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Politik

25.03.2020

Dinkelscherben vor der Stichwahl: Beständigkeit oder frischer Wind?

Wer übernimmt im Rathaus Dinkelscherben den Vorsitz? Ulrich Fahrner und Edgar Kalb treten am Sonntag zur Stichwahl an.

Plus Am Sonntag entscheidet sich, ob Edgar Kalb weiter Rathauschef bleibt oder Ulrich Fahrner übernimmt. Die meisten Fraktionen im Rat geben eine Empfehlung.

Wahlkampf in Zeiten von Corona ist nicht einfach – aber möglich. In Dinkelscherben tauchten in den vergangenen Tagen besonders in sozialen Netzwerken viele Videos und Beiträge auf, die das beweisen. Der amtierende Rathauschef Edgar Kalb und sein Herausforderer Ulrich Fahrner setzen dabei auf unterschiedliche Strategien. Nach der Stichwahl am Sonntag wird sich zeigen, ob das aufgeht.

Der CSU-Kandidat Fahrner erreichte bei der vergangenen Wahl 32,9 Prozent und kann mit Unterstützung von Parteifreunden aus der großen Politik trumpfen. Videos von Landrat Martin Sailer und Sozialministerin Carolina Trautner machen bei Facebook die Runde. Natürlich empfehlen die CSU-Politiker Fahrner als neuen Bürgermeister in Dinkelscherben. Doch auch auf kommunaler Ebene gibt es Wahlempfehlungen. Nachdem der Kandidat der SPD und der Freien Wähler, Markus Weil (17,9 Prozent), nun nicht mehr zu Wahl steht, unterstützen die Fraktionen nun auch den CSU-Mann. Ebenfalls sprechen sich die Dinkelscherber Grünen für Ulrich Fahrner aus. Das bedeutet, der Großteil der Fraktionen im neuen Gemeinderat spricht sich für den Herausforderer aus. Der neue Ortsverband der ÖDP will keine Empfehlung abgeben. „Die Mehrheit will einen Wechsel“, sagte Ulrich Fahrner nach der ersten Wahlrunde. Er setzt nun auf frischen Wind im Rathaus.

Bürgermeister Edgar Kalb setzt auf Beständigkeit in Dinkelscherben

Beständigkeit hingegen ist das Credo des Amtsinhabers Edgar Kalb. Er ging als klarer Wahlsieger bei der ersten Wahlrunde hervor. Auch, wenn Kalb selbst alles andere als zufrieden mit dem Ergebnis war. Ganz knapp scheiterte der Rathauschef an einer Wiederwahl (49,2 Prozent). Nun wirbt er vor der Stichwahl erneut um das Vertrauen der Wähler. Von Wahlkampf will er allerdings nicht sprechen. Er wolle die Wähler „überzeugen“, sagt Kalb. Zum Beispiel mit einer Videobotschaft, die vor der Stichwahl bei Facebook die Runde machte. Kalb: „Ich habe zwar keinen Landrat, keine Staatsministerin und keinen Bundestagsabgeordneten, der für mich Werbung macht, aber dafür das beste Team der Welt“. Die UW14 steht hinter dem amtierenden Rathauschef und hat im neuen Gemeinderat weiterhin fünf Sitze. Insgesamt wird der neue Rat in der Marktgemeinde bunter werden. Erstmals ziehen Vertreter der ÖDP und der Grünen ins Gremium ein. Beide Ortsverbände traten in der Gemeinde zum ersten Mal an. Die Grünen bekommen drei, die ÖDP einen Sitz im neuen Rat. Einen Sitz weniger werden künftig die Freien Wähler und die CSU haben. Die SPD darf künftig nur noch zwei Vertreter zu den Sitzungen schicken.

Edgar Kalb (UW14) im Interview

Warum sollten die Dinkelscherber sich in der Stichwahl für Sie als Bürgermeister entscheiden?

Kalb: Auch die nächsten sechs Jahre bringen große Herausforderungen mit sich. Vieles ist in die Wege geleitet und soll zu Ende gebracht werden, manches wird noch hinzukommen. Ich habe in den letzten sechs Jahren gezeigt und bewiesen, wie man Themen anpacken muss, um sie erfolgreich, effektiv und effizient umzusetzen. Der Gemeinderat und die Verwaltung brauchen eine gleichzeitig vermittelnde und zielorientierte Führungskraft mit Willenskraft und Umsetzungsstärke.

