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Leipheim

04.11.2019

In der Trauer hat jeder Mensch seinen eigenen Rhythmus

Allerheiligen und Allerseelen sind die Tage im Jahr, an denen man ganz besonders an die lieben Verstorbenen denkt.
Bild: Benedikt Siegert (Symbolbild)

In Leipheim war ein Tag für Trauernde geplant. Die Initiative zweier Geistlicher ist aber nicht auf genügend Interesse gestoßen. Woran das liegen könnte und wie es weitergeht.

Das Datum war bewusst gewählt. Am Samstag war Allerseelen – jener Tag also, an dem die Katholische Kirche aller verstorbenen Gläubigen gedenkt.

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Leipheims Pfarrer Johannes Rauch und Ulrich Hoffmann, Ehe- und Familienseelsorger der Diözese Augsburg für die Landkreise Günzburg und Neu-Ulm, wollten einen Begegnungstag für Trauernde organisieren – Menschen, die in den letzten Jahren eine nahe stehende Person oder mehrere Personen verloren haben. Aus diesem „Tag der Stärkung, der Ermutigung und des Austauschs“ (Hoffmann) wurde aber nichts. Denn gerade mal eine handvoll Trauernde hatte sich gemeldet und wollte mitmachen.

Ist der Bedarf, miteinander ins Gespräch zu kommen, also gar nicht da? Der Familienseelsorger und der Leipheimer Pfarrer glauben das nicht.

In der Trauer hat jeder Mensch seinen eigenen Rhythmus
Pfarrer Johannes Rauch möchte im nächsten Jahr einen neuen Anlauf nehmen, um den Trauertag zu organisieren.
Bild: Bernhard Weizenegger

„Zu merken, dass es auch Andere gibt, die ebenfalls trauern und dann mit ihnen ins Gespräch zu kommen, kann hilfreich sein. Man muss deshalb Angebote machen.“ Verzagen gelte daher nicht, wenn es nicht auf Anhieb klappe. Im nächsten Jahr soll ein neuer Anlauf unternommen werden.

Es gibt so viele Trauerwege wie es Menschen gibt

Denn natürlich weiß Hoffmann, dass eine „Privatisierung der Trauer“ nach wie vor da ist. Das heißt: „Nach außen hin muss alles laufen, muss alles prima sein, muss alles funktionieren, muss alles schnell gehen.“ Menschen, die trauern, hätten allerdings ihren eigenen Rhythmus. Und das begriffen Umstehende häufig nicht. Trauer könne auch erst nach zwei, drei Jahren einsetzen. Oft begegne dann einem Verständnislosigkeit. Dabei „gibt es so viele Trauerwege wie es Menschen gibt“.

Vor ein paar Jahren, erinnert sich der Seelsorger, habe er in Krumbach einen Trauertag ausschließlich für Männer organisiert. Bei einem offenen Angebot seien es fast immer Frauen, die kämen. „Vielleicht liegt es an der Scheu der Männer, sie könnten nur Frauen begegnen. Vielleicht ist es für sie schwierig, vor Frauen Schwäche zu zeigen, zu weinen“, mutmaßt Hoffmann. Aus einer Erfahrung aber weiß er, dass er einen solchen Tag für Männer anders gestalten muss.

Ulrich Hoffmann, Ehe- und Familienseelsorger der Diözese Augsburg für die Landkreise Günzburg und Neu-Ulm
Bild: Michael Ruddigkeit

Mit ihnen geht er „oftmals Wege in der Trauer“. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen – zum Beispiel mit einem Spaziergang in der Natur. „Im Kreis zu sitzen und sich gegenseitig Geschichten über die Verstorbenen zu erzählen, ist für Frauen oftmals angenehm, für Männer häufig nicht so attraktiv.“

So läuft ein Trauertag ab

Zunächst gibt es etwas zu essen und zu trinken. Denn trauernde Menschen versorgten sich oft schlecht, so Hoffmann. Später gehen die Teilnehmer im Zimmer umher zu ruhiger Musik. Wenn die Musik anhält, stellt Hoffmann dem Menschen eine Frage, der ihm in diesem Moment räumlich am nächsten ist: Was er vergangenen Sonntag alles gemacht hat, will der Seelsorger beispielsweise wissen. Ob dem Trauerenden spontan eine wunderbare Geschichte über den Menschen einfällt, den er verloren hat. Oder wie man den Tag der Beerdigung erlebt hat. Anderthalb bis zwei Stunden nach dem Frühstück gibt es einen theoretischen Impuls mit der Botschaft, dass Trauer nicht normierbar ist.

Vor dem Mittagessen folgt noch eine „sehr dichte Phase“. Menschen sammeln sich hinter Hoffmann, die einen Ehepartner verloren haben. Dann fragt er nach einem Kind, einem Elternteil, einem Freund oder einer Freundin. „Einige sind dabei, die öfters zu mir kommen.“

Bei den Trauernden können Schuldgefühle und Wut aufsteigen

Manchmal brechen auch seelische Wunden wieder auf – etwa, wenn sich ein Angehöriger das Leben genommen hat. Da sind dann Schuldgefühle nicht weit. In solch schwerwiegenden und tief liegenden Fällen reicht ein Tag nicht aus, vielleicht müsse dann eine Trauerbegleitung daraus werden. Statt Schuld könne auch Wut in einem aufsteigen, wenn sich zum Beispiel das Gefühl breitmache, in einer Situation, die einen an sich schon sehr betrübt, zurückgelassen worden zu sein. „Wenn ich diese Wut unterdrücke, ist das nicht gesund. Unter der Wut liegt die Trauer. Wenn ich Wut verbiete, verbittere ich.“

Die Zwänge und die festen Trauerrituale der Vergangenheit und noch stärker auf dem Land als in der Stadt gibt es so nicht mehr. Der Ehe- und Familienseelsorger sieht darin einen Vorteil, weil das der „Individualität der Lebensformen“ näher komme. Aber das habe auch seinen Preis: „Heute gibt keine geschützten Räume mehr für Trauer. Es gibt keine Schonzeit mehr für Trauer.“

Die Vereinzelung des Menschen heutzutage mache es unmöglich, Trauer gemeinsam zu halten und zu tragen. Dabei seien gerade gute Beziehungen die beste Bedingung, um Trauer gesund durchzustehen. Botschaften wie „Ich denke an dich“, „Ich fühle mit dir“, „Du bist nicht lästig mit deiner Trauer“ wären schon großartig. Aber oft überwiege die Unsicherheit im Umgang mit Trauernden. Auch dafür hat Hoffmann eine Erklärung: „Wir wollen in unserem Alltag möglichst alles im Griff haben. Dieses Bestreben durchbricht die Trauer und der trauernde Mensch.“

Trauertag verlangt den Beteiligten einiges ab

Dass der Trauertag in Leipheim nun nicht zustande gekommen ist, bedauert Pfarrer Rauch. Freilich weiß er, dass ein solches Seminar von den Beteiligten einiges abverlangt. „Vom Tod und von der Trauer zu reden, ist ja eher ein Tabu“, sagt der 61-Jährige, der seit 35 Jahren Priester ist. In diesem Zeitraum habe er bestimmt weit über 1000 Beerdigungen gehalten. Noch näher gingen die ihm, nachdem vor 23 Jahren der Vater und vor 19 Jahren die Mutter gestorben ist. „Als Angehöriger hat mich das noch ganz anders berührt, als ich den Umgang in der Theorie gelernt und mich darauf vorbereitet habe.“ Rauch verarbeitete seine Trauer, in dem er den Eltern nachspürte: Er ist an Orte gegangen, an denen der Vater war. Er hat ein Buch gelesen, das seine Mutter gelesen hat. Er hat eine Reise wiederholt nach Oberitalien, wo die Familie Rauch früher immer wieder hingefahren ist. „Der Tod eines geliebten Mitmenschen erscheint ein bisschen wie das eigene Ende. Am Anfang darf das auch eine Katastrophe sein“, sagt der Geistliche. Die Lehre, die man daraus ziehen könne, sei: bewusster zu leben. „Der Tod verändert die Perspektive. Da wird dann manches nicht mehr so wichtig.“ Wichtig sei, Trauer zuzulassen. „Was man verdrängt, bleibt immer. Was man verarbeitet, kann neues Vertrauen ins Leben schaffen, neue Zuversicht.“ Dabei ist für Rauch der Glaube ein Rettungsanker in einer alles andere als einfachen Zeit. \u0009

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