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Diedorf/Augsburg

10.04.2019

Ein Arbeitsleben für das  Kinderzentrum Frère Roger

Rüdiger von Petersdorff geht Anfang Mai in den Ruhestand.
Bild: Marcus Merk

Der Pädagoge Rüdiger von Petersdorff ist seit 30 Jahren bei der KJF. Was er seitdem auch für den Landkreis Augsburg verändert hat.

Morgens früh rauf aufs Fahrrad, über den Sandberg und durch Steppach zum Büro in Oberhausen: Nur noch wenige Male wird das für den Diedorfer Rüdiger von Petersdorff die morgendliche Routine sein. Anfang Mai geht er in den Ruhestand. In den vergangenen 30 Jahren beim selben Unternehmen hat er die Abteilung, für die er zuständig ist, von 25 auf 350 Mitarbeiter ausgebaut. Ein wirtschaftlich erfolgreicher Unternehmer ist er deshalb aber nicht. Bei von Petersdorff geht es um ein anderes Gut: Kinder und Jugendliche und ihre pädagogischen Bedürfnisse. Er leitet die Abteilung Teilstationäre und Ambulante Hilfen des Frère-Roger-Kinderzentrums in Augsburg.

Ob in der Familienstation in Neusäß, in der Jugendarbeit in der Grund- und Mittelschule in Dinkelscherben, in der Jugendpflege in Diedorf oder auch bei den Stadtteilmüttern in Augsburg-Oberhausen: Überall ist das Frère-Roger-Kinderzentrum beteiligt. Viele Ideen und Konzepte hat Rüdiger von Petersdorff in dieser Zeit für Augsburg und das Umland entwickelt. Dabei wollte der Diplom-Pädagoge eigentlich Förster werden.

Der Vater war Gutsbesitzer in Oberbayern

Als Kind ist er nämlich in der Natur aufgewachsen. Sechs Kinder gab es in der Familie, der Vater war Gutsbesitzer in Oberbayern. Aber irgendwann war die Arbeit zu schwer geworden. Das Gut wurde verpachtet, die Familie zog nach Westheim, wo die Eltern einen kleinen Verlag gründeten.

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Kurz vor dem Abitur erlitt die Familie einen schweren Schicksalsschlag: Die Mutter starb bei einem Unfall, der Vater lag ein Jahr im Krankenhaus. „Wir waren von einem Tag auf den anderen auf uns selbst gestellt“, beschreibt er die Situation der Geschwister damals. Doch die Kinder hielten zusammen. Bis heute ist die Familie der Fixpunkt in seinem Leben. Das gilt heute nicht allein für die Geschwister, sondern vor allem für seine Frau, die beiden Söhne samt Anhang und das Enkelkind.

In einer Einrichtung für straffällige Jugendliche gearbeitet

Als Abiturient kam das Interesse an der Pädagogik. Im Internat in Wallerstein habe er schon früh jüngere Schüler mitbetreut. „Damals wollte ich das Internat einmal als Leiter übernehmen. Aber nach dem Studium ging mir das alles zu langsam“, erinnert sich Rüdiger von Petersdorff. So folgten Jahre mit verschiedenen Stationen: im Jugendheim Villa Andreae im Taunus genauso wie in einer geschlossenen Einrichtung für straffällige Jugendliche in der Nähe von Frankfurt. Starke, zum Teil auch heute noch emotionale Erinnerungen hat er gerade an diese Zeit.

„Für viele dieser Jugendlichen war der geschlossene Bereich sicher nötig. Aber sie haben mir eines gezeigt: Die Familie war ihnen immer wichtig und sie hingen an ihr.“ Damals hat er erkannt, was in der pädagogischen Arbeit zu dieser Zeit noch kaum Thema war: Nicht allein mit „schwierigen“ jungen Frauen und Männern muss gearbeitet werden – auch ihre Eltern gehören dazu. Ziel müsse es immer sein, Kinder wieder in ihrer Familie zu integrieren.

Als Protestant bei der katholischen Jugendhilfe angefangen

Diese Idee brachte er schließlich auch mit nach Augsburg. 1987 fing der Protestant im Familienzentrum der katholischen Jugendhilfe (KJF) an, wenig später hat er die heilpädagogische Tagesstätte übernommen, aus der sich die Abteilung der teilstationären und ambulanten Hilfen mitentwickelt hat. Denn noch eine zweite große Entwicklung in der Familienarbeit fällt in diese Zeit: Während zuvor nur reaktiv gearbeitet wurde, also dann, wenn die Jugendlichen schon auf die eine oder andere Weise negativ aufgefallen waren, begann nun die Zeit der präventiven Arbeit. „Wir haben begonnen, unser Know-how in den Regelbereich zu bringen“, erklärt der Pädagoge. Heute ist das Standard: Praktisch jede Schule im Landkreis hat einen eigenen Sozialarbeiter.

Ein Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt, ist die „Schule in der Werkstatt“ in Oberhausen. Sie kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die eigentlich mit Schule nichts mehr am Hut haben wollen. Über einen starken Praxisbezug werden sie zum Lernen zurückgeführt. Ähnlich ist es mit der heilpädagogischen Tagesstätte Youfarm in Pfersee. Von Petersdorff hat nicht allein am Schreibtisch die Konzepte entwickelt. Die jeweiligen Teams hat er selbst auch immer für ihre neue Aufgabe angeleitet.

Dem Sport ist er immer noch verbunden

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das sei es schließlich, was ihn bewege. Auch privat. Der ehemals aktive Handballer war viele Jahre Jugendtrainer. Beide Söhne spielen in höherklassigen Mannschaften, dem Sport ist er immer noch verbunden. „Gemischte Gefühle“, sagt er, werden ihn nun auf dem Weg in den Ruhestand begleiten. Was ihm aber wohl keine Mühe machen werde, sei der Haushalt, der nun wohl verstärkt auf ihn zukomme – schließlich wird seine Frau, ebenfalls eine Pädagogin, noch ein paar Jahre berufstätig bleiben. Segeln, auch Hochseefischen, sind seit vielen Jahren seine Hobbys. Besonders die Stille und das Meeresrauschen seien es dabei, die ihm gefallen, sagt er. Und sicher, wenn er einmal mehr Action brauche, dann gibt es ja noch den knapp vierjährigen Enkel.

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