Edgar Kalb

Welche Begegnung, welche Situation hat Sie in den vergangenen Wochen im Wahlkampf in Dinkelscherben am meisten bewegt oder beeindruckt?

Kalb: 115 Gemeinderatskandidaten auf sechs Listen und drei Bürgermeisterkandidaten zeugen von außergewöhnlichem Interesse und Motivation, am gemeindlichen Geschehen aktiv teilzunehmen. Viele Bürgerinnen und Bürger haben offen und deutlich in den Wahlveranstaltungen ihre Meinung geäußert. Ich war überrascht, dass ein bis dato in Dinkelscherben kaum bekannter Mensch und fast ohne Präsenz vor Ort über 17 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt. Sehr unschön waren falsche, unsachliche und teilweise persönliche Statements in den sozialen Medien.

Wie möchten Sie die Zusammenarbeit mit dem neuen Gemeinderat gestalten?

Kalb: Wie die letzten sechs Jahre – klare Führungsrolle des Bürgermeisters – Themen und Beschlüsse, die für die Entwicklung der Gemeinde wichtig sind. Ich wünsche mir, hoffe, dass in der kommenden Periode jeder einzelne Gemeinderat seine Meinung äußert und sich voll und ganz in wichtige Themen einbringt. Fraktionsmeinungen oder sogar -zwänge haben aus meiner Sicht in einem Gremium mit 21 Stimmberechtigten nichts verloren. Demokratie braucht nicht nur Diskussionskultur und freie Meinungsäußerung, sondern auch Akzeptanz und Toleranz für Mehrheitsbeschlüsse.

Wie machen Sie jetzt Wahlkampf für die Stichwahl, wenn keine persönlichen Besuche, keine Infostände und Veranstaltungen mehr möglich sind?

Kalb: Facebook, Flyer, Plakate, Telefonate, E-Mails. Wie schon letzten Sonntag im Interview mit der AZ betont, aber nicht vollständig wiedergegeben: Wir führen keinen Kampf, sondern wir wollen die Menschen in Dinkelscherben überzeugen.

Könnten Sie offenlegen, was die Kosten für Ihren Wahlkampf bislang waren oder voraussichtlich sind? Was davon bezahlen Sie aus der eigenen Tasche?

Kalb: Wir haben das perfekte Team bei UW14, jede und jeder gibt alles, was geht. Überzeugungsarbeit kann man nicht in einer Währung beschreiben, sondern nur mit einem „herzlichen Dankeschön allen Helfern und Unterstützern“ quittieren. Für Flyer, Plakate, Inserate und weitere Werbemittel fallen deutlich vierstellige Beträge an.

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation aufgrund des Coronavirus um?

Kalb: Ich bin seit letztem Montag im Heimoffice. Kein direkter Kontakt mit dem Rathaus und den Altenheimen. Ich bin in enger Verbindung mit den Mitarbeitern vor Ort, aber alles per Telefon, WhatsApp und E-Mail.

Ulrich Fahrner (CSU) im Interview

Warum sollten die Dinkelscherber sich in der Stichwahl für Sie als Bürgermeister entscheiden?

Ulrich Fahrner: Weil es vieles gibt, was entschieden angepackt, priorisiert und gemeinsam gemeistert werden muss. Beispielsweise muss das Konzept der Wasserversorgung sehr zeitnah neu überdacht werden: Drei beratende Fachleute befürworten völlig unterschiedliche Konzepte, deren Kosten sich um mehrere Millionen unterscheiden. Auch haben wir in Dinkelscherben ein Verkehrsproblem. Erwartete Kosten für die Umgehungsstraße und ihr Nutzen werden keine staatliche Bezuschussung rechtfertigen. Und aus eigener Kraft ist das nicht zu stemmen.

Ulrich Fahrner

Welche Begegnung, welche Situation hat Sie in den vergangenen Wochen im Wahlkampf in Dinkelscherben am meisten bewegt oder beeindruckt?

