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Wirtschaft

16.04.2020

Steigt die Zahl der Insolvenzen in der Corona-Krise?

Christian Plail sagt eine steigende Zahl an Insolvenzen voraus.

Exklusiv Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie treffen die Wirtschaft schwer. Könnte es wegen des Coronavirus eine deutschlandweite Insolvenzwelle geben?

Christian Plail ist ein erfahrener Anwalt und Insolvenz-Spezialist. Seit 1990 wird der in Krumbach geborene Jurist als eine Art Feuerwehrmann gerufen, wenn Firmen in finanzielle Schieflage geraten. Der 57-Jährige arbeitet für die Wirtschaftskanzlei SGP Schneider Geiwitz, ein mit rund 320 Mitarbeitern in Süddeutschland führendes Unternehmen auf dem Gebiet des Insolvenzrechts. Experten der auch in Augsburg vertretenen Firma waren bei vielen Insolvenzen in dieser Region gefragt: So wurden sie bei Fällen wie Walter Bau, Trevira, Böwe Systec, Manroland, Weltbild, Schlecker oder Schuh Leiser aktiv. Auch der in finanzielle Probleme geratene fusionierte Konzern Galeria Karstadt Kaufhof setzt auf die Hilfe des Neu-Ulmer Unternehmens. So So fungiert Arndt Geiwitz für die Wirtschaftskanzlei als Generalbevollmächtigter der Warenhauskette in dem eingeleiteten Verfahren.

Warum staatliche Gelder den Anstieg der Insolvenzen verlangsamen

Plail, seit 1999 Partner der Kanzlei, rechnet mit einem "deutlichen Anstieg der Insolvenzen im Zuge der Corona-Krise". Noch steige die Zahl aber nicht auffällig an. Das liegt sicher auch daran, dass viele Firmen in Liquiditätsnöten erst einmal durch staatliche Gelder und den erleichterten Zugang zur Kurzarbeit gestützt werden. Doch Plail ist sich sicher: "Auf uns wird erheblich mehr Arbeit zukommen." Das zeige sich schon daran, dass viele Unternehmer ihn und seine Kollegen vorsorglich um Rat fragen. Der Wirtschaftsjurist erklärt sich das so: "Sie wollen auf alles vorbereitet sein und einen Plan B für den Fall einer Verschlechterung der Situation in der Tasche haben."

Steigt die Zahl der Insolvenzen in der Corona-Krise?

Ein solcher Plan dürfte dann gerade in Unternehmen greifen, die schon vor der Corona-Krise finanziell instabil gewesen sind. Es bleibt also nicht bei zuletzt bekannt gewordenen spektakulären Fällen wie den Restaurantketten Maredo und Vapiano, deren Finanznöte offenbar wurden. Plail prognostiziert: "Es wird den ein oder anderen Großen, aber auch viele Kleine erwischen." Dabei fiel in den vergangenen Wochen auf, dass gerade kleinere Firmen oft über eine äußerst dünne Liquiditätsdecke verfügen. Hier beobachten Experten wie Plail, dass dazu auch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank beigetragen hat. Wenn es so leicht und auch noch billig ist, sich zu verschulden, machen davon viele Unternehmen Gebrauch. Das kann sich in der Krise rächen, wenn Ladenbesitzern nach verordneten Schließungen der Umsatz weggebrochen ist. Von solch einer Fehlsteuerung der Politik der EZB hatten Experten häufig gewarnt.

Experten erwarten wegen des Coronavirus ein hartes wirtschaftliches Jahr

Dass noch keine Insolvenz-Welle über Deutschland hinweg rollt, ist indes nicht verwunderlich. Denn schon in vergangenen wirtschaftlichen Einbrüchen wie bei der Finanzmarktkrise der Jahre 2008 und 2009 hat sich gezeigt, dass viele Unternehmen mit der Mobilisierung aller Reserven die harte Zeit überstehen, ihnen aber dann die Luft ausgeht. Den Firmen fehlt nun oft das Geld für Investitionen und für den Kauf von Waren. Plail rechnet damit, dass die Insolvenzwelle im Zuge der Corona-Krise "erst mit sechs bis zwölf Monaten Verspätung beginnt". Sie wird sich seiner Einschätzung nach durch viele Branchen ziehen, ob Gastronomie, Hotelgewerbe oder die ohnehin schon länger kriselnde Autozulieferindustrie. Plail ist überzeugt: "Keine Branche wird verschont bleiben."

Dabei ist die Zahl der Firmeninsolvenzen seit Überwindung der Finanzmarkt-Krise dank vieler fetter Jahre kontinuierlich gesunken. Sie ging nach Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel in Deutschland von 32280 Fällen in 2010 auf zuletzt 19005 im vergangenen Jahr zurück. Damit ist die Zahl der Pleiten auf einen neuen Tiefstand seit 1994 gesunken.

 

Doch der positive Trend wird sich nicht fortsetzen. Die Crif-Bürgel-Exerten wagen auf Anfrage unserer Redaktion eine Prognose für dieses harte wirtschaftliche Jahr. Demnach erwartet die renommierte Wirtschaftsauskunftei nach jetzigem Stand bis zu 15 Prozent mehr Firmeninsolvenzen in Deutschland. Hintergrund aus der Sicht des Crif-Bürgel-Teams: Unternehmen können Einnahmeausfälle in den kommenden Monaten durch staatliche Liquiditätshilfen noch überbrücken. Bei den Geldern handelt es sich aber um Darlehen, also um Schulden. Und diese müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Hier stellt sich für die Spezialisten der Wirtschaftsauskunftei die Frage, wie Firmen, die bis zur Corona-Krise nur magere Gewinne erwirtschaften konnten, einmal in der Lage sein sollen, auch noch Schulden zurück- zuzahlen. Hinzu kommt, dass nach Kenntnis von Crif Bürgel im Dezember 2019 schon knapp 310000 Unternehmen in Deutschland unter finanziellen Problemen gelitten haben, also eine schlechte Bonität aufweisen. Überdies dürfte auch bei manchen Bürgern die Finanzdecke immer dünner werden. Crif Bürgel geht von zehn Prozent mehr privaten Insolvenzen in Deutschland aus.

Über alle wichtigen Entwicklungen rund um die Corona-Krise informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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