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Bistum Augsburg

10.09.2020

100 Tage im Leben vom Augsburger Bischof Bertram Meier

Ruhige Momente sind in den vergangenen Wochen selten gewesen für Bertram Meier. Mit seiner Weihe wurde er nicht nur Bischof, sondern auch zur öffentlichen Person.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Der neue Augsburger Oberhirte wird das Bistum mit seinen 1,3 Millionen Katholiken prägen. Ein Rückblick auf seine ersten 100 Tage im Amt.

Das geht ja gut los. Papst Franziskus ernennt im Januar einen neuen Bischof von Augsburg. Doch der kann wegen der Corona-Pandemie nicht geweiht werden. Und so muss Bertram Meier, der gebürtige Buchloer, warten, ein Gottesdienstverbot managen, erste Entscheidungen treffen und weiter warten. Bis zum 6. Juni – die Bischofsweihe ist Tag eins von nahezu 100, an dem wir ihn in seinem neuen Amt begleiten. Es zeigt sich: ein Mann, der keine Zeit verstreichen lassen will und der einiges vorhat.

Meier wird, so Gott will, das Bistum Augsburg mit seinen knapp 1,3 Millionen Katholiken in den kommenden 15 Jahren leiten. Mit Vollendung seines 75. Lebensjahres wird er dann dem Papst den Amtsverzicht anbieten, wie es das Kirchenrecht vorsieht. In 15 Jahren kann Meier vieles gestalten. Die ersten 100 Tage allerdings weisen bereits den Weg. Sie geben eine erste Antwort auf die Frage: Wie tickt dieser Bischof? Auch von ihm wird abhängen, welche Rolle die katholische Kirche künftig (noch) spielt.

Bischofsweihe in Corona-Zeiten: 180 statt 2000 Zuschauer

Tag 1, 6. Juni. Die Bischofsweihe dürfen gerade einmal 180 statt der ursprünglich geplanten 2000 Menschen im Dom mitfeiern. Wegen der Corona-Beschränkungen. Sie tragen Masken, Ministerpräsident Markus Söder eine mit weiß-blauen Rauten. "In dieser stürmischen Umbruchzeit das Bischofsamt zu übernehmen – das wirst du nie vergessen", sagt Kardinal Reinhard Marx aus München zu Meier. Der hat sich eine kleine Sensation bis zum Schluss aufgehoben: Die Ordensfrau Anna Schenck von der Congregatio Jesu werde die Geschäfte der Diözese maßgeblich führen, kündigt er an.

Mit einem Festgottesdienst wurde Bertram Maier zum Bischof geweiht.
Bild: Silvio Wyszengrad

Tag 2, 7. Juni. Als eine Dankwallfahrt empfindet Bischof Bertram, wie er nun genannt wird, sein Hochamt in Friedberg-Herrgottsruh. Als Schüler habe er hier schon ministriert. "Woran soll man einen Bischof erkennen?", fragt er in der Predigt. Nicht Ring, Kreuz, Bischofsstab oder Höhe der Mitra seien ausschlaggebend, sagt er, sondern das Gebot "Liebet einander".

Tag 5, 10. Juni. Am Bischofshaus prangt ein weißes Transparent: "Vergelt’s Gott". Meier sagt: "Gebete, Glückwünsche, Geschenke: Es gibt so vieles, für das ich mich bedanken muss." Er fühle sich getragen von einer Welle der Sympathie.

In der Corona-Pandemie ersetzt eine Segnung die Prozession an Fronleichnam

Tag 6, 11. Juni. Die feierliche Stadtprozession an Fronleichnam muss coronabedingt ausfallen. Stattdessen tritt Meier segnend vor den Dom. Für die Kirche gebe es keinen Fortschritt im Rückwärtsgang, sagt er. Jeder Satz, den er in diesen ersten Tagen spricht, ist Ausdruck seines Programms. Zwei seiner Ziele: Er will Vermittler sein, auch zwischen Vatikan und Kirche in Deutschland. Und er will "Mensch bleiben". Er weiß, dass er sich an den Sätzen seiner ersten Bischofstage wird messen lassen müssen.

Tag 23, 28. Juni. Meier weiht vier Männer im Dom zu Priestern. Sie führen in aufgewühlte See, sagt er ihnen. Sie sollten sich nicht als Herren über den Glauben, sondern einem geschwisterlichen Miteinander in der Kirche verpflichtet fühlen. Und ja: Er erwartet Loyalität.

