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ERC Ingolstadt

11.03.2020

Jochen Reimer: „Das Ganze ist unglaublich und surreal“

Nachdenklich: Auch Ingolstadts Schlussmann Jochen Reimer kann die momentane Situation mit dem Abbruch der DEL-Saison noch gar nicht richtig greifen.
Bild: Johannes Traub

Plus Ingolstadts Torhüter Jochen Reimer spricht im NR-Interview über den Saison-Abbruch in der DEL, seine bislang bizarrste Mannschaftssitzung, seinen Umgang mit dem Corona-Virus und seine sportliche Zukunft

Exakt 17 Stunden nach dem offiziellen Abbruch der DEL-Saison 2019/2020 trafen sich die Profis des ERC Ingolstadt am Mittwochvormittag in der Mannschaftskabine, um von Cheftrainer Doug Shedden, Sportdirektor Larry Mitchell und Geschäftsführer Claus Gröbner quasi Informationen aus erster Hand zu erfahren. Die Neuburger Rundschau hat sich direkt im Anschluss an dieses Treffen mit Panther-Torhüter Jochen Reimer unterhalten.

Herr Reimer, würden Sie sagen, dass das Team-Meeting am Mittwoch das bislang „ungewöhnlichste“ in Ihrer bisherigen Eishockey-Karriere war?

Reimer: (schmunzelt) Ja, ich glaube, dass das nicht nur für mich, sondern für alle Beteiligten der Fall war! Unsere Verantwortlichen haben zwar sicherlich die richtigen Worte gefunden. Aber letztlich sind wir immer wieder darauf zurückgekommen, dass das Ganze einfach unglaublich ist. Keiner hatte damit gerechnet, dass wir uns jemals in einer solchen Situation befinden würden. Natürlich stellt sich jetzt jeder die Frage: Was ist richtig? Was ist falsch? Wie geht man mit einer solchen Situation exakt um? Es gibt ganz einfach viele offene Fragen, wie es jetzt genau weitergeht. Um aber auf Ihre konkrete Frage nochmals zurückzukommen: Es war definitiv meine bislang bizarrste Mannschaftssitzung, da einem das alles irgendwie surreal vorkommt.

Jochen Reimer: „Das Ganze ist unglaublich und surreal“

Wie würden Sie die grundsätzliche Stimmung bei dieser Team-Besprechung beschreiben?

Reimer: Wir sind bereits am Montagabend mit einigen Mannschaftskollegen zusammengesessen und haben darüber ausführlich gesprochen. Auch da wusste niemand so recht, wie er mit dieser Situation umgehen beziehungsweise das sportliche Abschneiden einschätzen soll. Kann man mit den gezeigten Leistungen zufrieden sein oder wäre in den Play-offs schon noch mehr möglich gewesen? Aber darüber denken natürlich neun andere Vereine auch nach. Ich denke daher, dass das Ganze momentan extrem schwer zu greifen ist.

Angenommen, Sie hätten die Entscheidung darüber, ob die Play-offs als „Geisterspiele“ ohne Zuschauer durchgeführt oder komplett abgesagt werden, treffen müssen: Wie wäre diese ausgefallen?

Reimer: Ich hätte mich auch für einen Abbruch der Saison entschieden. Sogenannte „Geisterspiele“ machen in meinen Augen – gerade im Eishockey – keinen Sinn. Zum einen wäre bei uns Spielern wohl die Spannung komplett raus gewesen. Zum anderen hätte es aber sicherlich auch die Vereine aus wirtschaftlicher Sicht extrem hart getroffen. Beim Fußball ist es mit den hohen TV-Einnahmen nochmals eine ganz andere Situation als beim Eishockey, wo die Klubs auf die Zuschauer-Einnahmen verstärkt angewiesen sind. So traurig es letztlich ist – aber ich bin schon der Meinung, dass die DEL die richtige Entscheidung getroffen hat.

Sie haben den Vergleich Eishockey/Fußball soeben angesprochen. Während beim Eishockey der Spielbetrieb in der DEL, DEL2 und Oberliga komplett eingestellt wurde, gibt es im Fußball immer noch Begegnungen wie in der Champions-League zwischen RB Leipzig und Tottenham Hotspur (Dienstag), in denen Zuschauer nicht ausgeschlossen sind. Würden Sie sich hier eine einheitliche Regelung wünschen?

