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Neu-Ulm/Memmingen

22.04.2020

Prozess: "Wenn du keinen Sex mit mir hast, werd' ich dich töten"

Auf diesem Weg entlang des Sportplatzes in der Augsburger Straße soll eine Frau im Mai vergangenen Jahres als Geisel genommen worden sein. Der Unbekannte soll versucht haben, sie zum Sex zu zwingen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Ein 30-Jähriger, der wegen Vergewaltigung seiner Ex-Freundin vor Gericht steht, soll auch eine Passantin in Neu-Ulm überfallen haben. Die Frau schildert als Zeugin, was sie erlebt hat.

Es ist schon spät, als die 45-jährige Frau an diesem Freitag im Mai 2019 von der Arbeit nach Hause läuft. Sie hat kein Taxi bekommen, also geht sie den Weg von Ulm zu ihrer Wohnung im Neu-Ulmer Stadtteil Offenhausen zu Fuß. Kein Mensch scheint um diese Zeit unterwegs zu sein, es ist kurz vor ein Uhr. Als sie schon fast in ihrem Wohngebiet ist, hat sie das Gefühl, dass jemand hinter ihr läuft. Sie will nicht hinschauen. Auf einmal packt sie eine dunkle Gestalt von hinten und sagt: „Wenn du keinen Sex mit mir hast, werd’ ich dich töten.“

Sie sagt im Prozess als Zeugin aus

Ihre Stimme zitterte, als die Frau das Geschehen der Strafkammer im Memminger Landgericht als Zeugin schilderte. Dort hat in dieser Woche die Beweisaufnahme im Prozess um eine Vergewaltigung und einer Geiselnahme mit versuchter Vergewaltigung begonnen (wir berichteten).

Prozess: Hat er seine Ex-Freundin vergewaltigt?

Als Richter Christian Liebhart die Zeugin fragte, ob sie den Angeklagten erkenne, sagte sie, sie könne nicht hinschauen. Seit dem Vorfall habe sie das Gefühl, oft nachts verfolgt zu werden und sogar in ihrer Wohnung habe sie Angst.

Sie solle mit ihm schlafen, ansonsten würde er sie umbringen

Der Angeklagte, ein 30-jähriger Eritreer, soll die 45-Jährige überfallartig gepackt haben, um ihr anschließend mit dem Tod zu drohen, wenn sie kein Geschlechtsverkehr mit ihm habe. Der Vorfall geschah auf der Augsburger Straße in Offenhausen. Auf die Drohung hin, hat das mutmaßliche Opfer ihm vorgeschlagen, in dessen Wohnung zu gehen, um Sex zu haben, da es dort alleine wohne. Das war laut Aussage der Frau eine Taktik, um den Mann abzulenken. Der Täter hätte daraufhin auf ein Gebüsch gezeigt und gefragt, warum sie nicht gleich hier Sex haben könnten.

Die Frau rannte zu einem Auto

Er habe sich dann aber auf den Vorschlag der 45-Jährigen eingelassen. Die beiden sind laut ihrer Aussage ein paar Hundert Meter entlang des Sportplatzes gelaufen. An einer Kreuzung habe die Frau ein Auto gesehen, sich losgerissen und sei zum Wagen gerannt. Der Mann flüchtete.

Der 21-jährige Fahrer des Autos sagte ebenfalls aus. „Sie hatte etwas Blut an ihrem Mund und ihren Händen und hat davon gesprochen, dass ein Mann sie vergewaltigen wollte“, sagte der Student. Er habe sie dann mit einem Kumpel zur Polizeistation gebracht.

Unklare Textstelle in der Anklageschrift

Eine Textstelle in der Anklageschrift sorgte während der Verhandlung für Unklarheit. Die beiden Beteiligten sollen „bereits ein wenig in der Straße im Gebüsch“ gewesen sein, als die Frau den Vorschlag brachte, in ihre Wohnung zu gehen. Was das genau bedeuten soll, fragte Liebhart einen der Polizisten, der ebenfalls als Zeuge geladen war und in der Nacht des Vorfalls die Aussage der Frau aufnahm.

Ob sie ins Gebüsch gezogen wurde oder nicht, sei ein wichtiger Punkt bei der Einordnung der Strafe. Der Polizeibeamte gab zu, dass auch er sich nicht mehr genau erinnern könnte, wie die Geschädigte die Aussage formuliert habe. Die Vernehmung wurde von einer Dolmetscherin begleitet.

Er soll seine Ex-Freundin vergewaltigt haben

Der Angeklagte steht noch wegen eines anderen Falls vor Gericht. Im April 2019, ein paar Wochen vor dem Vorfall in der Augsburger Straße, soll er seine damalige Freundin in deren Wohnung vergewaltigt haben. Das geht aus Chatverläufen hervor sowie aus den Aussagen der Ex-Freundin und auch deren Arbeitskollegin, der sich die Neu-Ulmerin damals anvertraut hat. „Ich weiß viele Dinge nicht mehr, da ich versucht habe, sie zu verarbeiten“, sagte das 40-jährige Opfer am Anfang ihrer Aussage. Als sie die Ladung zum Prozess im Briefkasten gefunden habe, sei es für sie „wie ein Schlag ins Gesicht“ gewesen. Sie habe damit abgeschlossen und jetzt komme alles wieder hoch.

"Jetzt kommt alles wieder hoch"

„Alles“ bedeutet in ihrem Fall eine Nacht im Frühjahr vergangenen Jahres, als ihr damaliger Freund zu ihr nach Hause kam. „Wir saßen auf dem Sofa und haben, glaube ich, noch ein, zwei Bier getrunken. Und dann hat er angefangen“, sagt die Frau. Sie habe ihm mehrmals gesagt, dass sie keinen Sex möchte. Er habe es ignoriert, sie festgehalten und vergewaltigt. „Zu meinem Glück hat es nicht lange gedauert“, sagt die 40-Jährige. Dann sei sie duschen gegangen und die ganze Nacht wach gewesen. „Am nächsten Morgen war ich anders.“ Doch an viel mehr konnte sich die Zeugin nicht erinnern.

Chatverläufe als Beweis

Auch nicht an das, was danach geschah. Chatverläufe zeigen, dass die beiden weiterhin Kontakt hatten. „Fass’ mich nie wieder an. Du hast ihn mir etwas kaputt gemacht. Das kann ich nicht vergessen.“ Das schrieb die Frau ihrem Ex-Freund nach der Tat. Er soll geschrieben haben: „Du hast das Problem angefangen.“ Laut der 40-Jährigen war Eifersucht immer wieder ein Thema in der Beziehung.

Unterschiedliche Aussagen zur Tat

Was nach der Tat passiert sein soll, schildern das Opfer und der Angeklagte ganz unterschiedlich. Sie meinte, sie habe Schluss gemacht und er habe es nicht verstanden. Der Angeklagte sagte, sie seien weiterhin Freunde geblieben, haben sich ab und zu in der Stammkneipe getroffen und hätten sogar kurz vor seiner Verhaftung im Mai (wegen des zweiten Falls) noch einmal Sex gehabt. Der Verteidiger und der Richter fragten die Frau, ob sie sich daran erinnern könne. Sie verneinte. Aber sie könne sich nicht vorstellen, dass sie noch einmal miteinander geschlafen hätten.

Um die Geiselnahme mit versuchter Vergewaltigung in Offenhausen wird es noch einmal am letzten Prozesstag am Donnerstag gehen. „Da gibt es schon noch einige Ungereimtheiten“, sagte Richter Liebhart zum Ende des zweiten Verhandlungstages.

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