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Coronavirus

02.04.2020

Wir und Corona: Das Logbuch der Redaktion

Rund 100 Redakteure der Augsburger Allgemeinen arbeiten aktuell von zu Hause.
Bild: Adobe Stock (Symbolbild)

Das Schlafzimmer als Redaktion, die Konferenzen mit zwei Metern Abstand: Die Redaktion arrangiert sich mit der Corona-Krise. Hier berichten die Kollegen im Wechsel.

Donnerstag, 2. April: Das Dalai-Lama-Prinzip

von Julius Müller-Meiningen

Normalität. Das ist das Wort der Stunde. Die große Sehnsucht. Im Ausnahmezustand wünschen wir uns alle nichts sehnlicher, als zur „Normalität“ zurückzukehren. Alles soll werden wie vorher. Manchmal bekomme ich allerdings einen flauen Magen, wenn ich mir vorstelle, wie nach Corona in Rom alles wieder seinen alten Gang nehmen wird. Der wieder auflebende Verkehr wird das erste Merkmal der Rückkehr zur „Normalität“ sein. Wer wird dann noch öffentliche Verkehrsmittel nutzen, in denen man ja angeblich auch nicht mehr sicher ist? Man wird wieder um sein Leben fürchten müssen, wenn man eine Straße überquert. Sich im Straßenverkehr fortzubewegen ist nach allen bisherigen Erkenntnissen mindestens so gefährlich, wie dem sogenannten Killervirus zu erliegen.

Auch die Eile wird zurückkehren, von der viele von uns derzeit eine erholsame Pause nehmen. Wie hat der Dalai Lama es so schön formuliert: Die Menschen im Westen setzen erst ihre Gesundheit aufs Spiel, um Geld zu verdienen, und verlieren dann ihr Geld, um ihre Gesundheit wieder herzustellen. Wir lebten, als müssten wir nie sterben, und sterben, als hätten wir nie gelebt. Immer nach vorne gerichtet, nie innehaltend. Ich vermisse sie gerade nicht, die wahnsinnige Eile der Normalität. Und habe denselben Eindruck bei den mich umgebenden Menschen, die plötzlich auf das Vogelzwitschern hören, das man ja gar nicht hören konnte, weil es wie verschluckt war vom Großstadtlärm.

Man sieht jetzt verrückte Fotos: Affen erobern die Straßen in Thailand, Ziegenböcke wagen sich in Wales in die Zivilisation vor. Enten watscheln durch Rom. Pfauen flanieren in Madrid. Gestern waren wir es, die sie im Zoo anstaunten. Heute sind es die Tiere, die sich vor den verschlossenen Läden fragen: „Ja wo sind sie denn alle hin, diese komischen Menschen?“

Julius Müller-Meiningen.
Bild: Julius Müller-Meiningen.

Wenn alles wieder normal wird, verschwinden die Tiere wieder aus den Städten – ausgenommen diejenigen, denen wir Menschen zu sehr auf die Pelle gerückt sind. Zum Beispiel die Fledermäuse, die das Virus in sich tragen und es vielleicht sogar über einen Zwischenwirt an uns übertragen haben. Warum? Weil wir sie nicht in Ruhe lassen. Weil wir uns immer weiter in ihre Lebensräume vorarbeiten. Die Welt nimmt sich gerade eine Pause von der Spezies Mensch, das ist offensichtlich. Die Frage ist, ob wir die Botschaft verstehen – und das hat viel mit unserem Verständnis von „Normalität“ zu tun.

Irgendwo habe ich einen Satz gelesen, der mich nicht mehr loslässt. Ich halte ihn für sehr optimistisch, er lautet: „Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem.“

Julius Müller-Meiningen berichtet für uns aus Rom.

Mittwoch, 1. April: Mensch, ärgere dich nicht!

Von Stephanie Sartor

Arthur Schopenhauer hat einmal gesagt, dass wir selten an das denken, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt. Und gerade fehlt viel.

Das Leben ist zusammengeschrumpelt. Wie ein Apfel, der zu lange in der Küche herumgelegen ist. Wir sind ausgetrocknet, durstig nach Menschen, jedes Telefonat ist wie ein Wasserloch in der Wüste. Und man ertappt sich bei dem überraschend anregenden Wunsch, mal wieder dicht gedrängt in einer U-Bahn zu stehen, ganz gepflegt am Bankschalter in der Schlange zu warten.

Der vergangene Samstagabend also. Durst löschen. Mein Mann und ich sitzen an unserem Wohnzimmertisch. Vor uns liegt ein aufgeklapptes Spielbrett. Unsere Freunde, mit denen wir uns für diesen Abend verabredet haben, schauen aus unserem Fernseher heraus. Und wir hinein. Ein Kabel führt zum Laptop, der wiederum ist mit einer kleinen Webcam verbunden, die wir auf einen Stuhl gesetzt haben. Das Spiel beginnt.

Mein kleines rotes Auto zuckelt drei Felder vor. Dann hält es. Ich hätte in der Lotterie gewonnen, steht da. 50.000 Mark. Nicht übel. Wir spielen „Spiel des Lebens“. Und ich komme nicht umhin, mir – nicht ohne ein wenig Wehmut – zu denken: Irgendwie spielt das Leben gerade nicht wirklich fair.

Es wird ein langer Abend. Eine lange Nacht. Wir spielen und reden und lachen und tun irgendwie so, als wäre nichts. Spielen ein wenig Normalität. Vergessen Corona. Wenigsten ein bisschen. Gegen drei Uhr morgens winken wir ein letztes Mal in die Kamera, dann fahren wir den Computer herunter. Welt, gute Nacht.

Stephanie Sartor ist Redakteurin im Ressort Bayern & Welt und Digitalreporterin.
Bild: Stepanie Sartor

Noch mal Schopenhauer: Wenn wir vor allem an das denken, was uns fehlt, dann sind das die Menschen, die wir bisher oft gesehen haben. Die zu unserem Leben gehören wie die Schlossallee zu Monopoly: die Eltern, mit denen man so gerne mal wieder am Sonntag zusammensitzen und Rinderrouladen essen würde. Die Schwester, die Nichte, Freunde und Kollegen. Im Büro reichte früher ein kurzer Zuruf über den Schreibtisch, jetzt schreibt man E-Mails, telefoniert, manchmal gibt es eine Videokonferenz. Alles ein bisschen komplizierter. Alles ein bisschen distanzierter.