Das "geistliche Tagebuch" als Visitenkarte in der Krise

Tag 25, 30. Juni. An die stürmischen Wochen zwischen Ernennung und Bischofsweihe erinnert die Predigtsammlung "Erzwungene Distanz – gesuchte Nähe". Sie enthält Meiers Ansprachen aus den live übertragenen Gottesdiensten in der bischöflichen Hauskapelle – von ihm "Mini-Dom" genannt. Dieses "geistliche Tagebuch" sei wie eine Visitenkarte, meint er.

Tag 29, 4. Juli. Eine "stille Ulrichswoche" beginnt. Meier hebt drei Frauen im Umkreis des Bistumspatrons hervor. "Ulrich hat auf den Weiberrat viel gegeben", sagt er mit Blick auf die Jungfrau Wiborada, die erste Frau, die von einem Papst heiliggesprochen wurde. Von ihr habe Ulrich "ein weiseres, tieferes und besseres Urteil" eingeholt. Meier ist Ulrichs 62. Nachfolger.

Tag 35, 10. Juli. Nach Recherchen unserer Redaktion wird die Zahl der Neuweihen von Diözesanpriestern 2020 bundesweit bei 57 liegen – der zweitniedrigste Wert seit 1962 und ein weiterer Tiefschlag für Kirchenverantwortliche. Ende Juni erst wurde bekannt, dass die Zahl der Kirchenaustritte bundes- und bistumsweit einen Negativrekordwert erreicht hat. Bischof Bertram ist besorgt. 15.532 Menschen traten 2019 im Bistum aus der katholischen Kirche aus, so viele waren es nicht mal, als sein Vorvorgänger Walter Mixa 2010 wegen Prügelvorwürfen Schlagzeilen machte. "Was bieten wir den Leuten an? Womit speisen wir sie ab? Wie steht es um unsere Glaubwürdigkeit? Sind wir lebensrelevant?", fragt er sich. Die Qualität des Angebots habe "Luft nach oben".

Zum 60. Geburtstag des Bischofs: Verloren gegangenes Vertrauen wieder herstellen

Tag 45, 20. Juli. Meier wird 60. Generalvikar Harald Heinrich, sein "Alter Ego", spricht von einer Zeit, "wo uns Unübersichtlichkeit in Welt und Kirche zu schaffen machen". Meier werde gebraucht als einer, der "uns – statt auf die Spur verbissener Aktivitäten oder lähmender Resignation – auf die größere Spur setzt: die des Vertrauens". Damit hat er formuliert, was die größte Aufgabe des neuen Bischofs sein wird: verloren gegangenes Vertrauen wieder herstellen – in die Kirche und innerhalb der Kirche. Gerade im Bistum Augsburg hat das Vertrauen gelitten. Auch, weil Meiers Vorgänger polarisierten.

Ruhige Momente sind in den vergangenen Wochen selten gewesen für den Augsburger Bischof Bertram Meier.
Bild: Silvio Wyszengrad

Tag 47, 22. Juli. Antrittsbesuch bei der Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber. In einem Besprechungszimmer im Rathaus kommen um 9 Uhr drei Menschen zusammen, die neu in ihren Ämtern sind. Weber wurde Ende März gewählt, Meier Anfang Juni zum Bischof geweiht, und für Ordensfrau Anna Schenck ist es Tag zehn als seine Amtsleiterin. Die 43-Jährige organisiert sein Büro, wird sich um Projekte, Veranstaltungen, Konzepte kümmern. Eine Frau in einer Schlüsselposition – Meier möchte ein Zeichen setzen.

"Wie geht’s Ihnen", fragt ihn Weber. "Gut, überraschend gut. Obwohl es für mich ein Hoppladihopp-Beginn war." Sie sprechen über die Verantwortung, die sie jetzt haben. "Es ist einfach etwas anderes, wenn man im Oberbürgermeisterbüro sitzt und dort alles zusammenläuft", sagt Weber, die zuvor Zweite Bürgermeisterin war. Meier nickt.

