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Augsburg

23.04.2020

Corona: Augsburger Gastro-Betriebe kämpfen ums Überleben

Katharina Ertl vor ihrem Bistro Corso in der Maximilianstraße. Erst im November hat die 30-Jährige das Lokal übernommen. „Mit steht das Wasser bis zum Hals“, sagt sie.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Viele Geschäfte öffnen trotz Corona wieder, aber für Gaststätten gibt es bisher keine Perspektive. Wirte erzählen, wie sie sich über Wasser halten – wie lange geht das noch?

Der Gastronom Stefan „Bob“ Meitinger ist zunehmend genervt von der Situation. Der Augsburger hat vor 22 Jahren seine Karriere in der Gastronomie mit einer kleinen Kneipe im Vereinsheim des SV Hammerschmiede begonnen. Mittlerweile gehören zu „Bob’s“ zehn Lokale – teilweise samt Bowlingbahn. Er sagt: „Wir sind die Ersten, die in dieser Corona-Krise schließen mussten und wir werden die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Was mir fehlt, sind genaue Informationen und ein Fahrplan.“ Neben seinen Lokalen in Augsburg ist Stefan Meitinger mit seinem Konzept auch in München und Fürth zu finden.

Derzeit hat allerdings nur seine Filiale in der Hammerschmiede geöffnet, wo es unter anderem Pizza und Pasta zum Mitnehmen gibt. Alle anderen Filialen sind geschlossen. Stefan Meitinger hat einen Kredit aufgenommen, um die Zeit überbrücken zu können. Seit dem 18. April ist seine Stimmung gekippt. Da kündigte Ministerpräsident Markus Söder ( CSU) zwar an, die Mehrwertsteuer für den Bereich Hotels und Gastronomie senken zu wollen. Es sagte aber auch, er könne der Branche eine bessere Perspektive womöglich aber erst ab Pfingsten, also Anfang Juni geben.

Augsburger Wirte fordern eine Senkung der Mehrwertsteuer

Verbände protestierten daraufhin, Gewerkschaften forderten Aufstockungen für die in Kurzarbeit befindlichen Angestellten und auch die Freien Wähler samt ihrem Vorsitzenden, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, forderten eine schrittweise Öffnung der Gaststätten – beginnend noch im Mai. Einen Fahrplan gibt es aber nicht. Genau solche Informationen fordert Stefan Meitinger aber ein: „Zunächst benötigen wir als Erleichterung die Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent. Dann brauchen wir eine Perspektive. Wie lange müssen meine Lokale geschlossen bleiben? Schließlich muss ich den Kredit auch wieder abbezahlen.“

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Damit die Sorgen und Nöte der Gastronomen und Hoteliers auch gesehen werden, unterstützt Stefan Meitinger die Aktion der „leeren Stühle“ des Leaders Clubs. Das Netzwerk von gastronomiebegeisterten Menschen und Unternehmen ruft seine Mitglieder dazu auf, Stühle aufzustellen, um auf die Not des Gastgewerbes aufmerksam zu machen. Diese Aktion findet auch demnächst in Augsburg statt.

Coronavirus: Gesundheit der Menschen soll nicht gefährdet werden

Leo Dietz, Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, kann den Unmut der Gastronomen und Hoteliers verstehen. „In sehr vielen Gesprächen, die ich derzeit führe, geht es um einen Fahrplan und eine Logik, die dahintersteckt. Denn derzeit geschieht vieles nach dem Prinzip Denken, Glauben, Hoffen.“ Dietz weiß aber auch, dass es sich um ein zweischneidiges Schwert handelt. Denn schließlich gehe es um die Gesundheit der Menschen, für die die Politik Verantwortung übernehme. Dietz, der für die CSU im Stadtrat sitzt, sagt: „Alle sehnen sich bei der sozialen Isolation nach sozialer Nähe. Bei einem Restaurantbesuch könnten beim Konsum von Alkohol aber schnell alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen werden.“ Zudem könnten Restaurantbesucher beim Essen keinen Mundschutz tragen.