Diese Distanz müssen wir überbrücken. Müssen warten, Geduld haben, den Gedanken zulassen, dass wir auch in den nächsten Wochen in keiner Kneipe sitzen werden, in keinem Restaurant, bei keiner Familienfeier, nicht in der Kantine beim Kaffee mit der Kollegin. Das ist nun mal das Spiel, so sind die Regeln. Wir müssen uns damit abfinden, denn es hilft ja alles nichts. Also: Mensch, ärgere dicht nicht!

Stephanie Sartor ist Redakteurin im Ressort Bayern & Welt und Digitalreporterin.

Dienstag, 31. März: Kultur per Klick? Da fehlt doch was…

Von  Stefan Dosch

Theater, Konzert, Kino, Museum … Für einen, für den all dies seit Jahrzehnten einen nicht unbeträchtlichen Lebensbestandteil darstellt, ist die derzeitige Generalschließung eine, sagen wir mal, ungewohnte Situation. Aber, könnte man fragen, wo ist denn hier das Problem, wo wir doch in digitalen Zeiten leben? Ist ja alles verfügbar, Beethoven, Shakespeare, Leonardo und all die anderen, sämtlich nur ein paar Klicks entfernt!

Stimmt. „Besuchen Sie uns online!“, schallt es aus allen Ecken des digitalen Postfachs hervor. In einer Fülle, dass man schon nicht mehr weiß, wohin man zuerst gucken, hören soll. „Lucia di Lammermoor“ aus München oder „Rosenkavalier“ aus Berlin? Dem Pianisten Igor Levit ins Wohnzimmer folgen oder lieber dem Geiger Daniel Hope? Virtuell an den Gemälden des Frankfurter Städel entlangflanieren oder gleich den Sprung in die Eremitage nach St. Petersburg wagen?

Und so kann man seine Nase unvergleichlich nah an die Pixeloberfläche eines van Gogh heranrücken oder die Berliner Philharmoniker beim Rackern im sinfonischen Dickicht verfolgen – und hält’s in den wenigsten Fällen lange am Bildschirm aus. Denn stets wird man vom selben Gefühl beschlichen: Da fehlt etwas. Und zwar etwas Entscheidendes.

Es fehlt der Freiraum und der besondere Lichteinfall, den ein Museum aufzubieten vermag, es fehlt dieser besondere Moment der Betrachtung vor dem Original, so als wäre man selbst der Künstler, der vor hundert oder fünfhundert Jahren von eben dieser Warte aus sein Werk in den Blick nahm. Es fehlt die unvergleichliche Akustik eines originären Konzertsaals, diese Luftigkeit und die spezifische Verzögerung, bis der Klang eines Orchesters das Ohr erreicht.

Und schon gar nicht will sich in der eigenen Stube diese besondere Konzentration einstellen, der Wille eines Kollektivs, über einen bestimmten Zeitraum hinweg nichts anderes zu tun, als eine künstlerische Darbietung zu verfolgen. Eine gesteigerte Aufmerksamkeit, die in einer Livesituation auch von den Interpreten erfasst wird und ihrerseits potenzierend wirkt und die jetzt, beim virtuellen Konsum, so ganz und gar nicht aufkommen will. Ganz zu schweigen von anderen heimatlichen Störfaktoren, dem bimmelnden Telefon, dem Rumpeln der Waschmaschine, dem unaufschiebbaren Anliegen der Tochter …

Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Die digital vermittelte Kultur, sie hat auch einen Vorteil. Wo man in der echten Theaterwelt, wenn mal gar nicht taugt, was einem geboten wird, hoffnungslos eingezwängt bleibt in seiner Sitzreihe: Daheim am Bildschirm genügt ein Klick, und ’raus bist du.

Stefan Dosch ist Redakteur im Feuilleton unserer Zeitung.
Bild: Stefan Dosch

Stefan Dosch ist Redakteur im Feuilleton.

Montag, 30. März: Die Familie schreibt...

Von Rüdiger Heinze

Man macht halt das Beste daraus. Und dieses Beste ist alles andere als: nicht auszuhalten. Für unsere Familie heißt dieses Beste: stilles Arbeiten nebeneinander, friedliches produktives Einverständnis. Jeder sitzt am Laptop, jeder hat Homeoffice, jeder hat zu schreiben.

Das heimgekehrte Tochterherz formuliert für die Uni Greenwich einige Seminararbeiten – etwa über Shakespeare, Stimmstörungen und einstige Tarnbemalung britischer Kriegsschiffe. Hart stoßen sich die Themen im Raum. Gleichzeitig klagt das Kind, es habe mehr denn je zu tun, weil die Professorinnen und Professoren Homeoffice-Aufgaben stellen – und die dauerten länger als jede Vorlesung.

Die beste aller Ehefrauen wiederum sitzt an einem Buchmanuskript über den 1902 im schwäbischen Babenhausen geborenen Dirigenten Eugen Jochum, seine frühe Förderung durch eine jüdische Familie und seine spätere Rolle im Nationalsozialismus. Außerordentlich kniffliges Thema. Na ja und meine Person schreibt halt das hier auf, diese Notiz aus dem Alltag. Folgt etwas über die Hochästhetik Raffaels zu seinem 500. Todestag.

Jedenfalls können wir froh sein, dass wir Arbeit haben, die anscheinend sogar sinnvoll ist. Dass wir uns konzentrieren müssen und damit der gedanklichen Corona-Schleife zeitweise entfliehen können. Dass wir uns zu beschäftigen wissen, auch übers Schreiben hinaus. Damit ist nicht der tägliche Spaziergang gemeint, sondern die Lektüre am Abend. Der Rückzug in die Wohnung bringt einen Gewinn an Zeit, und manches, was liegen geblieben ist, lässt sich jetzt nachholen – oder vorziehen. Keiner liebt die Bearbeitung des Steuerausgleichs, gewiss nicht, aber jetzt ist ein Punkt gekommen, der weniger qualvoll ist.