Vatikan-Papier: Auch in Augsburg dürfen keine Laien Gemeinden leiten

Tag 48, 23. Juli. Ein Vatikan-Papier, das am 20. Juli veröffentlicht wurde, verärgert engagierte Katholiken. Für sie stellt die römische Verwaltungsanweisung angesichts des Priestermangels ein verheerendes Signal dar: In ihr werden Leitungsteams für Gemeinden aus Pfarrern und Laien ausgeschlossen, auch "im Falle des Priestermangels". Was zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist: Die Debatte über das Papier wird anhalten und Kirchenpolitik-Geschichte schreiben. Denn öffentlich stellen sich eine Reihe deutscher Bischöfe gegen Rom. Der Münchner Kardinal Marx sagt, das Papier sorge dafür, dass "neu Misstrauen gesät, Gräben vertieft werden". Meier sagt: Seine Diözese könne "mit den Vorgaben aus Rom gut leben". Keine 50 Tage im Amt, befindet er sich inmitten einer hochemotionalen Richtungsdebatte über den Kurs der Kirche.

Tag 50, 25. Juli. Halbzeit. Was sich bereits sagen lässt: Meier ist einer der meistzitierten Kirchenmänner des Landes. In einem Interview, das am Tag seiner Weihe erschien, wird er gefragt: "Anders als Ihr Vorgänger sind Sie medial sehr präsent. Warum?" Er antwortet: "Ich habe nicht nur Vollblutkatholiken im Blick, sondern auch Menschen außerhalb der Kirche."

Meier: Gebetshausgründer Hartl erhält keinen "Blankoscheck" in Sachen Vertrauen

Er äußert sich auch zu Johannes Hartl, Gründer des Gebetshauses Augsburg und katholischer Theologe. Das Gebetshaus, in dem rund um die Uhr gebetet wird, zählt zur Strömung Charismatische Erneuerung. Hartl ist ein brillanter Redner und Organisator. Die einen sehen in ihm die Zukunft der Kirche (als Gemeinschaft wahrhaft Gläubiger), Meiers Vorgänger Bischof Konrad Zdarsa schwärmte über das "ohne jeden Zweifel glaubwürdige und ganz und gar ernst zu nehmende Lobpreis- und Fürbittgebet". Andere haben Bedenken. Unter anderem, weil Hartl – ob er das will oder nicht – anschlussfähig ist in politisch (neu-)rechten Kreisen. Am rechten Rand mischen sich verschiedene Gruppierungen, mit dabei katholische. "Katholiken mit Rechtsdrall" nennt sie Liane Bednarz, Autorin des Buchs "Die Angstprediger". Schnittmengen sind Themen wie Abtreibung oder "Ehe für alle". Für Bertram Meier ist eine Unbedenklichkeitserklärung seines Vorgängers für Hartl jedenfalls "kein Blankoscheck". Hartl zeigt sich verwundert, Katholisch-Konservative horchen auf. Ist Meier ein Liberaler oder einer der Ihren? Meier macht es niemandem leicht, ihn diesen Kategorien zuzuordnen.

Tag 53, 28. Juli. Um 18.57 Uhr betritt er sein Arbeitszimmer, in drei Minuten soll er live auf Facebook zu sehen sein. "Herr Bischof, ich hätte da mal eine Frage..." nennt sich das Format. Um 19.02 Uhr geht es los, um 19.03 Uhr unterbricht das Läuten einer Standuhr – ein Erbstück von seinen Großeltern – den Bischof und dessen Sprecher, der ihm die Fragen der Nutzer stellt. Meier sitzt in einem Ledersessel, die Arme auf den Lehnen. Entspannt und hochkonzentriert.

Meier ist "sehr froh, das Bischofsamt übernommen zu haben"

Er sei weiterhin sehr froh, das Bischofsamt übernommen zu haben, sagt er. "Ich weiß aber auch, dass der Alltag kommen wird und ich Entscheidungen treffen werde, die nicht jedem gefallen werden." Danach: das Vatikan-Papier. Es wolle "nicht eine Entmachtung der Laien", sagt er und betont, für eine "kooperative Gemeindeleitung" einzutreten. Gleichwohl bleibt er dabei: Priestern müsse die Letztentscheidung etwa bei Fragen der Leitung von Gemeinden vorbehalten sein. Über Hartl und das Gebetshaus sagt er, dass er kurz nach seiner Weihe zwei Stunden mit ihm diskutiert habe. Man müsse nach Schnittmengen schauen. Er wünsche jedoch nicht, dass sich hier eine "neue Kirche" etabliere. Nach der Fragerunde spricht er über seine Urlaubspläne. Dann arbeitet er noch etwas.

