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Fußball

14.07.2018

Kein Fähnchen dreht sich um Deutschland

Im Landkreis hielt sich nach dem Aus der Nationalmannschaft das Interesse für die WM  in Grenzen. Warum Dekan Dieter Zitzler kein Spiel gesehen hat und ein Sportgeschäft ein paar Ladenhüter verkaufen konnte.

Wem das WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien, das am Sonntag um 17 Uhr beginnt, zu aufregend wird, der hat in der Region viele Möglichkeiten, die Zeit anderweitig zu verbringen. Beispielsweise in einem der zahlreichen Biergärten, im Freibad – das Wetter soll ja sommerlich warm werden – oder bei einem Gottesdienst. In Welden beginnt in der St. Thekla-Kirche um 18 Uhr eine Messfeier genau zu dem Zeitpunkt, wenn in Moskau die zweite Halbzeit angepfiffen wird. Um 19 Uhr läuten in der Dillinger Studienkirche und in St. Wolfgang in Meitingen die Kirchenglocken zum Gottesdienst. Wenn es im Luschniki-Stadion allerdings Verlängerung geben sollte, müssen sich Zwiegespaltene entweder für Fußballgucken oder Messfeier entscheiden.

Für Pfarrer Dieter Zitzler aus Blindheim stellt sich diese Frage persönlich allerdings nicht. „Ich habe am Sonntag um 18 Uhr einen Gesprächstermin, der gar nichts mit Fußball zu tun hat“, verrät der Leiter des Dekanats Dillingen. Da er ohnehin nicht fußballinteressiert ist, bleibt es dabei, dass er sich während der WM kein einziges Spiel angeschaut hat. Auch nicht eines der deutschen Mannschaft, dessen schwaches Abschneiden er aber registriert habe: „Wer nicht gewinnt, kommt im Turnier nicht weit“, so Zitzler. Da der Fußball ständig irgendwie präsent sei, müsse die Kirche die Gottesdienstordnungen oft umstellen. Wer am Sonntag beides will, Fußball schauen und Gottesdienst feiern, dem rät Pfarrer Zitzler, eine Heilige Messe am Vormittag zu besuchen.

Christian Konle, Geschäftsführer des Sportgeschäfts „Laufgut Konle“ in Höchstädt wird sich morgen auf jeden Fall das Finale anschauen und tippt auf einen Sieg der Franzosen. Gerade als Geschäftsmann hat er mitbekommen, dass dieses Jahr das Interesse an der deutschen Mannschaft bei Weitem nicht so groß war wie bei vorangegangenen Weltmeisterschaften. Die Nachfrage nach WM-Artikeln sei sehr zurückhaltend gewesen. Das Vorrunden-Aus Deutschlands habe dazu beigetragen. Nur nach dem Erfolg gegen die Schweden sei kurzfristig das Interesse an Trikots gestiegen. Für den Schnäppchenpreis von 20 Euro konnten sich die Kunden allerdings nur mit der alten Kollektion eindecken. Die neuen Trikots hat Konle aufgrund der Auflagen von Hersteller adidas und DFB erst gar nicht geordert. Der Grund dafür sei die frühe Disposition von fast einem Jahr Vorlaufzeit gewesen. „Am Weihnachtsgeschäft 2017 hätten wir freien Händler trotzdem nicht teilnehmen können“, so Konle. Der früheste Auslieferungstermin wäre erst im vergangenen März erfolgt.

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Kaum Fußball-Fans in der Region in deutschen Trikots, wenig wehende Fahnen an Häusern und Autos, dazu kaum noch Public-Viewing-Veranstaltungen nach dem Scheitern der Truppe von Bundestrainer Jogi Löw in der Vorrunde – fast könnte man meinen, die WM in Russland habe für Tristesse pur in diesem Sommer gesorgt.

Fragt man allerdings bei Konstantin Sakowrjaschin nach, dann hört sich dies freilich alles ganz anders an. Seit Jahren spielt der gebürtige Russe bei der SSV Dillingen in der ersten Mannschaft. „Das war die beste WM aller Zeiten“, schwärmt der 38-Jährige, der aus Sibirien stammt und inzwischen in Neugablonz wohnt. Mit seinem Vater und seiner Schwiegermutter habe er in den vergangenen Wochen einige Male telefoniert und sich berichten lassen, wie großartig die Stimmung im Lande sei. Zu dieser habe auch die russische Mannschaft durch das Vordringen ins Halbfinale beigetragen. Für das morgige Finale sieht Sakowrjaschin Kroatien im Vorteil: „Die packen es!“

Wer wie der Autor dieser Zeilen bei der WM in Russland gewesen ist, der kann bestätigen, dass das Turnier der FIFA im einstigen Reich der Zaren einen Vergleich mit dem Sommermärchen 2006 in Deutschland absolut nicht scheuen braucht. Beim Anmarsch auf das Krestovsky-Stadion in der an Schönheit kaum zu übertreffenden Fünf-Millionen-Metropole St. Petersburg holt einen plötzlich die Heimat wieder ein. Die Außenfassade des 462 Meter hohen Gasprom-Tower auf der Wassiljewski-Insel an der Ostsee wurde nämlich von der Firma Josef Gartner aus Gundelfingen erstellt. Touristen aus aller Welt bestaunen dieses Bauwerk.

Als Gastronom Josef Krebs vor etlichen Jahren im Rahmen einer Russland-Reise in St. Petersburg war, gab es diesen Wolkenkratzer noch nicht. Und dennoch sei sein Vater schon vom damaligen St. Petersburg begeistert gewesen. Dies erzählt Sohnemann Christoph Krebs, der die aktuelle WM in Russland seit der 0:2-Niederlage von Deutschland gegen Südkorea nur noch am Rande verfolgt hat. „Seitdem habe ich kein ganzes Spiel mehr gesehen“, gesteht der Fußball-Abteilungsleiter des TSV Wertingen. Mit dem Niveau vieler Gruppenspiele konnte sich Christoph Krebs nicht anfreunden. Jetzt hofft er, dass wenigstens das morgige Finale einiges hergibt. Auf einen Biergarten-Besuch, einen Abstecher ins Freibad oder eine Teilnahme an einem Gottesdienst wird er verzichten. Das Endspiel zu verfolgen, sei für einen Fußballanhänger wie ihn Pflicht. Nachdem sein Geheimfavorit England im Halbfinale ausgeschieden ist, setzt er jetzt auf einen Sieg von Frankreich. (her)

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