Und auch das Tagebuch profitiert von der staden Zeit mitten im Frühling: Man ist nicht mehr versucht, die banalen Geschehnisse des Tages flüchtig zu protokollieren – um Zeit zu sparen – , sondern kann sich grundsätzlichere, übergreifendere Gedanken machen zu dieser besonderen, dramatischen Zeit. Schadet nicht, hilft verarbeiten! Derlei Notizen, breit gesammelt aus der Bevölkerung, könnten für Sozialgeschichtler in künftigen Zeiten ein Fressen sein.

Eben beginnt mein Weib, Klavier zu üben. Beethoven – was sonst 2020. Die Wut über den verlorenen Groschen. Auch ich saß bereits – nach langer Zeit – mal wieder am Cembalo. Mit Bach. Tut immer gut.

Ja, und dann zeichneten Tochterherz und ich schon zweimal zusammen. Seit ihren Kindertagen kaum noch vorgekommen. Motiv: der aufblühende Zweig einer japanischen Zierkirsche. Hoffnungszeichen. Es gibt so viel zu tun.

Rüdiger Heinze Kulturredaktion Kulturredakteur Homeoffice
Bild: Richard.mayr@gmx.de

Rüdiger Heinze ist als Redakteur zuständig für Kunst und Theater.

Sonntag, 29. März: Tschüss Steffen Seibert, hallo Nachbar

Von Jan-Luc Treumann

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. So heißt es alle zwei Jahre, wenn die beiden Volontärsjahrgänge einen besonderen Teil ihrer Ausbildung absolvieren: ihre Berlinfahrt. Am heutigen Montag wäre es so weit gewesen, früh am Morgen wären wir in den Bus gestiegen, um knapp 600 Kilometer in die deutsche Hauptstadt zu fahren.

Dort hätten wir die Korrespondenten unserer Zeitung besucht, uns angesehen, wie die Deutsche Presse-Agentur arbeitet und bei den Berliner Kollegen der Morgenpost nachgefragt, wie sie Online-Journalismus machen. Wir wären in die Berliner Unterwelt hinabgestiegen und hätten uns die Zivilschutzanlagen des Kalten Krieges angesehen. Unsere Ausbildungsleiterin hat uns ein spannendes Programm zusammengestellt, das sich nun wegen des neuartigen Coronavirus erledigt hat. Dabei haben wir uns alle drauf gefreut; die Kollegen im Haus haben von der Berlinreise geschwärmt. Wir hätten die Kollegen des neuen Jahrgangs noch besser kennenlernen können. Und statt Steffen Seibert bei der Bundespressekonferenz sehen wir nun aus dem Homeoffice die Nachbarn von gegenüber.

Auch sonst wirbelt SARS-CoV-2 das Volontärsleben durcheinander. Die Volontäre im zweiten Ausbildungsjahr sind ein bisschen wie die sogenannten Groundhopper im Sport, die so viele Stadien wie möglich besuchen wollen. Nur, dass wir in unserem Medienhaus von Ressort zu Ressort springen: Einen Monat verbringen wir in der Politik, einen im Bayern-Teil und so weiter. Und so stand ich Anfang März in der Sportredaktion, in der ich – laut Plan – im April gewesen wäre. Ich wollte Bescheid sagen, dass ich die ersten Tage des Monats nicht da sein werde, weil die Berlin-Fahrt der Volontäre ansteht. Nun werde ich (zunächst) gar nicht mit der Sportredaktion zusammenarbeiten. Denn die meisten Volontäre aus unserem Jahrgang bleiben im April in dem Ressort, dem sie gerade zugeteilt sind. Auch für uns heißt es nun: Homeoffice – und eine Einarbeitung in einen neuen Bereich ist so kaum möglich. So bleibe ich weiterhin der Online-Redaktion treu, aber auch dort beeinflusst das Virus die Ausbildung.

Eigentlich sollen die Volontäre in ihrer Online-Zeit eine Multimedia-Reportage schreiben. Ein Blick hinter die Kulissen der Augsburger Puppenkiste sollte es bei mir werden; ich wollte dorthin gehen, wo kein Zuschauer hinkommt, und unseren Leserinnen und Lesern davon berichten. Doch so ein Termin ist derzeit nicht machbar. Die aktuelle Phase bedeutet eben eine Ausbildung unter besonderen Bedingungen. Und deswegen heißt es für uns: Berlin, Berlin, wir fahren nicht nach Berlin.

Jan-Luc Treumann ist Volontär. In pixeligen Videochats fällt hoffentlich nicht auf, dass er mal wieder zum Friseur muss.
Bild: AZ

Jan-Luc Treumann ist Volontär. In pixeligen Videochats fällt hoffentlich nicht auf, dass er mal wieder zum Friseur muss.

Freitag, 27. März: Trügerische Idylle am Reiterhof

Von Andrea Bogenreuther

Zu einer Zeit, in der nahezu alle Freizeitstätten und Sportanlagen geschlossen haben, gehören wir Pferdebesitzer und Reitsportler zu den Privilegierten. Wir dürfen uns – dirigiert von strengen Auflagen – weiterhin um unsere Tiere kümmern. Doch mit dem „Hobby“ Reitsport hat das alles nichts mehr zu tun. Zulässig ist einzig und allein die Grundversorgung der Pferde – also Fütterung, Pflege und Bewegung. Diese drei Punkte müssen gewahrt bleiben. Denn in diesem Fall schlägt das Tierschutzgesetz das Infektionsschutzgesetz.

Und so stehen die Pferde auch in unserem Stall täglich auf ihren Paddocks draußen in der Sonne, die Katzen tollen über den Hof und Reiter bewegen ihre Vierbeiner auf unserem großen Springplatz. Doch die Idylle trügt. Nichts ist hier mehr so wie noch vor drei Wochen. Als Kinder von ihren Eltern zum Reitunterricht gebracht wurden und im Stall immer geschäftiges Treiben herrschte. Seit zwei Wochen sind Lehrgänge, Trainingsstunden und Reitunterricht nach Vorgabe der Deutschen Reiterlichen Vereinigung nicht mehr zulässig. Auch für unseren Stall gilt die vom Dachverband ausgegebene Formel: Pro Tag pro Pferd ein Mensch für exakt zwei Stunden.

In der Halle und auf dem Platz darf zwecks Sicherung der vorgeschriebenen Abstände nur noch ein Reiter pro 200 Quadratmeter unterwegs sein. Was zur Folge hat, dass wir uns bei 35 Pferden auf dem Hof nach einem ausgeklügelten Zeitplan richten müssen.

