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Covid-19-Virus

24.02.2020

Die Corona-Epidemie schockt die Finanzmärkte

Arbeiter in Schutzkleidung versprühen als Vorsichtsmaßnahme in einem Handelszentrum Desinfektionsmittel. Erstmals ist in Südkorea ein Mensch gestorben, der mit dem Coronavirus infiziert war.
Bild: Kim Hyun-tae, dpa

Das Virus breitet sich in Italien aus, der Dax bricht um fast vier Prozent ein. In ganz Europa geben die Börsen nach. Wie es weitergehen könnte.

Gibt es einen Hinweis für Unsicherheit an den Märkten, dann ist es der Goldpreis. Und dieser ist am Montag auf einen siebenjährigen Höchststand gestiegen. Gold gilt als sicherer Hafen für Anleger, in den man sich in der Not rettet. Die Finanzmärkte hat die Ausbreitung des Coronavirus in Panik versetzt. Der deutsche Leitindex Dax verlor rund vier Prozent und ging mit 13.035,24 Punkten aus dem Handel. In Italien gab die Börse fast sechs Prozent nach. Wir erklären, wie Experten die Lage einschätzen und was noch bevorstehen könnte.

Wie ist der plötzliche Einbruch an den Börsen am Montag zu erklären?

Grund für den Einbruch ist, dass die Anleger in kurzer Zeit ihre Einschätzung über die Folgen des Virus revidiert haben, sagt Lothar Behrens, Vorstandschef der Augsburger Aktienbank. „Die Anleger haben für sich entschieden, dass die Folgen des Coronavirus auf den Welthandel und das weltweite Wirtschaftswachstum stärker sind als bisher gedacht – damit gehen die Kurse nach unten“, sagt er. Anfangs herrschte der Eindruck vor, Corona sei eine begrenzte Epidemie in der chinesischen Stadt Wuhan. „Viele Anleger zogen anfangs auch noch Parallelen zur Sars-Epidemie 2002 und 2003, die am Ende glimpflicher verlief als erwartet“, meint Behrens. „Jetzt zeigt sich, dass das Coronavirus so leicht nicht in den Griff zu bekommen ist.“ Dazu kommt, dass ein großer Teil des Handels automatisch läuft. Die Anleger sichern sich ab, indem sie Aufträge vergeben, Aktien automatisch zu verkaufen, wenn ein bestimmter Schwellenwert unterschritten wird. „Vielen Verkäufern stehen dann plötzlich wenige Käufer gegenüber“, sagt Behrens.

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Wirkt sich das Corona-Virus auch auf die Real-Wirtschaft aus?

„Bereits jetzt deutet sich an, dass die Folgen gravierender sein werden als beim Ausbruch von Sars in den Jahren 2002/2003“, sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, Marcel Fratzscher. „Das liegt natürlich auch daran, dass Chinas Wirtschaft seitdem stark gewachsen und auch der Anteil der Volksrepublik am Welthandel um ein Vielfaches höher ist.“ Zahlen von damals lassen erahnen, was auf die Wirtschaft zukommen kann: Die Sars-Ausbreitung habe das chinesische Wachstum 2003 um etwa ein Prozent schrumpfen lassen, sagt Fratzscher. Ökonomische Modelle gehen davon aus, dass eine wirtschaftliche Abschwächung Chinas um ein Prozent die Wirtschaft des Euroraums um 0,25 Prozent schwächen könnte. „Für das exportabhängige Deutschland dürfte der Effekt noch stärker ausfallen“, sagt der DIW-Chef. „Auch bei den Verbrauchern herrsche infolge der Ausbreitung des Coronavirus große Verunsicherung, die sich in einem gebremsten Konsum niederschlagen dürfte.“ Sogar im Lebensmitteleinzelhandel sind die Folgen der Virus-Ausbreitung zu spüren. „Wir stehen im engen Austausch mit unseren Lieferanten und prüfen die aktuelle Sachlage zu jedem einzelnen Artikel. Bei einigen Artikeln ist jedoch bereits jetzt absehbar, dass sich die Liefermenge zum Verkaufsstart reduzieren wird und somit diese Artikel bei hoher Nachfrage schneller vergriffen sein könnten“, teilte Aldi Süd auf Anfrage mit.

Wie alarmiert ist die Industrie angesichts des Coronavirus?

Bislang tun sich die Unternehmen schwer, Ausmaß und Dauer der Einschränkungen durch das Virus einzuschätzen. Dennoch warnt BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang bereits vor schweren Auswirkungen für die Konjunktur. Die mehr als 5000 deutschen Unternehmen in China seien derzeit in Beschaffung, Produktion und Absatz stark eingeschränkt, sagt Lang. In Deutschland rechneten mehrere Industriebranchen in den kommenden Wochen mit Engpässen bei Lieferungen aus Fernost, unter anderem Elektro, Automobil, Pharma und Papier. Dies bestätigt auch der Bundesverband Materialwirtschaft. Die Lagerbestände vieler Firmen hätten mittlerweile einen kritischen Punkt erreicht. Deshalb orderten sie fehlendes Produktionsmaterial vereinzelt von alternativen Lieferanten außerhalb Chinas – auch aus Europa.