Ulrich Fahrner: Die persönlichen Begegnungen mit den Menschen in der Reichenau. Sehr gefreut hat mich der Entschluss der Freien Wähler, der SPD und den Grünen mich zu unterstützen. Als negative hab ich die teils sehr persönlichen Angriffe vonseiten der Unterstützer meines Mitbewerbers empfunden. Dafür gab es keine inhaltliche Grundlage und ich war und bin ein Mensch, der versöhnen statt spalten möchte. Die Wahlergebnisse vom 15. März haben deutlich gezeigt, dass sich eine Mehrheit einen Wechsel in der Gemeindepolitik wünscht. Ich stehe dafür, dass die Vereine nicht zu politischen Vorfeldorganisationen degradiert werden, denn das spaltet unseren Ort und gefährdet die Vereinsarbeit. Schockiert haben mich die Berichte, dass Rathausmitarbeiter zusammen mit den Briefwahlunterlagen Werbematerialien des Bürgermeisters verteilen. Sollte sich das bewahrheiten, ist für mich eine Grenze überschritten. Das hat mit einem fairem Wahlkampf nichts mehr zu tun.

Wie möchten Sie die Zusammenarbeit mit dem neuen Gemeinderat gestalten?

Ulrich Fahrner: Der neue Gemeinderat ist wesentlich bunter zusammengesetzt als der alte. Da gilt es noch mehr, die unterschiedlichen Meinungen anzuhören, abzuwägen, auszugleichen und einen Konsens zu finden. Es darf kein Von-oben-herab geben und die Sitzungen müssen besser vorbereitet werden, damit eine fundiertere Diskussionsgrundlage vorliegt. Nur auf der Basis ausreichender und verständlicher Informationen kann umfassend und sachorientiert diskutiert werden. Ich werde auf keinen Fall jeden Wortbeitrag der Gemeinderäte im Einzelnen kommentieren. Die Gemeinderatssitzung ist ein Forum der Diskussion und nicht der Belehrung. Das wünscht sich auch der Großteil der neuen Gemeinderäte, weswegen ich mittlerweile von den meisten Parteien und Wählerlisten unterstützt werde.

Wie machen Sie jetzt Wahlkampf für die Stichwahl, wenn keine persönlichen Besuche, keine Infostände und Veranstaltungen mehr möglich sind?

Ulrich Fahrner: Erstens über soziale Medien, zweitens mit Videos und Webseite und drittens durch Plakate und Inserate. Auch stehe ich stets zum persönlichen telefonischen Gespräch bereit. Ich habe meine Kontaktnummer offengelegt und alle, die noch Anregungen und Fragen haben, sind willkommene Gesprächspartner für mich.

Könnten Sie offenlegen, was die Kosten für Ihren Wahlkampf bislang waren oder voraussichtlich sind? Was bezahlen Sie aus der eigenen Tasche?

Ulrich Fahrner: Wir haben insgesamt für Bauzaunbanner, Plakate, Flyer und Anzeigen 5300 Euro ausgegeben. Anzeigen im Amtsblatt waren notwendig, da die politischen Gruppierungen keinen Bericht platzieren durften, der amtierende Bürgermeister hingegen wöchentlich seine Sicht der Dinge ganzseitig schildern konnte. Finanziert wird dies aus der Ortsverbandskasse, Spenden der Marktratskandidaten und mir selbst.

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation aufgrund des Coronavirus um?

Ulrich Fahrner: Da bin ich sehr umsichtig, da die Corona-Pandemie für die nächsten Monate eine ernste Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellt. Die empfohlenen und eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen der Bundes- und Staatsregierung sind sinnvoll und keineswegs Ausdruck einer Hysterie. Eine Zeit lang kann ich gut von zu Hause aus Kontakt zu meinen Mitarbeitern halten, was ich gegenwärtig meist praktiziere. Ich halte den erforderlichen Abstand zu anderen Menschen, vermeide Menschenansammlungen und nutze mehr das Telefon und digitale Medien. Meine Familie war ein weitsichtiger Einkäufer, sodass wir die letzten Tage entspannter angehen konnten.

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