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Musik

23.06.2020

The Seer: Corona crasht die Jubiläumsparty

Während der Coronakrise musste auch Augsburgs erfolgreichste Rockband The Seer zu Hause bleiben. Die Tour zum 30-jährigen Bestehen wollen Sänger und Gitarrist „Shook“, Schlagzeuger Michael Nigg, Keyboarder Peter Seipt, Bassist Jürgen Niels Möller und Multi-Instrumentalist Joe Corda (von links) aber auf jeden Fall nachholen.
Bild: The Seer

Keyboarder Peter Seipt und Schlagzeuger Michael Nigg sprechen über die aktuelle Situation und die vergangenen drei Jahrzehnte. Warum der Aufstieg der erfolgreichsten Augsburger Band nicht im Rock-Olymp geendet hat

Sie kommen aus Fischach, Diedorf, Rommelsried, Großaitingen und Stadtbergen und haben sich in über 1200 Konzerten schon mit Weltstars wie ZZ Top, The Who, den Scorpions oder zuletzt Schandmaul die Bretter, die die Welt bedeuten, geteilt und als Hauptakt in den angesagtesten Clubs gespielt. Mit über 150 000 verkauften Tonträgern, von denen die meisten in den Charts landeten, sind sie die erfolgreichste Augsburger Band überhaupt. In diesem Jahr hätten The Seer zu ihrem 30. Jubiläum mit einer Tour durchstarten wollen. 15 Konzerte waren geplant, davon am 15. und 16. Oktober auch zwei in Augsburg. Am 3. April wäre in Plauen der Auftakt der Jubiläumstour gewesen. Doch kurz vorher kam das Coronavirus und crashte die Party. Im Proberaum der Band in Ustersbach sprachen Bandgründer Peter Seipt und Schlagzeuger Michael Nigg über die aktuelle Situation und die letzten 30 Jahre.

Wie habt ihr den Ausbruch des Coronavirus erlebt? Da wurde ja der gesamten Musikbranche der Stecker gezogen.

Das stimmt. Wir waren mitten in den Vorbereitungen für die neue Show, hätten vielleicht noch drei, vier Proben zu absolvieren gehabt. Die ganzen CDs, die wir extra für dieses Jubiläum aufgelegt hatten, und das ganze Merchandising waren schon bestellt. Das war schon ziemlich bitter.

Das ist natürlich schrecklich. Aber ich glaube, dass es Künstler, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen, noch viel härter getroffen hat. Peter: Für uns hat es sich als positiv erwiesen, dass wir während der ganzen Zeit immer unseren normalen Berufen nachgegangen sind und das auch heute noch tun.

Was machen die Bandmitglieder denn im normalen Leben?

Mein Bruder Jürgen (Sänger und Gitarrist „Shook“, Anm. d. Red.) und Joe Corda (Geige, Mandoline, Gitarre) sind Lehrer, Jürgen Nils Möller (Bass) Maschinenbauingenieur und ich Krankenpfleger. Michael: Ich arbeite als Diplom-Kaufmann normalerweise einmal die Woche in Berlin. Aber die letzten Wochen war ich nur im Homeoffice.

Ihr habt also immer parallel zur Musikkarriere gearbeitet? Gab es da keine Probleme?

Manchmal schon. Ich kann mich erinnern, dass ich nach einem Konzert in Kiel nach Augsburg gefahren bin, meine Schicht im Klinikum angetreten habe und danach wieder zum nächsten Auftrittsort gefahren bin. Da habe ich halt dann mal drei Tage nicht geschlafen. Michael: Ich bin oft nach Auftritten am Samstag noch in der Nacht nach Hause gefahren, weil ich am Sonntag für den TSV Ustersbach Fußball spielen wollte. Wir kickten damals in der Bezirksliga. Irgendwann haben wir dann selber gemerkt, dass es nicht zu handeln ist. Außerdem hatte jeder eine Familie gegründet. Mittlerweile gibt es elf Band-Kinder. (Lacht.)

Das hat wohl dann auch den Ausschlag gegeben, dass es nicht zur ganz großen Karriere für The Seer gekommen ist, oder?