Tag 57, 1. August. Spontan hat er zugesagt, den "Grünen Kranz" in Augsburg-Lechhausen einzuweihen. Das Gebäude vereinigt Sozialstation, Gaststätte und barrierefreies Wohnen. Es sei "ein anderer, doch wichtiger Ort für die Gemeindebildung", sagt Meier. Auch diesem Gebäude kommt Symbolkraft zu.

Tag 60, 4. August. Der Bischof erzählt im Rahmen des Augsburger Friedensfest-Programms, dass er ein Ritual habe: die tägliche Siesta. Es wird Zeit für einen Urlaub.

Tag 65, 9. August. Seit Jahren zelebriert Meier das Afrafest in der Augsburger Basilika. Er predigt über die heilige Edith Stein. Priestern rät er: "Werdet wesentlich!" Jesus wünsche sich keine diskutierende Kirche, "sondern eine, die seinem Wort lauscht".

Ordensfrau Anna Schenck (links) hilft dem Bischof, die Amtsgeschäfte zu führen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der Bischof macht Urlaub an der Ostsee und in Südtirol

Tag 66, 10. August. Urlaubsbeginn. Zuerst Radeln an der Ostsee, später Meran in Südtirol, Pension der Salvatorianerinnen. Meiers freie Tage werden immer wieder von Arbeit unterbrochen.

Tag 80, 24. August. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz tagt in Würzburg. Einmal mehr geht es um das Vatikan-Papier. Die Bischöfe einigen sich darauf, ein Angebot zum Dialog mit der zuständigen Kleruskongregation in Rom anzunehmen.

Tag 90, 3. September. Urlaubsende. Schon am 4. September moderiert Meier die Regionenkonferenz des "Synodalen Weg" in München. Es ist die Fortsetzung des Reformprozesses von Bischöfen und Laien in Deutschland, den engagierte Katholiken durch das Vatikan-Papier torpediert sehen. Meier ist als Moderator in der Rolle, die er sich ausgesucht hat: die des Vermittlers. Er scheint sie gut auszufüllen. "Ich habe ihn als unkompliziert, offen und zugewandt erlebt", sagt Co-Moderatorin Gudrun Lux, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und Münchner Grünen-Stadträtin. Meier habe "eine ordentliche Bodenhaftung". Sie wünsche ihm, dass das so bleibe. Meier knüpft Kontakte, spricht mit Vertretern der Reformgruppen Maria 2.0 und Wir sind Kirche. Auch Corona ist Thema. Er sagt, es sei schwer für ihn gewesen, seiner Mutter während des Lockdown wochenlang nicht die Krankenkommunion spenden zu können. Erna Meier, fast 90 und ihrem Sohn eine wichtige Ratgeberin, lebt im Augsburger Domviertel im Afraheim.

Meiers Schwester fordert Frauen im Priesteramt. Der Bischof nicht.

Tag 94, 7. September. Anruf bei seiner sechs Jahre jüngeren Schwester in Paris. Sie arbeitet als Deutschlehrerin. Das Verhältnis zu ihrem Bruder habe sich in den vergangenen Wochen nicht geändert, sagt Alexandra Buchegger. Dass er nun Bischof sei, sei allerdings etwas Besonderes. Andererseits: Sie habe ja von klein auf miterlebt, wie sehr er sich der Kirche verbunden fühlte, in Kaufering ministrierte, nach Rom ging, 1985 dort zum Priester geweiht wurde. "Mich ärgert immer noch, und das sag ich ihm öfter, dass ich als Mädchen damals nicht Ministrantin werden durfte", erzählt sie. Alexandra Buchegger hofft auf den Synodalen Weg, auf Reformen. "Ich bin für Frauen als Priesterinnen." Und das sage sie genauso ihrem Bruder, dem Bischof. Der ist dagegen. Zu seiner Weihe reiste sie mit einem ihrer beiden Söhne an. Sie fand sie "ergreifend". Aufmerksam verfolgt sie die Berichterstattung über ihren Bruder, der am 6. Juni nicht nur Bischof, sondern zur öffentlichen Person wurde. "Seine Aufgabe wird sicher nicht einfach", meint sie.

Am Sonntag ist Bischof Bertram Meier 100 Tage im Amt. Es werden tausende weitere Tage folgen.

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