Sportredakteurin Andrea Bogenreuther mit ihrem Pferd.
Bild: Tamara Degen

Ausnahmslos jeder, der den Hof betritt, muss sich in einem vorgeschriebenen „Anwesenheitsplan“ für das zweistündige Zeitfenster eintragen. An jeder Stalltür hängen Listen mit Vorschriften zu den Hygienemaßnahmen. Jeder, der sich um ein Pferd kümmert, benötigt zudem eine unterschriebene und abgestempelte „Eigenerklärung“ mit dem Namen und der Lebensnummer des Pferdes. Dieses Formular kann man der Polizei vorlegen, wenn man auf dem Weg in den Stall aufgehalten wird. Oder die Reitanlage selbst überprüft wird. Denn die staatlichen Kontrollen laufen bereits. Stallbesitzer und Vereinsvorstände werden haftbar gemacht, wenn sich Mitglieder und Pferdebesitzer nicht an diese Regeln halten.

Doch wer sich schon einmal um ein Pferd gekümmert hat, wird ahnen, dass der vorgeschriebene zweistündige Zeittakt mit Pflege (die Pferde verlieren gerade ihr Winterfell!), Reiten und Misten eng gesteckt ist. Und weil Pferde wahre Meister darin sind, zu unpassendsten Zeiten durch den Koppelzaun zu brechen, an einer Kolik zu erkranken oder sich ein Hufeisen loszutreten, sind die Sorgen der Pferdebesitzer groß. Mal schnell in den Stall fahren, geht einfach nicht mehr.

Andrea Bogenreuther ist Sportredakteurin. Sie besitzt ein Pferd und gibt in ihrer Freizeit im Verein Reitunterricht.

Donnerstag, 26. März: Spazieren gehen mit Hund und unruhigem Gefühl

Wer einen Hund hat, kommt ins Gespräch. Zumindest mit anderen Hundebesitzern, die zur gleichen Zeit die gleiche Gassi-Runde gehen. Das liegt an den Hunden, die völlig distanzlos mit ihren Artgenossen umgehen. Während die Hunde schnüffeln, stehen die Menschen daneben, sagen mindestens „Hallo“, oder „Wie alt ist er denn“, meist aber wird ein wenig geplaudert. Vorbei! Seit dem Wochenende wird die Eineinhalb- besser Zwei-Meter-Regel auch auf den Wald- und Feldwegen eingehalten, vielleicht kurz die Hand zum Gruß gehoben, und verwunderte Hunde an der Leine aneinander vorbeigezogen.

Es fühlt sich merkwürdig an. Wie sich derzeit alles merkwürdig anfühlt. Im Roman „Die Wand“ erzählt Marlen Haushofer von einer Frau, die plötzlich durch eine durchsichtige Wand von der Außenwelt abgeschnitten ist. Vielleicht ein bisschen so. Nur dass es keine Wand ist, sondern eine Haube, die über einen gestülpt wurde.

Vorige Woche noch ist man auf dem Spaziergang mit Wildfremden ins Gespräch gekommen, weil auch alle reden wollten. Über das, was die Welt gerade bewegt, und sei es auch in an sich so lapidaren Verästelungen wie der Frage, ob man eigentlich mit dem Hund bei Ausgangsbeschränkungen noch raus darf. Darf man also. Wobei natürlich die Frage nicht ganz so lapidar ist, wenn man mit einem Hund in einer Stadtwohnung lebt und, wie eine Bekannte erzählt, der Hund den ganzen Tag bellt, wenn er nicht herauskommt. Und lapidar natürlich auch nicht die Frage, was passiert, wenn man in Quarantäne müsste…

Und jetzt? Ziehen die Besitzer die Hunde also aneinander vorbei. Ziehen alle vorbei. Radelt ein Teenager im Fußballtrikot langsam schlenkernd vorbei, ohne das sonst dazugehörige Rudel, spaziert die Kleinstfamilie mit Kinderwagen vorbei, ein paar Jogger mit verstöpselten Ohren, ein Paar in curryfarbenen Jacken, von der Ferne winkend ein Bekannter. Lieber wäre einem jetzt, man würde gar niemanden begegnen, weil es einen so großen Unterschied macht, ob man Abstand halten möchte oder ob man Abstand halten muss. Und andererseits: Draußen und die Sonne scheint. Draußen und die Sonne scheint und direkt vor einem hüpft auf dem Boden ein Rotkehlchen vor sich hin, als würde es Mensch und Hund nicht sehen. Unsichtbar unter der Haube.

In Spanien sind die Menschen - bis auch das dann verboten wurde - mit Kanarienvögeln und Ziegen spazieren gegangen, um der Ausgangssperre zu entgehen. Hauptsache draußen. Unruhig in den Alleen hin und her wandern. Wer jetzt einen Hund hat…

Stefanie Wirsching ist Redakteurin der Kultur- und Journalredaktion. Ihr Hund: Chilli, fünf Jahre alt, Lagotto Romagnolo.

Mittwoch, 25. März: 1,5 Meter Abstand – Ein Begräbnis in Zeiten von Corona

Von Anton Schwankhart

Ein guter Bekannter ist vor einigen Tagen gestorben. 58, verheiratet, drei erwachsene Kinder. Nicht an Covid-19. Eine seltene Krankheit hat ihn das Leben gekostet. Man muss das inzwischen sagen, obwohl er jetzt, ganz am Ende, doch noch auf eine Art zum Virus-Opfer geworden ist. Mein Bekannter, der mir zuletzt ganz besonders ans Herz gewachsen war, stand Religion und Kirche nahe. Dass einer wie er sich in einem katholischen Begräbnis von der Welt verabschieden wollte, stand außer Frage. Aber was ist ein solcher Wunsch in Zeiten von Corona wert? In Zeiten, in denen selbst in den Todesanzeigen in unserer Zeitung darauf hingewiesen wird, dass die Beisetzungen nur im engsten Familienkreis stattfinden dürfen.

Am Tag nach seinem Tod saß die Familie zusammen, um die Beerdigung zu besprechen. Damals waren die Ausgangsbeschränkungen noch weit weg, aber die Sorge, es könnte kein Begräbnis werden, wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte, bereits zum Greifen nah. Und mit jedem Tag näher zum Beerdigungstermin entfernte sich die Planung weiter von ihrem Ursprung.