Um Vorsicht geht es Gastronom Oliver Hüttenmüller auch – seinen Gästen, aber auch seinen Mitarbeitern gegenüber. Deshalb entschloss er sich Mitte März bewusst für eine Schließung der Kulperhütte an der Wertach. Nun hat er seit Dienstag nach Ostern wieder geöffnet – mit einem verkleinerten Angebot zum Mitnehmen und vielen Absperrungen – damit niemand dort verweilt. Das Tempo, in dem von der Politik Lockerungen vorgenommen werden, findet Hüttenmüller in Ordnung. „Das kann nur Schritt für Schritt passieren. Da muss man sich in Geduld üben. Niemand will von uns einen zweiten Lockdown.“

Die Kulperhütte hatte zwischenzeitlich geschlossen. Nun gibt es ein kleines Mitnahme-Angebot für Spaziergänger. Verweilen ist dort nicht erlaubt.
Bild: Silvio Wyszengrad

Katharina Ertl würde dagegen lieber früher als später wieder öffnen: Seit der Schließung Mitte März ist sie jeden Tag von 7 bis 23 Uhr in ihrem Lokal. Es ist die Verzweiflung, die die Gastronomin jeden Tag von früh bis spät arbeiten lässt. „Mir steht das Wasser bis zum Hals“, sagt sie. Erst im November hat die 30-Jährige das Bistro Corso in der Maximilianstraße übernommen.

In den vergangenen sechs Jahren hat sie als Betriebsleiterin von Henrys Coffee am Rathausplatz gearbeitet – und mit einem Ziel immer wieder Geld auf die Seite gelegt. „Ich wollte immer meine eigene Gastronomie haben.“ Das Ersparte ist wegen der Corona-Pandemie aufgebraucht, die Mitarbeiter sind in der Kurzarbeit. Nun versucht sie selber Tag für Tag, dass wenigstens noch ein bisschen Geld hereinkommt, und bietet unter anderem Pizza, Pasta und Burger zur Selbstabholung an. „Ich liefere auch. Im Verlauf des Tages fahre ich das Essen nach dem Kochen meist selber weg, abends hilft mir mein Lebensgefährte.“ Nur dank der finanziellen Unterstützung durch ihre Familie kann sie sich noch über Wasser halten.

Soforthilfe für Restaurants: Dringende Finanzspritze erhalten

Sie habe umgehend die Soforthilfe der Bayerischen Staatsregierung und eine Verdienstausfallentschädigung beantragt, sagt sie. Aber: „Tag für Tag habe ich dort angerufen und war ständig in Warteschleifen. Erst diesen Mittwoch habe ich erfahren, dass meinem Antrag auf Soforthilfe stattgegeben wird.“ Trotz dieser dringenden Finanzspritze hofft Katharina Ertl darauf, dass sie ihr Corso bald wieder öffnen kann. Sie sei bereit, neu aufgelegte hygienische Standards und Abstandsregelungen einzuhalten. „Die Bürger dürfen jetzt Blusen und Blumen kaufen, aber einen Burger dürfen sie bei mir nicht essen“, sagt Katharina Ertl verständnislos.

Lediglich eine baldige Öffnung könne ihr Lokal vor einer endgültigen Schließung retten. „Die Kleingastronomen brauchen nun dringend wieder Umsatz. In den kommenden Monaten fallen zudem die Fußballeuropameisterschaft und die Sommernächte aus. Das trifft uns sowieso schon hart.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Gastronomie: Es muss Schritt für Schritt gehen

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Die Diskussion ist geschlossen.

26.05.2020

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Beim damaligen Lesen dieses Artikels empfand ich eine gewisses Mitleid

mit der Situation der abgebildeten Lokalbesitzerin .......

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23.04.2020

Es ist ja toll das die Mehrwertsteuer gesenkt wurde, ich frage mich aber was dies in der aktuellen Situation helfen soll, wenn es keine Gäste gibt?
Man sollte den Wirten kleinerer Gaststätten, Bars, Eisdielen, etc. schon ein wenig vertrauen schenken, wie sie das „Social distancing“ zum Schutz möglicher Gäste bei Zeiten weitsichtig umsetzen. Voraussetzung ist selbstverständlich, das die Zahl der Infizierten weiter stark sinkt.

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23.04.2020

Die Ausgangssperre ist immer noch aktiv. Man braucht einen Grund, um rausgehen zu dürfen.
Viele Menschen haben durch Kurzarbeit ohnehin nur noch 2/3 Einkommen. Da wird das Geld dann schon knapp, das sie es für Lokale ausgeben. Einige Lokale haben ja nun einen Lieferservice den sie vorher nicht hatten. Dennoch verdienen Sie wesentlich weniger als vorher. In 2 Monaten werden wir sehen, ob Deutschland oder Schweden die Grippe besser im Griff haben.
Das wird richtig interessant.

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23.04.2020

Bayern hat Ausgangsbeschränkungen , keine Ausgangssperre.

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