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Kriminalpolizei

16.08.2017

Ein Ermittler, der keine Krimis mag

Nach 41 Jahren und 61 Tagen als Polizist verabschiedet sich Peter Timko in den Ruhestand. Zuletzt war er acht Jahre lang Leiter der Kripo Dillingen, die auch für den Landkreis Donau-Ries zuständig ist.
Bild: Wolfgang Widemann

Peter Timko, Leiter der Kripo Dillingen, geht nach über 40 Jahren als Beamter in den Ruhestand. Fälle, wie die der Frauenleichen nahe Oettingen, hätte er gerne gelöst gehabt.

Peter Timko ist so etwas wie ein Urgestein der Polizei in Nordschwaben. In über vier Jahrzehnten war er – mit Ausnahme der Station in Wertingen – in allen Dienststellen in den Landkreisen Donau-Ries und Dillingen tätig, seit 2002 in leitender Funktion. Erst war er Chef der Inspektion in Rain, dann übernahm er diese Position bei der Kripo Dillingen. Nun ist aber Schluss. Nach 41 Jahren und 61 Tagen verabschiedet sich Timko in den Ruhestand. Zwar ist der 59-Jährige noch bis Ende November offiziell in Amt und Würden, jedoch hat er nun seinen letzten Arbeitstag hinter sich. Wir sprachen mit dem Kriminaloberrat über Momente, die ihn tief bewegt haben, über Fälle, die ihm im Gedächtnis bleiben und über Taten, die er noch gerne aufgeklärt hätte.

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Herr Timko, Sie waren lange Zeit Schutzpolizist und wechselten dann zur Kriminalpolizei. Haben Sie diesen Schritt bereut?

Timko: Nein, das war eine unheimliche Bereicherung für mich. Ich habe viele neue Dinge gesehen und dazugelernt. Die Kripo hat andere Aufgaben und eine andere Herangehensweise. Manche Fälle ziehen sich über Monate oder Jahre hin.

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Gibt es Entwicklungen, die ihnen Sorgen bereiten?

Timko: Sehr wohl. Da ist vor allem der Bereich der Internet-Kriminalität. Durch sie entstehen immense Schäden, sie ist schwer zu bekämpfen und die Fälle sind schwer aufzuklären, da vieles ins Ausland läuft. Die Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden ist aufwendig und schwierig. Diese Art der Kriminalität geht übrigens auch in Nordschwaben an Existenzen, zum Beispiel, wenn alte Leute ihr gesamtes Erspartes durch die Tricks dieser Verbrecher verlieren.

Sehen Sie auch erfreuliche Tendenzen?

Timko: Mit den DNA-Untersuchungen lassen sich viele Straftaten im Nachhinein aufklären. Das ist eine tolle Hilfe. In unserem Gebiet haben wir jeden Monat einen oder zwei Treffer. Allerdings ist das keine Wunderwaffe, weil die Möglichkeiten, DNA zu übertragen, vielfältig sind. Das muss man differenziert betrachten. Bei einem Fingerabdruck ist hingegen klar: Wenn einer an einem bestimmten Ort gefunden wird, war der Täter auch wirklich da.

Welcher Fall aus den vergangenen Jahren hat Sie denn besonders beschäftigt?

Timko: Der Fall Timo B. in Donauwörth (Der junge Mann soll im August 2016 seine Mutter derart geschlagen haben, dass sie gestorben ist. Inzwischen ist er – noch nicht rechtskräftig – in einem Indizienprozess wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu über neun Jahren Haft verurteilt worden; Anmerkung der Redaktion). Da haben wir alles getan, was möglich ist. In die Spurensicherung und die weiteren Ermittlungen waren Fachkräfte aus ganz Deutschland mit eingebunden. So etwas hat es in unserem Zuständigkeitsbereich und wahrscheinlich in ganz Schwaben noch nicht gegeben. Ich hätte mir gewünscht, wir finden einen Beweis für oder gegen Timo B., den jeder versteht und nachvollziehen kann.

Erinnern Sie sich an weitere Ereignisse, welche die Kripo über das übliche Maß hinaus gefordert haben?