Reimer: Definitiv! Wobei ich überzeugt bin, dass sich das nicht nur die Sportler, sondern alle Menschen wünschen würden. Es gibt Situationen, in denen von Bundesland zu Bundesland, von Stadt zu Stadt Unterschiede gemacht werden. Da hat man dann schon den Eindruck, dass die letzte Konsequenz fehlt. Daher erhoffe ich mir schon, dass sich zeitnah irgendjemand hinstellt und sagt: Ihr könnt euch gerne auf den Kopf stellen, aber so oder so wird es ab sofort gemacht, bis wir das Ganze im Griff haben! Aber das möchte natürlich keiner machen. Wie überall spielt eben auch das Geld eine große Rolle. Für mich ist das alles nur schwer zu verstehen.

Gehen wir kurz weg vom Sport. Sie sind auch Familienvater. Wie gehen Sie persönlich mit der momentanen Situation rund um den Corona-Virus um?

Reimer: Ehrlich gesagt lasse ich das Ganze jetzt nicht so an mich ran. Ich bin mir selbstverständlich schon bewusst, dass es das gibt und ein Problem darstellt. Aber ich wasche mir deshalb nicht 17 Mal am Tag die Hände und habe ständig Desinfektionsmittel dabei. Man sollte sich jetzt auch nicht verrückt machen lassen und Hamsterkäufe tätigen. Das find eich persönlich völlig übertrieben. Eine Panikmache hilft ja letztlich auch niemand weiter.

Sie verbringen die Zeit zwischen den Eishockey-Spielzeiten mit Ihrer Familie stets in New Jersey. Haben Sie schon einen Plan, ob Sie nun nach dem Saison-Abbruch sofort in die USA fliegen oder doch noch längere Zeit in Deutschland bleiben?

Reimer: Auch für uns ist das natürlich eine ganz neue und unerwartete Situation. Nachdem mein Bruder Patrick und seine Frau in Kürze ihr erstes Kind erwarten, wollen wir grundsätzlich auf alle Fälle noch dableiben. Sollten jedoch beispielsweise in den nächsten Tagen die Flughäfen in München oder New York dichtmachen, müssten wir uns Gedanken machen, ob wir nicht doch sofort fliegen wollen.

Zurück zum Sportlichen: Sie haben bereits gesagt, dass es Ihnen und Ihren Teamkollegen schwerfällt, das Abschneiden des ERC Ingolstadt in der Hauptrunde (Platz sieben) entsprechend einzuordnen. Versuchen Sie es dennoch...

Reimer: Ich bin immer der Meinung, dass man am Ende einer Hauptrunde dort steht, wo man letztlich hingehört. Klar kann man sagen, dass die beiden Niederlagen hintereinander gegen Krefeld ein Knackpunkt waren. Man darf aber im Gegenzug auch nicht vergessen, dass wir gegen München und Mannheim gewonnen haben. So etwas gleicht sich im Laufe einer Saison immer aus. Im Großen und Ganzen würde ich unsere Spielzeit aber als solide bezeichnen – auch wenn wir logischerweise lieber Sechster geworden wären!

Wie würden Sie Ihre eigene Leistung charakterisieren?

Reimer: Mit meiner persönlichen Saison war ich eigentlich sehr zufrieden. Ich habe erneut über 30 Partien gemacht, unter denen auch richtig gute waren. Natürlich kann man auch über die eine oder andere Statistik wie Fangquote oder Gegentorschnitt diskutieren, wobei diese in meinen Augen immer mit Vorsicht zu genießen sind. Ob diese zu 100 Prozent die wahre Leistung widerspiegeln, lassen wir mal dahingestellt. Zum Schluss hatte ich 19 Siege. Und das ist eine Zahl, die ich mir ungefähr schon vorgestellt hatte.

Ein weiterer Einsatz blieb Ihnen im vorletzten Hauptrunden-Match in Bremerhaven verwehrt, da Sie bereits beim Warm-up passen mussten. Können Sie uns heute verraten, um welche Verletzung es sich gehandelt hat?

Reimer: Ich habe mir einen Muskelfaserriss im Adduktorenbereich zugezogen. Nach einer zehn- bis zwölftägigen Pause wäre ich wieder auf’s Eis gegangen. Da haben sich die ersten Befürchtungen des vorzeitigen Saisonendes zum Glück nicht bestätigt. Hätten wir die zweite Runde erreicht, wäre ein Comeback durchaus möglich gewesen.

Nachdem Ihr Vertrag bei den Panthern bekanntlich am Saisonende ausläuft: War die Partie in Mannheim am 1. März zugleich Ihr letztes im Trikot des ERC Ingolstadt?

Reimer: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen! Wir haben uns bereits in den Vergangenheit unterhalten, sind bislang aber noch zu keiner Einigung gekommen. Ich würde sehr gerne in Ingolstadt bleiben, habe aber auch eine Verantwortung meiner Familie gegenüber. Am Donnerstag gibt es mit Sportdirektor Larry Mitchell nochmals ein Gespräch. Und danach wird man weitersehen.

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