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Jesiden-Prozess in Augsburg: Weiterer Bruder verurteilt

Augsburg

Angedrohter Ehrenmord: Weiterer Bruder der 16-jährigen Jesidin verurteilt

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    Ein weiterer Prozess um Gewalt gegen eine 16-Jährige zeigt die archaischen Strukturen in einer jesidischen Familie aus Augsburg auf.
    Ein weiterer Prozess um Gewalt gegen eine 16-Jährige zeigt die archaischen Strukturen in einer jesidischen Familie aus Augsburg auf. Foto: Silvio Wyszengrad

    Rund zwei Monate ist es her, dass ein Vater und einer seiner Söhne zu jeweils drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt wurden. In dem Prozess um eine jesidische Familie aus Augsburg, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte, ging es um das Schicksal der 16-jährigen Tochter. Weil die Schülerin eine Beziehung zu einem gleichaltrigen Muslim eingegangen war, sah man innerhalb der streng religiösen Familie die Ehre beschmutzt. Eine Art Familientribunal hatte im Beisein des Mädchens darüber beratschlagt, wie man es möglicherweise umbringen und die Tat nach einem Suizid aussehen lassen könnte. Das Kind hatte Todesangst. Vater und Sohn hatten das Mädchen nach Ansicht des Gerichtes attackiert und bedroht, es körperlich und seelisch misshandelt. In dem Fall stand nun ein nächstes Familienmitglied vor Gericht.

    Dieses Mal musste sich ein weiterer Bruder der 16-Jährigen vor dem Amtsgericht Augsburg wegen Körperverletzung verantworten. Dem 23-Jährigen wurde vorgeworfen, bei dem abgehaltenen Familienrat seine Schwester mindestens einmal mit dem Fuß gegen das Bein getreten und sie an den Haaren durch das Zimmer gezogen zu haben. Gegen einen Strafbefehl über eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen hatte der Deutsch-Iraker Einspruch eingelegt, weshalb es jetzt zum Prozess kam. Es wäre für ihn ratsamer gewesen, den Strafbefehl zu akzeptieren, sagte der Staatsanwalt am Ende des Verfahrens, in dem Details darüber bekannt wurden, wie es mit der Familie nach dem ersten Prozess weiterging. 

    Der Vater und ein Bruder der 16-Jährigen (hier mit ihren Verteidigern) wurden bereits verurteilt.
    Der Vater und ein Bruder der 16-Jährigen (hier mit ihren Verteidigern) wurden bereits verurteilt. Foto: Silvio Wyszengrad

    Das 16-jährige Mädchen ist nach wie vor in Obhut des Jugendamtes. Weil die Behörden immer noch von einer erheblichen Gefahr für Leib und Leben der Jugendlichen ausgehen, befindet sie sich weiterhin an einem unbekannten Ort. Wie schwer dies für das Mädchen teils sein muss, erklärte eine Polizeibeamtin in ihrer Zeugenaussage dem Vorsitzenden Richter Fabian Espenschied.

    16-jährige Jesidin aus Augsburg wird weiter vor Familie geschützt

    Die 16-Jährige sei froh, aus der Familie rauszusein, so die Polizistin. "Mein Eindruck ist, es geht ihr wesentlich besser. Aber sie vermisst ihre kleinen Geschwister. An Ostern fühlte sie sich sehr allein." Sie habe versucht, Kontakt zu einer ihrer Schwestern aufzunehmen. "Aber als die Schwester zu ihr sagte, sie muss ihre Aussagen zurückziehen und den Vater aus dem Gefängnis holen, da brach sie den Kontakt gleich wieder ab." 

    Keines der Geschwister, das wurde auch in diesem Prozess deutlich, hat sich jemals vor die 16-Jährige gestellt und sie verteidigt. Auch nicht der jetzt Angeklagte, der versicherte, er habe seiner Schwester nie etwas getan. Es sei aber ein Problem gewesen, dass seine Schwester vor ihrem 18. Geburtstag einen Freund hatte - auch noch einen Moslem. "Wir sind vor den Moslems aus dem Irak abgehauen, weil sie uns (die Jesiden, An.d.R.) ermordet haben." Man habe die Schwester nur schützen wollen. Doch die sei gegen die ganze Familie, beschwerte er sich. Das Konstrukt der jesidischen Familie aus Augsburg jedenfalls scheint in sich zusammengefallen.

    Mutter zog nach Prozess mit Geschwistern aus Augsburg weg

    Das Familienoberhaupt, der Vater, und der älteste Sohn sitzen im Gefängnis. Die Mutter sei mit den jüngeren Geschwistern inzwischen nach Nordrhein-Westfalen gezogen, um dort neu zu starten, berichtete der Angeklagte. Zu sechst lebten sie dort einer Dreizimmerwohnung. Er selbst wohne weiterhin in dem Haus in Augsburg, das ihm gehöre. Er habe es für die Familie mit finanzieller Unterstützung des ältesten Bruders finanziert. Dafür müsse er noch einen Kredit von über 500.000 Euro abzahlen, so der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Geständig zeigte sich der 23-Jährige, der ohne Anwalt erschien, nicht. Stattdessen hatte er angebliche Beweise dabei, die zeigen sollten, dass er bei diesem Familientribunal gar nicht dabei war. 

    Da seine Schwester aus Sicherheitsgründen, wie schon beim ersten Prozess, nicht als Zeugin geladen werden konnte, ließ Richter Espenschied ihre Aussage, die per Video aufgenommen wurde, im Saal abspielen. Die Vorwürfe des Mädchens gegen ihren Bruder waren deutlich. Zudem konnten sowohl der Staatsanwalt als auch der Richter in ihren Plädoyers die angeblichen Beweise des Angeklagten zerpflücken. Er wurde zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Dazu muss er 5000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen. "Sie sind offenbar fehlgeleitet von religiösen Vorstellungen, die sie vorgelebt bekamen. Aber sie sind erwachsen und müssen sich daran nicht beteiligen", schloss der Richter.

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