Welche Folgen hat es, wenn jetzt auch Italien betroffen ist?

Die Lage in Italien sei mit der Chinas derzeit noch nicht vergleichbar, meint Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank. „Wenn sich das Virus aber in Italien ausweiten sollte und dort eine ähnliche Situation wie in China herrschen würde, hat dies auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft“, sagt er. Italien sei ein wichtiger Handelspartner Deutschlands, auch viele Vorprodukte kommen von dort. In Italien hat die Volkswagen-Tochter Italdesign am Montag zwei Standorte mit zusammen fast 1000 Beschäftigten geschlossen. Bei einem Mitarbeiter am Standort Nichelino (insgesamt 109 Mitarbeiter) wurde eine Infektion mit dem Virus bestätigt. Bis zur weiteren Klärung hat die Geschäftsleitung sich entschlossen, den rund zehn Kilometer entfernten Hauptsitz mit 865 Mitarbeitern in Moncalieri bei Turin ebenfalls zu schließen.

Welche Folgen hat die Corona-Krise für die Autoindustrie?

China ist seit Jahren der wichtigste Handelspartner für Deutschland. Für viele Unternehmen, etwa für die Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen, ist China der wichtigste Einzelmarkt. Nach Angaben einer Audi-Sprecherin ist es noch zu früh, eine Prognose über die weitere Geschäftsentwicklung abzugeben. Die Autoverkaufszahlen in China waren zuletzt stark rückläufig. Volkswagen produziert dort in einem Joint Venture mit einem chinesischen Partner. Die Werke von FAW-Volkswagen sind vergangene Woche wieder zum normalen Produktionsprozess zurückgekehrt. In den Werken gelten eine Reihe von Schutzmaßnahmen: Arbeitsflächen werden desinfiziert, die Angestellten arbeiten mit Schutzmasken und an allen Eingängen stehen Fiebermess-Stationen.

Wie sieht es in der Logistik aus?

Die Aktien von Fluggesellschaften und Logistikkonzernen sind am Montag stark unter Druck geraten. Lufthansa büßte rund sieben Prozent ein, die Deutsche Post mit ihrer Logistik-Tochter DHL über vier Prozent. Weil alle kommerziellen Flüge von und nach Wuhan ausgesetzt sowie alle Ausfallstraßen der Stadt abgeriegelt worden sind, ist der Abhol-, Zustell- und Lagerverwaltungsbetrieb von DHL in der Provinz Hubei immer noch ausgesetzt, wie eine Sprecherin unserer Redaktion bestätigte. Auch in anderen Provinzen und Städten hätten die Behörden zusätzliche Kontrollen und Bewegungsbeschränkungen eingeführt. Diese könnten in den kommenden Tagen noch ausgeweitet werden. Der Annahmestopp für Päckchen, Pakete und Warenpost nach China besteht darum fort.

Wie beurteilen die Unternehmen die Zukunft?

„Da medizinische Entwicklungen und die Ausbreitung des Virus unklar sind, stellen wir uns auf Einschränkungen bis mindestens Ende März ein“, sagt ein Sprecher des mittelständischen Industriekleber-Spezialisten Delo aus Windach im Kreis Landsberg. China ist der wichtigste Markt für das Unternehmen, aber kein Produktionsstandort. Der Hochlauf bei den chinesischen Unternehmen erfolge nach dem Neujahrsfest peu à peu, aktuell schätze man den Stand auf 50 bis 70 Prozent des Normalbedarfs. Das Problem sei, dass Lieferketten heute sehr komplex sind und ein Engpass bei einem wichtigen Zulieferer schnell zum Nadelöhr werden kann.

Was sollten Börsenanleger tun?

Privatanleger sollten abwarten, rät Aktienbank-Chef Behrens. „Für einen Aktienverkauf ist es fast zu spät, da die Kurse bereits merklich nachgegeben haben und die Gefahr besteht, dass man zu weit unten verkauft.“ Könne man die niedrigen Kurse aber zum Einstieg nutzen? Auch hier rät Behrens zum Abwarten, „bis die Sicht etwas klarer ist“. Der Bankfachmann glaubt nicht, dass Corona zu dramatischen Auswirkungen auf die Wirtschaft führt. Viele Käufe und Investitionen dürften nachgeholt werden. „Wer einen Autokauf plant, hat die Entscheidung wegen Corona meist nur aufgeschoben“, sagt Behrens.

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