Erst die Kränze ordern. Nein, bedauert die Blumenhändlerin, die seit vielen Jahren die Familie zu allen möglichen Anlässen versorgt, sie dürfe in ihrem Laden nicht mehr verkaufen. Die Bestatterin bringt Kunstgebinde ins Spiel. Dann ein Ausweg: Die Blumenhändlerin sagt, sie dürfe ausliefern. Immerhin. Blumen und Kränze gesichert. Wohin aber liefern? In die repräsentative Kirche, die dem Verstorbenen nahe war, dürfen nicht mehr als 25 Trauergäste. Bald darauf sind es nur noch zehn. Bei zehn bin ich draußen. Auch wenn der Verstorbene der Cousin meiner Frau war, reicht das nicht einmal zum Härtefall. Jetzt bleibt nur noch das kleine Kirchlein. An einen schön gestalteten Gottesdienst mit Musik ist nicht mehr zu denken. Die Familie diskutiert kurzfristig eine Feuerbestattung, verwirft die Idee aber wieder. Inzwischen gibt es auch kein Kirchlein mehr. Nur noch eine Beerdigung im Freien ist erlaubt.

Wenigstens hat die Kreisverwaltungsbehörde Erbarmen. 15 Trauergäste, 1,5 Meter Abstand. Ich bin wieder dabei. Die Familie versichert als Besteller der Bestattung schriftlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft, andernfalls droht Bußgeld. Bei aller Würde: Am Sarg wirken die Trauernden seltsam verloren. Dort, wo es einen nach Nähe verlangt, stehen die Angehörigen in Corona-Abstand allein mit ihrem Schmerz. Der Trauergottesdienst findet später statt, wenn die Pandemie vorüber ist. Allerdings bereitet der Pfarrer die Familie schon jetzt auf einen Ansturm vor, man müsse sich darauf einstellen, dass dann Gottesdienste zusammengelegt werden. „Die Leute“, so der Geistliche nüchtern, „sterben auch nach Corona weiter.“

Anton Schwankhart ist Leiter der Sportredaktion.

Dienstag, 24. März: Verdacht auf Corona – und 14 Stunden bis zum Test

Von Richard Mayr

Was tun, wenn einen der Hausarzt nicht mehr sehen will? Dann bleibt man einfach zu Hause, regelt alles am Telefon, bekommt die Krankmeldung zugeschickt und versichert dem besorgten Arzt, dass man ihm bestimmt beim nächsten Besuch eine Briefmarke mitbringen wird, versprochen. Was aber tun, wenn aus Halsschmerzen und Fieber plötzlich Lungenschmerzen werden, einen trockener Husten plagt und man das Pech hatte, einem der ersten Corona-Patienten der Region begegnet zu sein?

Vor anderthalb Wochen war es noch möglich, es unter der Nummer 116117 beim ärztlichen Notdienst zu versuchen. Gut, Geduld war dafür schon nötig. Sogar reichlich. Der erste Hoffnungsschimmer nach einer Stunde voller Belegtzeichen endlich durchgekommen zu sein, war trügerisch. Denn der Telefoncomputer hatte einen nicht nach Bayern durchgestellt, sondern in das deutschlandweite Callcenter. Und als es dort hieß: Moment, wir verbinden sie, flog man wieder aus der Leitung. Vier Stunden später war klar, dass man einer erfolgreichen Vermittlung nach Bayern in diesem Augenblick so nah wie seitdem nicht mehr gewesen war. Das System kollabierte gerade.

Deutschland schaltete auf den Corona-Modus um. Die Befürchtung, am Virus erkrankt zu sein, griff wie der Erreger exponentiell wachsend um sich. Um 18 Uhr, nach zehn vergeblichen Stunden gab es immer noch kein Durchkommen. Wenn es nicht auch um Recherche gegangen wäre, ob das überhaupt möglich ist, jemanden zu erreichen, wäre das der Punkt gewesen, frustriert aufzugeben.

Aber es gab ein spätes Glück. Um halb elf hatten es die meisten entweder geschafft oder aber müdigkeitsbedingt aufgegeben, um halb elf ging es wieder ins deutschlandweite Callcenter und von dort weiter in die bayerische Warteschleife, das erste Mal. In der folgenden Stunde in der Warteschleife bestand tatsächlich die Gefahr, einfach einzuschlafen. Aber so nah vor dem Ziel – nein.

Irgendwann war tatsächlich eine abgearbeitet klingende Stimme am anderen Ende, die abwiegeln wollte, sehr unwahrscheinlich, könnte ein grippaler Infekt sein. Letztlich hieß es: „Sie stehen vorläufig unter Quarantäne, ein Arzt kommt zu ihnen, sie werden getestet. Bitte verlassen sie bis dahin nicht das Haus.“

Dann ging es vergleichsweise schnell. Der Arzt kam am nächsten Morgen, die Nachbarn bekamen es nicht mit, als er in Schutzkleidung klingelte. Schnell ein Rachenabstrich und da ein Merkblatt, wie man sich jetzt zu verhalten habe. Zwei Tage später der Anruf des Arztes: „Negativ“ – Erleichterung.

Richard Mayr ist Kulturredakteur und war in einer Theaterpremiere, die auch einer der ersten Corona-Erkrankten der Region besuchte.

Montag, 23. März: Ein Shutdown kann ganz schön stressig sein

Von Sarah Schierack

Wenn man sich anderen Personen nicht nähern darf und ein Besuch schon gar nicht infrage kommt, muss man sich aus vielen Indizien zusammenreimen, wie die Mitmenschen in der Corona-Krise wohl ihre Zeit verbringen. Die Schulfreundin erzählt in einer Sprachnachricht, sie würde nun viel backen: Brot, Kuchen, und was es da sonst noch gibt. Die Kollegin veröffentlicht im Internet Bilder ihrer blank geputzten Wohnung, mehrere Freunde spielen nun abendfüllend Brettspiele.

Ich freue mich, dass die Menschen plötzlich so viel Zeit haben, so viele neue Hobbys finden – ich beneide sie sogar darum. Denn ich habe seit Beginn des Corona-Shutdowns nicht ein einziges Buch ausgelesen, keine neue Sprache gelernt und der dringend notwendige Frühjahrsputz rückt auf meiner Liste der Dinge, die ich zu tun habe, von Tag zu Tag weiter nach unten.

