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Corona-Krise
18.03.2020

Eine allgemeine Ausgangssperre ist nicht vom Tisch

In Italien ist das schon seit Tagen Alltag: Wer keine triftigen Gründe hat, muss zu Hause bleiben. Die Bevölkerung musiziert aus den Fenstern und von Balkonen gegen die Krise an.
Foto: Elisa Lingria, dpa

In Deutschland werden fast jeden Tag neue Maßnahmengegen gegen die Epidemie angeordnet. Viele fragen sich, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Schließung der Schulen? Schon Ende letzter Woche beschlossen. Katastrophenfall in Bayern? Ach ja, wurde schon am Montag von Ministerpräsident Markus Söder ausgerufen. So geht es seit Wochen – Schritt für Schritt mit einem wachen Seitenblick darauf, was stärker betroffene Länder wie Italien oder Spanien sich einfallen lassen, um die Verbreitung des Coronavirus langsam, aber sicher abzubremsen. In Deutschland fokussiert sich die Diskussion zunehmend darauf, ob auch hierzulande nichts an einer flächendeckenden harten Ausgangssperre vorbeiführt. Protagonisten der Debatte sind Ärzte, Virologen, Politiker und auch Juristen.

Ein Szenario, das einen Gutteil seines Schreckens aus einer parallel verlaufenden Kontroverse zieht: Dabei geht es darum, wie lange die beschlossenen Einschränkungen das Land fesseln werden. Zwei Wochen zu Hause arbeiten, auf soziale Kontakte weitgehend verzichten? Nicht schön, diese Vorstellung, aber auch nicht völlig niederschmetternd. Zwei Wochen Urlaub gehen schließlich auch schnell vorbei. Doch was, wenn das alles viel, viel länger dauert als gedacht.

Könnten in einigen Monaten zehn Millionen Deutsche infiziert werden

Ausgeschlossen ist das nicht. Im Gegenteil: Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat am Mittwoch davor gewarnt, dass es in einigen Monaten bis zu zehn Millionen Coronavirus-Infektionen in Deutschland geben könnte. Dies drohe, wenn die von der Bundesregierung angeordneten Maßnahmen nicht eingehalten würden. Inzwischen sind dem RKI knapp 8200 bestätigte Fälle bundesweit gemeldet worden, gut 1000 mehr als am Vortag. Experten gehen davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infizieren könnten. Das entspricht bei gut 83 Millionen Einwohnern etwa 50 bis 58 Millionen Menschen.

Die Hoffnung ist, dass sich die Ausbreitung der Krankheit aufgrund der drastischen Maßnahmen möglichst langsam vollzieht, um möglichst wenig Erkrankte gleichzeitig behandeln zu müssen. Wielers Kollege John Ziebuhr vom Institut für Medizinische Virologie der Justus-Liebig-Universität Gießen rechnet damit, dass die Empfehlung, soziale Kontakte auf ein Mindestmaß zu beschränken, für mindestens vier bis fünf Wochen gelten werde – "vielleicht auch ein paar Wochen länger. Das halte ich für eine sinnvolle Größenordnung, um die Situation neu beurteilen zu können". Auch Ziebuhr ist klar, dass eine Ausgangssperre die mentale Belastung für die Menschen erheblich erhöhen würde. "Ich hoffe, dass wir das vermeiden können", sagte der Virologe im Gespräch mit unserer Redaktion. Allerdings mache er sich Sorgen, wenn er Bilder von größeren Menschengruppen, die sich bei schönstem Frühlingswetter in den Städten treffen, oder Kindern, die in Scharen zusammen spielen, sehe. "Das geht gar nicht. Wenn es nicht gelingt, die Leute davon zu überzeugen, die sozialen Kontakte eng einzugrenzen, wird es auch bei uns eine Ausgangssperre geben müssen."

Weltärztepräsident Montgomery ist gegen Ausgangssperre

Das sehen nicht alle so. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ist erklärter Gegner von Ausgehverboten. Er hält die Sperren für medizinisch kaum wirksam, mithin also für unangemessen. Als Negativbeispiel nennt der frühere Präsident der Bundesärztekammer das Nachbarland Italien. "Die waren ganz schnell an ihren Kapazitätsgrenzen, haben aber die Virusausbreitung innerhalb des Lockdowns (dt. Vollsperrung; die Redaktion) überhaupt nicht verlangsamt." Er setze lieber auf die "Erzeugung von Vernunft".

Bisher hat das Bundesgesundheitsministerium Gerüchte, dass das rigide Modell Italien oder Spanien für Deutschland hinter den Kulissen bereits ausgemachte Sache ist, auf allen Kanälen dementiert. Für die Zukunft ausschließen kann Minister Jens Spahn (CDU) diese einschneidende Verschärfung jedoch auch nicht.

In China wurden Millionenstädte abgeriegelt

Gesetzt den Fall, die Ausgangssperre kommt tatsächlich. Wäre das dann das letzte Wort? Wie weit darf der Staat gehen? In China wurden auf dem Höhepunkt der Krise Millionenstädte unter Quarantäne gestellt, die italienische Regierung riegelte kleinere Städte im Norden des Landes ab. Das wäre auch in Deutschland auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes nicht ausgeschlossen. Doch es wäre ein äußerst harter Einschnitt. RKI-Chef Wieler erklärte im ZDF, dass er sich eine Quarantäne von ganzen Städten nicht vorstellen könne. Schon weil die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln oder ärztlicher Hilfe in Quarantänegebieten äußerst schwierig sei.

In Tschechien geht die Regierung einen anderen Weg: Dort wird das Tragen eines Mundschutzes in der Öffentlichkeit zur Pflicht. Wer kein professionelles Equipment vorrätig hat um Mund und Nase abzudecken – und das ist die überwältigende Mehrheit der Zivilbevölkerung – darf auf Tücher oder Schals zurückgreifen. Die Tschechen bereiten sich auf die neue Lage auf ihre Weise vor. Es bildeten sich lange Schlangen vor Textilwarengeschäften in Prag.Besonders beliebt: bunte Stoffe.

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