich schon in Lugano trainiert habe – verlängert. Ich habe mit ein paar Managern gesprochen. Sie arbeiten nicht in ihrem normalen Pensum, aber sie arbeiten.

Was, wenn einer dieser Manager Sie kontaktiert, während Ingolstadt noch nicht verhandeln darf? Würden Sie einen Wechsel in Betracht ziehen?

Shedden: Ich glaube nicht, dass es einen Trainer-Posten für mich in der NHL gibt. Vielleicht gäbe es die Gelegenheit, als Scout zu arbeiten. Aber ich weiß nicht, ob ich das Trainer-Dasein aufgeben will. Mir macht es immer noch Spaß. Aber nochmals: Ich werde mir alles anhören.

Dann nehmen wir doch einfach mal an, Sie sind im nächsten Jahr noch ERC-Trainer. Der Kader ist bisher ziemlich dünn. Die Zukunft vieler Spieler ist noch ungeklärt. Wen würden Sie auf alle Fälle wieder trainieren wollen?

Shedden: In unserem Geschäft geht es viel um das Vertrauen zwischen dem Trainer und seinen Spielern. Und Brett Olson ist wahrscheinlich derjenige, dem ich am meisten vertraue. Er steht sicher ganz oben auf meiner Liste. Er spielt in Unterzahl, macht die Drecksarbeit, half unserem Powerplay, das beste der Liga zu werden. Er bekommt nicht so viel Respekt, wie ihm eigentlich zusteht, weil er nicht so viele Tore schießt. Aber er ist es, der seine Kollegen überhaupt erst in die Lage versetzt, um zu treffen.

Was ist mit der Torhüter-Position? Jochen Reimer ist auf dem Markt…

Shedden: Jeder mag Reimer, keine Frage. Er ist ein toller Typ, ein super Teamkollege. Wieso sollte man ihn nicht zurückhaben wollen? Wahrscheinlich ist er der beste verfügbare deutsche Goalie. Wir müssten ihn mit einem Ausländer ersetzen. Und der müsste dann wirklich einen Unterschied machen.

Und wenn Sie nicht zurückkommen? Was bleibt dann von Ihnen? Und was würden Sie von Ingolstadt in Erinnerung behalten?

Shedden: Ein großes Vermächtnis werde ich nicht hinterlassen. Ich war ja nur zweieinhalb Jahre da und trotzdem sagen die Leute, dass ich einer der am längsten amtierenden Trainer in Ingolstadt bin (lacht). Aber für mich ist das keine große Sache. Ich war fast sieben Jahre in Zug. Wir haben keine Playoff-Runde gewonnen. Aber das erste Jahr war wirklich aufregend. Wir sind als fast Letzter noch auf dem vierten Platz gelandet. Das war ein ziemlich guter Lauf. Auf der anderen Seite tut mir das verlorene siebte Spiel in der Viertelfinal-Serie 2019 gegen Köln immer noch weh. Und auch die Derby-Runde in diesem Jahr gegen Augsburg wäre fantastisch gewesen. Die Fans wären schier ausgeflippt. Zu schade, dass es nicht dazu gekommen ist. Ich habe es wirklich genossen, in Ingolstadt zu leben. Jürgen Arnold (Beiratsvorsitzender der ERC Ingolstadt GmbH; Anm. d. Red.) und ich sind sehr gute Freunde geworden. Ich bin oft mit ihm und Larry golfen gegangen. Wir haben vielleicht keine Meisterschaften gewonnen, aber es war eine sehr schöne Zeit.

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