Vergangene Woche konnte ich das noch auf meinen Tagesablauf schieben, der so anders als in normalen Zeiten gar nicht ist: Gemeinsam mit einigen wenigen Kollegen arbeite ich weiter in der Redaktion. Mittags sitzen wir mit großem Abstand in der Kantine, die zwar zu zwei Dritteln abgesperrt ist, aber den Betrieb aufrecht erhält. Abends gehe ich einkaufen, danach noch spazieren. Die Abende sind ruhiger als sonst, aber ich kann mir noch einbilden, dass das Leben normal weitergeht.

Der wahre Grund ist aber ein anderer: Auch wenn das ganze Land stillgelegt ist, ist die Zeit, in der nichts zu tun ist, knapp bemessen. Die Straßen sind leer, die Bars und Restaurants zu – weniger los ist deswegen aber nicht, vor allem nicht am Wochenende. Ich habe das Gefühl, weil alle Abstand halten müssen, will man sich zumindest digital so nah wie möglich sein.

Ich habe lange nicht mehr so viel telefoniert wie in den vergangenen Tagen. Einen Spaziergang am Sonntag musste ich abbrechen, weil mein Handyakku die ständige Beanspruchung nicht mehr mitmachte. Später stand eine Video-Konferenz mit Freunden an, zu der ich zu spät kam, weil ich noch meine Familie am Telefon hatte.

Nach eineinhalb Stunden musste ich mich auch aus dem Video-Gespräch wieder verabschieden: Meine Schwester hatte zu einem Livestream auf Instagram eingeladen. Auch in der nächsten Woche stehen schon einige Dinge an: Eine Freundin bietet Online-Yoga an. Dazu kommen Klavierkonzerte im Internet, Lesungen und Bands, die ihre Auftritte ins Netz verlegen. Wirklich stressig finde ich das natürlich nicht. Ich muss mich nur langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass ich den Frühjahrsputz wohl auf unbestimmte Zeit verschieben werde.

Sarah Schierack ist Leiterin der Digital-Redaktion. Sie ist dankbar, dass sich die Menschen während der Krise zumindest über das Internet austauschen können.

Sonntag, 22. März: Aus der Stille wird langsam Einsamkeit

Von Birgit Holzer

In diesen Tagen bedauere ich es, nicht mitten in Paris zu leben. Zwar liegt die Stadtgrenze nur ein paar hundert Meter entfernt und ich liebe die unmittelbare Nähe zum großen Park Bois de Vincennes, in dem ich immer noch joggen gehe – alleine, wohlgemerkt. Seit Dienstag dürfen wir in Frankreich die Wohnung zumindest noch verlassen, um das Nötigste einzukaufen, Sport zu treiben, den Hund – falls vorhanden – auszuführen und in Ausnahmefällen zu arbeiten. Ansonsten heißt die wenig charmante Aufforderung der Behörden: „Restez chez vous!“ („Bleibt zu Hause!“). Dabei heißt Paris im Frühling doch in normalen Zeiten: ein Besuch auf dem Eiffelturm, bei der Mona Lisa im Louvre, ein Stopp im Straßencafé.

Die sonst so wohltuende Ruhe meines Vorortes im Kontrast zum lauten Paris befördert in Zeiten der weitgehenden Ausgangssperre ein Gefühl der Einsamkeit. „Quarantäne-Feten“ gibt es hier nicht, zu denen sich die Pariser über die sozialen Netzwerke verabreden: „Zeigen wir, dass wir es schaffen, den Hausarrest beherzt durchzustehen!“, heißt es auf Facebook. Jeden Abend um 19.30 Uhr soll man sein Fenster öffnen, die Musik aufdrehen, dazu tanzen und einander zuwinken.

Eine schöne Geste, aber bei mir bleibt es um 19.30 Uhr ruhig. Nur die Vögel zwitschern diskret. Viele meiner Nachbarn flohen noch rechtzeitig aufs Land zu ihren Familien, bevor das ab Dienstag nicht mehr möglich war. Und die Zuhausegebliebenen sind derzeit nicht besonders auf Kontakt aus: Ihre Einkäufe erledigen sie schnell und tun dabei so, als sei nicht nur der Körper-, sondern auch der Blickkontakt verboten. Die Stimmung ist angespannt.

Und doch schrecke ich um 20 Uhr auf, als ich draußen Applaus und Jubelrufe höre: Es gibt also doch noch Gutgelaunte, und sie sind an ihre Fenster gekommen, um auf diese Weise das französische Krankenhauspersonal zu ehren, das längst am Limit arbeitet. Auch dazu wurde im Internet aufgerufen. Dass sich auch meine Nachbarn beteiligen, berührt mich. Ich klatsche laut mit. Und schon fühle ich mich weniger allein.

Als Korrespondentin in Frankreich arbeite ich nicht in einem Redaktionsbüro. Homeoffice ist mir nicht fremd – absolute Ruhe aber schon. Alle Termine der nächsten Wochen sind abgesagt. Sogar die französische Rentenreform wird ausgesetzt, die im Winter für so viel Streiks und Aufruhr in der Bevölkerung sorgte. Über welche Themen werde ich künftig noch schreiben, außer über die Lage in Frankreich und meinen Alltag in Zeiten des Virus? Sehr vielseitig ist er momentan nicht. Aber eigentlich ist gerade das besonders.

Birgit Holzer lebt seit elf Jahren im Pariser Vorort Charenton-le-Pont, von wo aus sie als Frankreich-Korrespondentin berichtet.

Freitag, 20. März: Die Freude und den Tod vor Augen

Von Uli Bachmeier

So schön kann der Weg zur Arbeit sein. Es ist ein strahlend heller Frühlingsmorgen. Und es ist als wäre Sonntag. Statt die U-Bahn zu nehmen – die vor Corona oft überfüllt war, jetzt aber auch in Stoßzeiten nur noch spärlich besetzt ist –, packe ich meinen Rucksack und ziehe los: vorbei an der Technischen Universität und den Pinakotheken über die Ludwigstraße in den Englischen Garten und dann weiter bis zur Isar. Etwa 45 Minuten dauert der Fußweg von der Maxvorstadt ins Lehel, wo sich das Münchner Büro unserer Redaktion befindet.