Das mag durchaus so sein. Wir haben in unserer Hochzeit Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre 80 bis 100 Konzerte im Jahr gespielt und hatten uns mit unserem tanzbaren, irisch angehauchten Folk-Sound, der durch Akkordeon, Geige und Mandoline einen ganz eigenen Stil hatte, vor allem als Vorband einen Namen gemacht. Dabei wollten wir es eigentlich so dosieren, dass es nicht in Stress ausartet. (Lacht.) Michael: Als wir 1995 dann vom Album „Across the Border“, das heuer das 25. Jubiläum feiert, 30 000 Stück verkauft hatten und einen Plattenvertrag unterschrieben hatten, ist die Drucksituation immer größer geworden. Peter: Der Erfolg war nicht geplant. Erst im fünften Jahr unseres Bestehens haben wir das erste Album gemacht. Alles andere hat sich dann einfach so ergeben. Michael: Wir hatten aber in all den Jahren nie das Gefühl, dass wir es nicht geschafft haben. Im Gegenteil: Wir sind dankbar, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und das alles miterleben durften. Wir sind nach wie vor geerdet und haben nie Luftschlösser gebaut. Deshalb haben wir auch den Punkt gemeistert, an dem viele Bands zerbrochen sind. Peter: Stimmt. Wir haben – mit Ausnahme eines Albums – immer die Musik gemacht, die wir machen wollten. Und haben immer noch unseren Spaß zusammen. Michael und Peter: Wir bereuen nichts.

Was waren denn Auftritte, die euch im Gedächtnis geblieben sind?

Die MTV-Eröffnungsparty. MTV war damals brutal angesagt. (Nachdenkliche Pause) Wer weiß denn heute noch, was das ist? Peter: „Das Fest“ in Karlsruhe. Bei diesem Festival haben wir vor 40000 Menschen gespielt. Aber natürlich auch unsere Touren mit The Who oder ZZ Top und vielen anderen Stars. Da hatten wir oft ziemliches Muffensausen, bevor wir auf die Bühne sind. Am Ende haben die Leute dann nach einer Zugabe verlangt. Das kommt bei einer Vorband nicht so oft vor.

Michael, Sie haben ja sogar auf dem Album „Neapolis“ der weltbekannten Band Simple Minds mitgewirkt. Wie kam es dazu?

Denen ist kurzfristig der Schlagzeuger abgesprungen. Da hat unser gemeinsamer Produzent Peter Walsh, mit dem wir heute noch eng befreundet sind, mich vorgeschlagen. Ich war Student und hatte Zeit, und so bin ich für vier Wochen nach Schottland geflogen. (Lacht.) Das war einfach unglaublich. Plötzlich war ich nicht mehr der Fan, sondern ein Teil der Band. Ich, der Fischacher Bub, durfte mit meinen Helden spielen. Wahnsinn!

Wie lief es für euch während der Corona-Krise und der Ausgangsbeschränkungen?

Wir haben uns tatsächlich seit dieser Zeit nicht mehr gesehen. Jeder hat sich daheim fit gehalten und für sich geübt. Ich habe die Zeit zum Komponieren und Schreiben genutzt. Online waren wir natürlich eng in Kontakt. Mein Bruder war dabei aufgrund der schlechten Internetverbindung in Rommelsried immer ein paar Sekunden hinterher. (Lacht.) Hier auf dem Land hat man die Corona-Zeit aber gut aushalten können. In einer engen Stadtwohnung stelle ich mir das schlimmer vor.

Im Autokino zu spielen oder per Streaming im Internet – das ist nichts für euch, oder?

Wir haben überlegt, ob wir auch so einen Corona-Song machen sollen. Aber wir sind da eher Old School. Wenn, dann live und zu fünft.

Stichwort „zu fünft“ – ihr seid jetzt in dieser Besetzung seit 30 Jahren zusammen. Versteht ihr euch immer noch?

Absolut. Wir waren zwar nie so eng aufeinander, sind nie gemeinsam in den Urlaub gefahren. Peter: Ein Grillfest und eine Weihnachtsfeier haben wir aber schon immer gemacht. Obwohl wir uns manchmal zu den Proben aufraffen mussten, war es dann aber immer lustig. Michael: Nach drei, vier Wochen Corona-Pause haben wir jetzt schon gemerkt, dass es höchste Zeit wird, dass wir uns wieder einmal sehen.

Ihr habt euch zuletzt nicht nur wegen Corona rar gemacht. Wie geht es jetzt mit The Seer weiter?

Nachdem unser Bassist Jürgen Nils Möller eine sechsmonatige Wanderung durch Neuseeland absolviert hat, konnten wir uns in Ruhe auf die Tour 2020 vorbereiten. Dass dann Corona kommt, damit hat niemand gerechnet. Michael: Aber die geplanten 15 Konzerte werden definitiv stattfinden. Wann auch immer. Die beiden Heimspiele im Spectrum sind übrigens noch nicht endgültig abgesagt. Das wird sich in den nächsten Wochen entschieden. Peter: Was uns sehr freut, ist die Tatsache, dass im Februar schon die Hälfte der Karten verkauft war und bisher nur ganz wenige zurückgegeben worden sind. Das ist sehr loyal. Michael: Wir werden allerdings erst spielen, wenn es Sinn macht. Wenn, dann gescheit!

Weitere Infos, Musik, Videos unter www.theseer.de

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