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Corona

06.08.2020

Wie rissfest sind die globalen Lieferketten? 

Wie stabil sind internationale Lieferketten?
Bild: Axel Heimken, dpa (Symbolbild)

Der Lockdown hat Unternehmen weltweit dazu gezwungen, ihre Lieferketten zu hinterfragen. Jetzt muss ein neues Gleichgewicht gefunden werden.

Es kann auch gut gehen. Wenn die Kette weiter ineinandergreift, weil sie vorher so angelegt wurde, dass ihre Glieder weiter halten, auch wenn das Coronavirus daran zerrt. Bei Sortimo International aus Zusmarshausen zum Beispiel ist das so.

Wenn ein Handwerker seinen Transporter hinten öffnet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Regale im Laderaum, die vielen Schubladen, die Ordnung im Innenraum von diesem Unternehmen geschaffen wurde. Sortimo produziert ausschließlich im heimischen Werk im Landkreis Augsburg. Dennoch ist der Spezialist für Fahrzeugeinrichtungen, Beklebungen und Arbeitsplatzorganisation, wie so viele regionale Unternehmen, international unterwegs. 1300 Mitarbeiter weltweit. Ein Joint Venture in den USA, 25 Importeure rund um den Globus, neun Tochterunternehmen in Europa.

 

Wie rissfest sind die globalen Lieferketten? 

Sortimo produziert ausschließlich im heimischen Werk im Landkreis Augsburg

Dennoch sagt Peter Siegle, Leiter Supply Chain Management bei Sortimo: „Eine Lieferkettenproblematik wegen Corona gab es bei uns nicht. Die Produktionsversorgung war zu keinem Zeitpunkt kompromittiert.“ Die Rohholzplatten, mehrere hundert Tonnen pro Jahr, kommen aus Skandinavien oder den baltischen Staaten. Das Metall kommt aus Deutschland. Und gerade da reicht die Fertigungstiefe weit. Sprich: Sortimo hat eine eigene Konstruktionsabteilung, einen eigenen Werkzeugbau. Siegle: „Das ermöglicht uns, fast alles selbst zu machen.“ Im Februar habe es eine Risikoanalyse gegeben. Aber was in den Puffer-Lagern war, hätte für Monate gereicht.

Probleme gab es eher, wenn das Produkt fertig war. Wenn ganze Länder dicht sind, wenn es über Tage keinen „Abfluss“ an Waren gibt, sind Lagerkapazitäten bald erschöpft. Dann musste man reagieren. Es gab auch zwischenzeitlich einen Auftragseinbruch, weil die für den Umbau vorgesehenen Fahrzeuge nicht geliefert wurden. Letztlich aber, so erklärt Siegle weiter, habe der Härtefall Corona die Wertschöpfungsstrategie des Unternehmens bestätigt. Regionale Partner aus Bayern und Deutschland, aus politisch stabilen Ländern, ein über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk.

Beispiel Sortimo: Der Fahrzeugausstatter in Zusmarshausen bei Augsburg sieht sein Logistik- und Lagerkonzept durch den „Härtefall Corona“ bestätigt.
Bild: Andreas Lode (Archiv)

 

Macht es Sinn, die Globalisierung zurückzudrehen?

Nicht jeder ist so aufgestellt wie Sortimo. Kann es vielleicht nicht sein, weil die Produkte anders, die Lieferketten kleinteiliger, die Abhängigkeiten andere sind. Corona hat nun dafür gesorgt, dass globale Wirtschaftsabläufe mehr und mehr hinterfragt werden: Taugen sie noch? Oder ergibt es mehr Sinn, die Globalisierung zurückzudrehen, die Produktion auf den Kontinent, ins Land zurückzuholen? Für Medikamente wird es ohnehin gefordert.

Dalia Marin, Professorin für internationale Wirtschaftsbeziehungen aus München, analysiert in einem Beitrag für das Ifo-Institut, dass die globalen Lieferketten schon nach der Finanzkrise nicht mehr gewachsen seien. Und Corona habe die in den 90ern begonnene Zeit der „Hyperglobalisierung“ nun an ihr Ende geführt. Der Grund: „Wenn die Unsicherheit steigt, leiden die globalen Lieferketten.“ Aus Daten der Vergangenheit lasse sich schließen, dass eine sehr starke Steigerung der Unsicherheit, wie sie wahrscheinlich durch die Covid-19-Pandemie verursacht werde, „die globale Lieferkettenaktivität um 35 Prozent verringern könnte.

Trotz der Einsparungen lohnt es sich für die Unternehmen nicht mehr, die mit der Produktionsauslagerung verbundenen Risiken einzugehen.“ Und die wachsende Zahl der Roboter macht auch in einem Hochlohnland wie Deutschland die Produktion billiger. In der Bundesrepublik seien die Sektoren, die ihre Produktion seit der Finanzkrise am stärksten ins Land zurückholen, die chemische Industrie, die Metallindustrie sowie die Elektro- und Elektronikbranche. Die Wirtschaft wird sich also stark wandeln, abgewickelt werden können die wirtschaftlichen Verflechtungen aber nicht so leicht. Marin schreibt: „Auch wenn es jetzt durch die Corona-Krise zu einer verstärkten Deglobalisierung kommt, wird dies nicht zu einem Rückfall in die Zeit vor den 1990er Jahren führen. Dazu sind diese Geschäftsbeziehungen bereits zu etabliert und nur mit Kosten zu ändern.“

 

Eine Ende der Internationalität ist nicht im Interesse der Unternehmen

Ein Ende der Internationalität ist in weiter Ferne und wäre gar nicht im Interesse der Unternehmen. Denn allein in Bayerisch-Schwaben beispielsweise sind laut IHK derzeit – neben Sortimo aus Zusmarshausen – noch rund 3000 Unternehmen aus Produktion, Handel und Dienstleistungen regelmäßig im Auslandsgeschäft aktiv. Vor allem im Im- oder Export. Die Region ist zudem ein Produktionsstandort. Der Anteil der Beschäftigten im Maschinenbau ist hier mehr also doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Und das verarbeitende Gewerbe (darunter der Maschinenbau) habe den weiteren IHK-Angaben zufolge eine „direkte Exportquote von rund 45 Prozent“. Fazit der Industrie- und Handelskammer: „Die regionale Wirtschaft partizipiert sowohl am regionalen als auch nationalen und internationalen Handel. Damit kommt der Frage nach funktionierenden Lieferketten eine herausragende Bedeutung für den Produktionsstandort zu.“ Wichtigste Handelspartner sind die USA, China und Österreich.

Zugleich zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage bei den deutschen Auslandshandelskammern, Delegationen und Repräsentanzen, an der sich 3300 Unternehmen beteiligt haben, dass 38 Prozent nach neuen Lieferanten suchen. Vor allem im eigenen Land.

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Kommentar: Stellenabbau bei MAN: Wie sicher sind unsere Arbeitsplätze? 

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