Diese Zeit – 45 Minuten hin, 45 Minuten wieder heim – nehme ich mir normalerweise nicht. Plötzlich aber hab ich sie. Gefühlt 95 Prozent aller Termine finden nicht statt. Pressekonferenzen gibt es nur noch per Live-Stream. Politische Abendveranstaltungen sind abgesagt. Und auch der Landtag kommt nach dreiwöchiger Pause – erst Fasching, dann Kommunalwahlkampf – nur langsam wieder in die Gänge.

Corona-Krise? Den Enten im Englischen Garten ist das ziemlich egal.
Bild: Abt (Symbol)

Den Enten im Englischen Garten ist das ziemlich egal. Für einen politischen Korrespondenten aber ist das ein ernstes Problem: Ich treffe keine Leute mehr, die etwas wissen – oder genauer: die etwas wissen, bevor alle es wissen. So viel wir auch telefonieren, so digital vernetzt wir auch sind – mir fehlt das persönliche Gespräch, der unmittelbare Eindruck und die beiläufigen Gesten, die oft mehr sagen als Worte. Korrespondenten sind ein bisschen wie Trüffelschweine und ein bisschen wie Eichhörnchen. Sie wühlen und sie sammeln. Im besten Fall ergeben ihre Erträge einen authentischen Ausschnitt der Wirklichkeit, der dann korrekt dargestellt werden kann. Wenn ihnen der direkte Kontakt mit politischen Akteuren entzogen wird, dann wissen sie zwar immer noch, was passiert (und hoffentlich auch, warum). Die tieferen Motive, die Erwartungen, Hoffnungen und Ängste hinter den Entscheidungen aber bleiben ihnen verborgen.

Der journalistische Ertrag eines Spaziergangs durch den Englischen Garten hält sich in Grenzen. Ich kann von dort nur berichten, dass sich die Surfer an der Eisbach-Welle ihren Spaß bisher nicht haben verderben lassen. Wer eiskaltes Wasser nicht scheut, den schreckt weder das Virus, noch beeindrucken ihn die Appelle, zu Hause zu bleiben.

Mich persönlich schreckt das Virus auch nicht. Ich bin gesund. Ich werd’s überleben. Trotzdem meide ich die U-Bahn und gehe zu Fuß. Ich denke auf dem Weg an meine Eltern. Ich besuche sie zurzeit nicht. Mein Vater ist 86, hat ein schwaches Herz und eine kranke Lunge. Ich weiß: Wenn er sich ansteckt, hat er kaum Chancen zu überleben. Ich weiß aber auch: Er hätte seine helle Freude daran, mit mir den Surfern zuzuschauen oder im Biergarten eine Maß zu trinken.

An dieser Stelle berichten täglich Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion von ihrem Arbeitsalltag in Zeiten von Corona.

Uli Bachmeier, 60, ist unser Landtagskorrespondent in München.

Donnerstag, 19. März: Keiner kommt zum Kindergeburtstag

Von Doris Wegner

Geschenkpapier? Wo ist verdammt noch mal Geschenkpapier? An alles gedacht in den letzten hektischen Tagen, aber ausgerechnet daran nicht. Geschenkpapier wäre für mein kleines Familiensystem jetzt absolut relevant. Denn mein Kind hat Geburtstag. Es ist spätabends, der Kuchen endlich im Ofen ... Die Geschenke? Nun, da liegen sie ...

Kindergeburtstag allerdings ist in diesen Tagen eine recht einsame Sache. Es gibt keine lustigen Einladungen, die verschickt werden. Keine bunten Luftballons am Hauseingang. Keine gut gelaunten Freunde, die erwartungsvoll ins Haus marschieren, spielen, lachen und am Ende des Tages über die Stränge schlagen. Keine Oma, die kommen kann, die drückt und herzt. Das Kind hingegen ist aufgeregt und hibbelig wie in jedem anderen Jahr auch. Und nach den pflichtschuldig erledigten Homeschooling-Einheiten ausgesprochen erwartungsfroh.

Nun, und ich bin den ersten Tag im Homeoffice, sitze an einem alten Esstisch und die Nachrichten überschlagen sich: Der Außenminister hat wegen der Corona-Pandemie eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen und im Anschluss die größte Rückholaktion aller Zeiten von deutschen Urlaubern angekündigt. Luftbrücke wird das von einigen genannt. Eine absolute Ausnahmesituation.

Noch in der Nacht hatte ich meinem Sohn eine Karte geschrieben, dass er diesen Geburtstag wohl nicht so schnell vergessen werde, weil er in ganz außergewöhnliche Zeiten falle, dass es vielen anderen Kindern genauso gehe und dass wir die Party – ist doch klar! – nachholen werden. Leichtsinnigerweise habe ich ihm Normalität versprochen, die es derzeit nicht gibt, und einen superlustigen gemeinsamen Spielenachmittag angekündigt.

Gespielt hat das Kind dann allein. Tischtennis gegen die Fensterscheibe. Tschick, tack, dong, tschick, tack, dong, tschick, tack dong ... Das ist also der Sound lahmgelegten Kinderglücks.

Mit Mitteln, die eigentlich nicht okay sind, habe ich sein Verständnis erkauft: Weißt du, das ist eine Situation, die ich so auch noch nicht erlebt habe. Du bist doch jetzt schon groß. Tschick, tack, dong. Ich bin ganz schnell fertig. Tschick, tack dong, dong, dong ... Zwei Dinge treiben mich nun um: Wann kann ich die Rückholaktion für diesen versauten Kindergeburtstag starten? Und weiter: Hat mein Sohn gemerkt, dass auf seinen Geschenken lauter Schneeflocken, Tannenbäume und Rentiere zu sehen waren? Ich glaube schon. Er hat nichts gesagt.

Doris Wegner ist verantwortlich für das Reise-Journal unserer Zeitung. Wenn es schon keine Feier gab – der Kuchen fehlte nicht.