Timko: Das waren nicht nur große Kriminalfälle. Vor ein paar Jahren hatten wir einmal zeitgleich drei vermisste Personen in Nordschwaben. Die Suchaktionen liefen parallel, brachten aber leider keinen Erfolg: Alle drei Vermissten hatten sich das Leben genommen.

Sind Sie während ihrer langen Dienstzeit persönlich an Grenzen gestoßen oder besonders erschüttert gewesen?

Timko: Ich konnte Beruf und Privates glücklicherweise sehr gut trennen. Gelänge einem das nicht, würde man irre. Richtig anstrengend und unangenehm war in meiner Funktion als Inspektionsleiter das Überbringen von Todesnachrichten. Wenn man den Angehörigen sagen muss, dass jemand aus ihrer Familie gestorben ist, und die Reaktionen erlebt – das bleibt schon eine Zeit lang hängen. Schwer zu ertragen sind auch Verbrechen an Kindern. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Mann seine Nichte im Kreis Dillingen sexuell missbraucht hat. Wenn man da mit den Details konfrontiert wird, dreht sich einem fast der Magen um.

Gab es in Ihrem Polizistenleben auch Momente zum Schmunzeln?

Timko: Die gab es. Während meiner Zeit im Schichtdienst in Donauwörth lief in der Nacht auf Heiligabend direkt vor der Inspektion ein Pärchen vorbei – mit einem gestohlenen Christbaum. Beide Diebe waren völlig betrunken. Die Frau ärgerte sich, dass ihr Freund einen höheren Promillewert als sie hatte. Und dann sagte sie zu mir: „Wissen Sie, was Sie ohne mich wären: Ein arbeitsloses Arschloch.“ Das brachte ihr auch noch eine Anzeige wegen Beleidigung ein.

Haben Sie auch mal den falschen Täter erwischt?

Timko: Überraschende Wendungen gibt es während der Ermittlungen immer wieder. Wiederholt kam es auch vor, dass vermeintliche Opfer von Sexualstraftaten wissentlich die Unwahrheit sagten. Dies kann für den Beschuldigten drastische Folgen haben. Oft gelang es uns aber, solche Lügengeschichten aufzudecken.

Gerieten Sie während ihrer Dienstzeit in eine gefährliche Situation?

Timko: Bei der Schutzpolizei passierte das einige Male, beispielsweise bei Familienstreitigkeiten, bei denen auch noch Alkohol im Spiel war. Bei der Kripo ist man auf gefährliche Situationen in aller Regel vorbereitet und kann und im Zweifelsfall ein Spezialeinsatzkommando anfordern.

Sind Sie ein Krimi-Fan?

Timko: Nein. Meine Frau aber schon. Wenn sie im Fernsehen einen Krimi anschaut, gehe ich aus dem Zimmer. Mich nervt, dass es einfach nicht der Realität entspricht, was die TV-Kommissare so alles machen und dürfen.

Welche realen Fälle hätten Sie noch gerne gelöst?

Timko: Seit ich Kripochef war, beschäftigte mich der noch immer ungeklärte Mord aus dem Jahr 1983 an der damals 15-jährigen Simone Langer aus Donauwörth. Gleiches gilt für für die beiden getöteten Frauen aus Osteuropa, deren Leichen 1995 nahe Oettingen gefunden wurden und deren Identität bis heute nicht bekannt ist. Es verging kaum keine Woche, in der wir uns nicht die Frage stellten: Gibt es da etwas? Gerne geklärt hätte ich auch noch den Vermisstenfall Kadir Karabulut. Der Profi-Pokerspieler aus Dillingen ist seit 2013 spurlos verschwunden. Da sind viele Fragezeichen. Er kann getötet worden sein, er kann aber auch einfach untergetaucht sein. Für meinen Nachfolger bleibt genug zu tun.

Auf was freuen Sie sich in ihrem weiteren Leben ohne Verbrechen?

Timko: Jetzt kann ich das machen, was ich will. Ich habe mehr Zeit für die Gartenarbeit, das Angeln und für meine beiden Enkelkinder. Oder ich fahre mit meiner Frau mit dem Wohnmobil in die Berge.

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