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Landkreis Augsburg

06.11.2019

Staudenbahn: „Wenn der Zug jetzt abfährt, herrscht Stillstand“

Von der Hauptstrecke Augsburg-Ulm biegt in Gessertshausen die Strecke der Staudenbahn nach Süden in Richtung Markt Wald ab. Jetzt werden die Weichen gestellt, ob dort ein regelmäßiger Personenverkehr stattfinden kann.
Bild: Marcus Merk

Plus Bei den betroffenen Bürgermeistern geht es rund, nachdem bekannt wurde, dass es Probleme gibt. Der Staudenbahn-Chef sieht den Freistaat in der Verantwortung.

In den Rathäusern von Gessertshausen, Fischach und Langenneufnach gibt es seit Tagen kein anderes Thema mehr: Nach der Berichterstattung über die drohende Notbremse bei der Reaktivierung der Staudenbahn laufen dort die Drähte heiß. Langenneufnachs Bürgermeister Josef Böck beschwört alle Zweifler: „Das Projekt befindet sich auf einem guten Weg. Es jetzt totzureden, das tut weh.“

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Wie berichtet, gibt es offenbar Probleme bei der Finanzierung für die Modernisierung der etwa 13 Kilometer langen Strecke zwischen Gessertshausen und Langenneufnach. Ab Ende 2022 soll dort die bayerische Regiobahn an Werktagen 20 Zugpaare auf die Strecke schicken. Die Triebwagen sind offenbar schon bestellt, die Bahnbetriebsgesellschaft Stauden hatte im Dezember 2018 von der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) den Zuschlag erhalten. Das Staatsunternehmen plant, finanziert und kontrolliert S-Bahn und Regionalverkehr in Bayern.

Kann nicht gefahren werden, dann sinken die Einnahmen

Die Kosten für die anstehende Modernisierung – vor einem Jahr waren rund 15 Millionen Euro im Gespräch – wollte die Staudenbahn über einen Kredit finanzieren. Der wiederum sollte über Einnahmen aus der Benutzungsgebühr, die bei den Personenzügen fällig wird, abgestottert werden. Offenbar wollen sich die Banken nicht auf diese „Gleismiete“ einlassen. Denn: Es gibt angeblich keine Garantie der BEG über die zu erwartenden Erträge. Kommen einmal weniger Zugpaare zum Einsatz, oder kann beispielsweise aus Personalmangel nicht gefahren werden, dann sinken die Einnahmen.

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Hubert Teichmann, der Geschäftsführer der Bahnbetriebsgesellschaft Stauden und Vorkämpfer der Reaktivierung, bezeichnet das als „Lotterie-Spiel“. Teichmann ist sauer: „Das soll jetzt unser Risiko sein. Das kann es doch nicht sein.“ Die BEG müsste mindestens 80 Prozent der jährlich zu erwartenden Einnahmen garantieren. Teichmann: „Damit könnten wir leben.“ Es habe dahingehend schon Gespräche gegeben. „Bislang gab es da aber kein Entgegenkommen“, sagt Teichmann. Seiner Ansicht nach hätte es der Freistaat selbst in der Hand, womit er auch den Behauptungen widerspricht, dass Millionen in den Sand gesetzt würden, falls es zu Regressansprüchen komme. Für ihn kann das Finanzproblem jetzt nur noch politisch gelöst werden, zumal die Regierung die Rahmenbedingungen vorgebe.

„Wenn es konkret wird, dann wird gekniffen“

Laut Teichmann gebe es auch andere Bahnstrecken, die dringend eine „Bestellgarantie“ benötigen: beispielsweise die Main-Schleifenbahn zwischen Volkach und Würzburg. Teichmann wettert: Die Landesregierung und die BEG habe der Bahnbetriebsgesellschaft Stauden den Schwarzen Peter zugeschoben. Wörtlich sagt er: „Bayern will Klimaschutz betreiben. Aber wenn es konkret wird, dann wird gekniffen.“ Anders sei die Situation in Baden-Württemberg, wo ein echter Wille hinter der Reaktivierung erkennbar sei: Dort gebe es laut Teichmann Zuschüsse für den Bau in Höhe von 85 Prozent. Teichmann hat das Gefühl, „dass man jetzt bei der Staudenbahn kurz vor der Ziellinie alles kaputt machen will.“ Langenneufnachs Bürgermeister sagt: „Wenn der Zug jetzt abfährt, dann herrscht für längere Zeit Stillstand.“

Sollte es einen neuen Anlauf geben, dann werde er es vermutlich nicht mehr erleben, sagte der 61-Jährige gestern. Er hat die bewegte Geschichte der Staudenbahn selbst miterlebt: Er hatte sie noch vor der Stilllegung 1991 genutzt, um zur Ausbildungsstelle nach Augsburg zu kommen. Dann kam das Aus. Und dann die Bestrebungen, den Nahverkehr wieder auf die Schiene zu bringen. Josef Böck: „30 Jahre haben wir für die Reaktivierung gekämpft. Und jetzt eiern wir herum.“ Er fragt: „Haben wir jetzt Angst vor unserer eigenen Courage?“

Keine genehmigte Planung für die Ertüchtigung der Strecke

In den kommenden Wochen sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Eine Lösung könnte sein, dass sich die Staudengemeinden Gessertshausen, Fischach und Langenneufnach sowie der Landkreis am Ausbau und Betrieb der Strecke beteiligen. Doch das müssen Kreis- und Gemeinderäte entscheiden. Aktuell – drei Jahre vor dem Start – gibt es dafür keine genehmigte Planung für die Ertüchtigung der Strecke. Es müsse jetzt Klarheit her, sagt Bürgermeister Böck. Auch sein Kollege Peter Ziegelmeier aus Fischach steht mächtig unter Dampf. „Seit Tagen geht es bei uns nur noch um das Thema.“ Ziegelmeier stehe mit allen Entscheidungsträgern in Kontakt, auch mit Gessertshausens Gemeindechef Jürgen Mögele, der gestern nicht zu erreichen war. Laut Ziegelmeier müsse jetzt auch über Alternativen gesprochen werden.

Teichmann kündigt derweil einen Plan B an, den er aus der Schublade holen könne. Konkreter wird er allerdings nicht. Er meint: „Die Zeit spielt für das Projekt.“ Für ihn wäre es „ein Treppenwitz der Geschichte“, wenn die Politik aus München die Staudenbahn während der Klimaschutzdiskussion fallen lasse. Hubert Teichmann appelliert: „Die Region muss jetzt zusammenhalten.“ Bürgermeister Josef Böck sagt: „Wir müssen jetzt alles daran setzen, dass wir nicht hinunterfallen. Es geht um einen vernünftigen Nahverkehr in der Region und dass wir nicht abgeschnitten werden. Überall, wo Bahnstrecken reaktiviert werden, boomt es.“

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