Mittwoch, 18. März: Leere Regale und volle Kneipen

Von Katrin Pribyl

Ich lebe in Brixton, einem hippen Viertel im Londoner Süden. Insbesondere vor der U-Bahnstation fühlt man sich wie auf dem Jahrmarkt. Es wuselt und brummt und lärmt und riecht tagsüber nach den Abgasen der Doppeldeckerbusse und den Blüten vom nahen Blumenstand; nachts wabert der Geruch frischer Hotdogs durch die Luft, die vor der Station gebraten werden. Man fühlt sich am Puls der Zeit in dieser Stadt, die sich immer bewegt, immer überrascht, immer fasziniert.

Im Moment wuselt, brummt und lärmt es noch immer, wenn auch wegen der Coronavirus-Krise deutlich weniger als sonst. Und man stellt sich die Frage: Kann London überhaupt zum Stillstand kommen?

In einem Chat mit Freunden wurde jetzt diskutiert, wo man sich am Abend treffe. Geplant war ein Dinner in Soho. Hier im Ausgehviertel West End tummeln sich sonst Massen von Touristen, nun sind deutlich weniger Menschen unterwegs. Die Theater haben geschlossen – aus freien Stücken. Drastische Maßnahmen der Regierung? No.

Die U-Bahn ist spärlich besetzt, auch wenn Johnson beschwichtigt.
Bild: dpa

Endlich stünden die Chancen gut, einen Tisch bei diesem neuen Taiwanesen zu bekommen, freut sich im Chat derweil Freund M. Freund R. fragt: "Wollen wir davor noch gemeinsam ins Fitnessstudio?" Ich frage: "Seid ihr des Wahnsinns?" Das Motto "Keep calm and carry on" haben die Briten während des Krieges erfunden und in den Jahrzehnten danach perfektioniert. Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen! Zwar sind auch in London die Regale der Supermärkte leer geräumt, nur tauscht man seine Sorgen allzu häufig noch beim Bier im Pub. Es herrscht in manchen Kreisen ein Gefühl der Unverwundbarkeit, das mich fassungslos zurücklässt.

Die U-Bahn, die berühmte Tube, ist trotzdem deutlich leerer als sonst. Ich nutze keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr und falls ich etwas erledigen muss, gehe ich meistens zu Fuß. Eigentlich sollte diese Woche die nächste Runde der Verhandlungen zwischen dem Königreich und der EU über die künftigen Beziehungen nach dem Brexit beginnen. Verschoben. Man mag es kaum aussprechen, aber ein bisschen vermisse ich den Brexit.

Eine befreundete Ärztin arbeitet für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS, eine heilige Kuh auf der Insel. Doch ihre Schilderungen über fehlende Ausrüstung oder den Mangel an Personal sind gruselig. Selbst Ärzte und Pfleger werden kaum getestet, wenn sie für das Coronavirus typische Symptome zeigen. Es ist ein unterfinanziertes Gesundheitswesen, das auch ohne Coronavirus schon keuchte. "Uns droht eine absolute Katastrophe", sagt Anna. Ich lege auf – und mir ist ein bisschen übel.

Katrin Pribyl ist unsere Korrespondentin in London. Sie staunt über die Unbekümmertheit vieler Briten.

Dienstag, 17. März: Soforthilfe für Sam

Von Michael Stifter

Als ich meinem Sohn im Sommer erzählt habe, dass ich nach Berlin fahre, um ein Interview mit Horst Seehofer zu dessen 70. Geburtstag zu führen, bekam ich eine ebenso einleuchtende wie überraschende Antwort. Mit der Miene eines Menschen, dem gerade siedend heiß einfällt, dass er etwas ganz Wichtiges vergessen hat, sagte der Dreijährige: "Aber Papa, dann müssen wir doch noch einen Kuchen backen, wenn der Horst Geburtstag hat." So, und jetzt erklären Sie mal diesem kleinen Kerl, dass Politik ein ernstes Geschäft ist und der Papa sich jetzt wirklich, wirklich auf diesen Text konzentrieren muss.

Homeoffice – das hat der kleine Mitbewohner schon begriffen – bedeutet, "dass ich dem Papa jetzt immer Hallo sagen kann, wann ich will". Mein erster Tag in Heimarbeit beginnt allerdings mit einer ganz anderen, grundsätzlichen Frage: Vor der Konferenz duschen oder nicht? Ich entscheide mich für ja. Mein Ziel ist es, mich möglichst lange gegen die drohende Verwahrlosung zu stemmen. Die kommenden zwei Wochen werde ich zu großen Teilen im Schlafzimmer verbringen. Nachts zum Schlafen und tagsüber zum Arbeiten – und ich habe fest vor, Letzteres stets voll bekleidet zu tun.

Michael Stifter in seinem Home-Office.
Bild: Stifter

Die Tür zu meinem "Büro" geht auf. Feuerwehrmann Sam hat seinen Helm verloren. Jetzt müssen schnelle Lösungen her. Ich werde mit einem Soforthilfeprogramm eine Eskalation der Krise verhindern. Whatever it takes. Sam ist systemrelevant – jedenfalls für das Kind. Auch die Nahrungsmittelversorgung dahoam steht schon bald auf der Kippe. Jetzt, da ich meine eigene Kantine bin, ist der Speiseplan recht schokoladen- und koffeinlastig. Dann kommt die rettende Eilmeldung von meiner Frau – aus dem Kitchen Office quasi. Es ist noch Suppe da.

Kurz darauf sitze ich am Laptop, tippe meine Artikel, bekomme Mails und ständig neue Corona-Nachrichten. Immer wieder telefoniere ich mit dem Teil der Mannschaft, der in der Redaktion die Stellung hält. Eigentlich könnte man das Meiste auch schriftlich klären, aber irgendwie tut es gut, sich zu hören. Eine der besten Erkenntnisse dieser Krise: Wie schön es ist, Kolleginnen und Kollegen zu haben, mit denen man gerne Zeit verbringt. Normalerweise. Im Homeoffice ist jeder auf sich allein gestellt. Vom Schreibtisch aus sehe ich den Nachbarn, der seinen Garten umgräbt. Er hat Zeit, denn sein Arbeitgeber musste den Laden vorerst zusperren. Vielleicht gehe ich nachher mal auf einen Espresso zu ihm hinunter. Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn ist in diesen Tagen Gold wert – erst recht, wenn er Obst und Gemüse anbaut.

Michael Stifter leitet das Ressort Politik & Wirtschaft. Er hat zwei kleine Kinder, die sich gerade über den Papa im Homeoffice wundern.

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