1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Ausbildung bewahrt 19-Jährigen vor Abschiebung

Justiz

17.08.2018

Ausbildung bewahrt 19-Jährigen vor Abschiebung

Weil er eine Ausbildung hat, darf ein 19-Jähriger in Obergriesbach bleiben und wird nicht nach Afghanistan abgeschoben.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Junger Mann aus Obergriesbach sollte alleine nach Afghanistan abgeschoben werden. Nun bekommt er eine neue Chance.

Im Fall des 19-jährigen Flüchtlings aus Obergriesbach, dem die Abschiebung nach Afghanistan drohte (wir berichteten), hat sich das Blatt offenbar noch einmal gewendet. Der junge Mann hat Anfang des Monats eine Ausbildung angetreten. Am 1. August fing er bei einem Unternehmen in Friedberg eine Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik mit Fachrichtung Montagetechnik an. Der Kontakt kam über die Industrie- und Handelskammer und Fritz Maya vom Asylkreis zustande.

Der Ausbildungsvertrag gilt Maya zufolge vorerst für ein Jahr. Wenn der 19-Jährige nicht straffällig wird und gute Noten bekommt, hat er die Aussicht, dass der Vertrag für die insgesamt zweijährige Ausbildung verlängert wird. Maya findet nur lobende Worte über den jungen Mann: Er spreche gut Deutsch, sei gut integriert, schreibe in der Schule sehr gute Noten, spiele Fußball beim SV Obergriesbach. Wie Fritz Mayas Sohn Klemens erzählt, ist er mittlerweile dabei, seinen Führerschein zu machen.

Als es im vergangenen Jahr und zuletzt im Juli am Verwaltungsgericht Augsburg um das Schicksal des 19-Jährigen ging, kamen beide Male viele Obergriesbacher zur Verhandlung, um ihn zu unterstützen. „Teilweise haben sie extra freigenommen“, erzählt Fritz Maya.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Klage wurde abgelehnt

Der junge Mann wurde wie seine beiden Geschwister im Iran geboren und wuchs dort auf. In Afghanistan war er nach eigenen Angaben nie. Die Eltern der drei Kinder lebten, als sie selbst noch im Kindesalter waren, in Afghanistan, ehe sie laut eigener Darstellung vor Diskriminierung in den Iran flüchteten. Die Familie klagte erfolgreich gegen die Ablehnung ihres Asylantrags in Deutschland. Das Problem: Weil der junge Mann zu diesem Zeitpunkt schon volljährig war, zählte er juristisch nicht mehr zur Kernfamilie. Daher wies das Verwaltungsgericht seine Klage ab.

Er klagte erneut, um ein zweites Asylverfahren zu erreichen. Doch auch diese Klage lehnte das Gericht ab. Ein abgeschlossenes Asylverfahren könne nicht immer wieder von Neuem aufgerollt werden, so eines der Argumente. Ein Weiteres lautete einer Gerichtssprecherin zufolge: Der junge Mann sei mit der Landessprache und mit muslimisch geprägten Lebensverhältnissen vertraut. Die Sprache Afghanisch gebe es nicht. In Afghanistan werde nur Dari gesprochen, das „keine großen Unterschiede“ zu Farsi habe, das im Iran verbreitet ist.

Wie das Verwaltungsgericht inzwischen auf Nachfrage mitteilte, will die Anwältin des jungen Mannes die Entscheidung des Gerichts nicht so stehen lassen. Sie hat Antrag auf Zulassung der Berufung gestellt. Darüber muss der Verwaltungsgerichtshof in München entscheiden.

Fritz Maya, im Landkreis als langjähriger Vorsitzender des Affinger Weihnachtsmarktvereins bekannt, kennt den Fall gut. Ihm zufolge wäre der größte Teil des Rechtsstreits gar nicht nötig gewesen: Denn das nach dem iranischen Kalender ausgewiesene Geburtsdatum aus dem Kinderausweis des 19-Jährigen sei falsch umgerechnet worden. Ohne diesen Fehler wäre klar geworden, dass der junge Mann beim Erstasylverfahren noch nicht volljährig war und demnach zusammen mit seiner Familie in Deutschland bleiben dürfte, so Maya.

19-Jähriger macht Hoffnung

Maya ist seit mehreren Jahren überzeugter Helfer im Asylkreis. Seine ganze Familie ist in die dortige Arbeit involviert. „Es gibt im Lauf der Zeit Fälle, wo Hopfen und Malz verloren ist“, weiß er. Leute wie der 19-Jährige machen ihm hingegen Hoffnung. Sie stünden jedoch beispielhaft für ein „großes Dilemma“, wie Maya sagt. Ein Dilemma, das Politik und Justiz immer wieder aufs Neue zu entscheiden haben: Wer wird abgeschoben? Wer darf bleiben?

Im Juli hatte Arbeitsminister Hubertus Heil die Debatte neu ins Rollen gebracht, als er die Bundesländer wegen offenbar zunehmender Abschiebungen gut integrierter Flüchtlinge kritisierte: „Tatsächlich habe ich manchmal das Gefühl, dass die falschen Menschen Deutschland verlassen müssen“, sagte der SPD-Politiker damals im Interview mit unserer Zeitung.

Maya sagt: „Da muss man ihm wohl recht geben.“ Für das Asylverfahren entscheide immer nur die Vorgeschichte, bedauert er. Jemand, der ein Gewinn für die Gesellschaft sein könne, aber keine dramatische Vorgeschichte habe, müsse gehen. „Da läuft vieles falsch“, findet Maya. Kritik daran, die Entscheidung über ein Asylverfahren von der Eignung der Leute abhängig zu machen, versteht Maya nicht: „Der Vorwurf lautet immer: Da selektiert man die Guten. Aber auch das Asylgesetz selektiert.“

Der 19-Jährige hat die Obergriesbacher jedenfalls von sich und seinem Integrationswillen überzeugt. 80 Briefe haben Maya zufolge Eltern, Mitschüler und Mitspieler aus dem Sportverein geschrieben, um sich für den jungen Mann stark zu machen. Jeder hat seinen eigenen Text verfasst. Seine Rechtsanwältin hat sie alle gesammelt. Falls die Gerichte am Ende gegen den 19-Jährigen entscheiden, will sie möglicherweise eine Petition starten. Dann könnten die Briefe hilfreich sein.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Theater.tif
Adelzhausen

Wenn aus dem Krimidinner ein echter Krimi wird

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket