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Tag der Senioren

20.08.2017

Und plötzlich weiß man nicht, wohin mit Opa

Wenn Angehörige Pflegebedürftige zu Hause betreuen und mal in den Urlaub wollen, ist die Frage: Wohin mit dem Kranken?
Bild: Patrick Pleul, dpa

Auch im Landkreis Dillingen gibt es zu wenige Kurzzeitpflege-Plätze. In Wertingen sind alle fünf belegt. Vor allem jetzt im Sommer ist die Nachfrage groß

„Wissen Sie, ich hab’ es nicht leicht“, sagt die hagere 80-Jährige. Seit Jahren pflegt sie ihren schwer demenzkranken Mann, der im Rollstuhl sitzt. Die beiden wohnen allein in einem großen, leeren Bauernhof im Landkreis Dillingen. Nicht eine Minute kann sie ihren Gatten aus den Augen lassen. Immer wieder versucht er aufzustehen und ist schon ein paar Mal schwer gestürzt. Doch jetzt muss die 80-Jährige auch noch operiert werden. Was wird dann aus ihrem Mann? „Überall hab ich angerufen, aber keine Kurzzeitpflege für ihn gefunden.“

Kein Wunder: Alle Plätze sind ausgebucht. „Im August, im September, zu Ostern und zu Weihnachten sind wir zu 100 Prozent ausgelastet“, sagt etwa Marijan Peh von der Pro-Seniore-Residenz in Bissingen. Auch in den anderen Monaten liege die Auslastung bei 50 bis 80 Prozent. In den anderen Häusern im Landkreis Dillingen sieht es ähnlich aus. Laut Aufstellung des Landratsamtes gibt es fast nur eingestreute Kurzzeitpflegeplätze. Rund 60 sind in Alten- und Pflegeheimen vorhanden. Die Seniorenresidenz in Bissingen hat acht. Die Elisabethenstiftung in Lauingen zwölf. Auch deren Geschäftsführer Jörg Fröhlich weiß: „Der Bedarf kann nicht gedeckt werden.“ Das sei nicht mal mehr saisonal abhängig – wenn auch die Nachfrage im August am höchsten sei. Das AWO-Seniorenzentrum in Höchstädt ist ebenfalls „randvoll bis Mitte September“, sagt Patricia Rieger, Pflegedienstleitung. Allein in der vergangenen Woche hatte sie „Anfragen ohne Ende, aber ich musste allen absagen“. Manche hätten erst in Augsburg Erfolg. Nur, wenn in einem Heim kurzfristig ein weiteres Zimmer frei wird, gibt es auch einen Platz mehr. Bis wieder jemand zur stationären Dauerpflege aufgenommen wird.

Aus den statistischen Zahlen ergibt sich laut Landratsamt, dass der Großteil der Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt wird. Kurzzeitpflege-Plätze nehmen nicht nur Angehörige in Anspruch, die ihre Lieben daheim pflegen und in den Urlaub fahren wollen, sondern auch Menschen, deren osteuropäische Hilfe Urlaub nimmt, weiß eine Pflegedienstleitung. Außerdem können so Pflegebedürftige im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt betreut werden, oder die Übergangszeit bis zur Reha wird überbrückt, ergänzt Andreas Foldenauer vom Landratsamt. Manchmal seien auch Umbaumaßnahmen daheim nötig, und für die Zeit wird ein Pflegeplatz gebraucht.

Warum gibt es dann nicht mehr Plätze? Und warum gibt es keine stationären? Das Heilig-Geist-Spital in Dillingen bietet nach den Worten von Leiter Siegfried Huber neben acht eingestreuten als einzige Einrichtung im Landkreis auch zwei feste Plätze an. Doch dafür seien die Rahmenbedingungen sehr schlecht. „Man müsste mehr für die Finanzierung der Kurzzeitpflege tun“, findet Huber. Auch sein Kollege aus Lauingen, Jörg Fröhlich, meint: „Aufwand und Ertrag rechnen sich nicht.“ Eine Kurzzeitpflegestation der Caritas war laut Huber wieder geschlossen worden, weil sie sich nicht getragen hatte. In der Nebensaison sei die Nachfrage eben nicht so hoch.

Doch auch das könnte sich ändern, meint Huber. Aufgrund der neuen Pflegestärkungsgesetze würden Angehörige, die kranke Verwandte zu Hause pflegen, besser unterstützt. Wenn deswegen mehr Familien auch bei einem Pflegefall zusammenhalten, steige der Bedarf nach Kurzzeitpflegeplätzen weiter an. Zumal sie, wie Marijan Peh von der Bissinger Seniorenresidenz erklärte, für die Angehörigen nur geringe Kosten verursachen. Für bis zu 24 Tage im Jahr zahle die Kranken- oder Pflegekasse bei Pflegegrad zwei bis fünf den Löwenanteil für den Aufenthalt.

Manche Patienten sind bereits Kurzzeit-Stammkunden. Etwa bei Günther Schneider im Seniorenzentrum St. Klara in Wertingen. Auch dort ist von den fünf Plätzen aktuell keiner frei, man sei durchgehend ausgelastet.

Mit Stammkunden tut sich das Personal in den Heimen leichter, betont Andrea Hafner-Toone von der Pflegedienstleitung von Regens Wagner Dillingen. Drei Wochen lang müsste man einen neuen Patienten beobachten, bis man ihn kennt, dafür reichen ein paar Tage nicht aus. Doch die meisten Gäste wüssten, dass es im Heim nicht so ist wie zu Hause. Hafner-Toone erinnert aber noch an etwas ganz anderes: „Die Pflegekräfte arbeiten eh schon schwer, die wollen auch mal im August Urlaub nehmen. Dem muss man dann auch gerecht werden.“

Immerhin gibt es bald ein paar Plätze mehr: In den beiden Benevit-Häusern in Syrgenstein und in Wittislingen stehen laut Helma Komes insgesamt vier bis acht weitere Kurzzeitpflege-Plätze zur Verfügung.

Eine Zusammenstellung der Angebote für Senioren oder pflegende Angehörige gibt es in der Broschüre Seniorenberatung. Diese kann im Landratsamt unter Telefon 09071/51-198 angefordert werden und steht auf der Homepage unter www.landkreis-dillingen.de – Soziale Dienste – zur Verfügung.

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