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04.04.2018

40.000 Tiere und mehr: Der Streit um Ställe, die immer größer werden

Im Stall von Reinhard Herb haben theoretisch knapp 40.000 Hähnchen Platz. Auf unserem Bild sind sie erst vier Tage alt.
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Im Stall von Reinhard Herb haben theoretisch knapp 40.000 Hähnchen Platz. Auf unserem Bild sind sie erst vier Tage alt.
Bild: Michael Hochgemuth

Plant ein Landwirt einen Stall, ist der Frieden im Dorf dahin - erst recht bei 40.000 Hähnchen. Über erboste Bürger und die Frage, was das Landleben ausmacht.

Reinhard Herb blickt durch das Fenster in den Stall. Drinnen ein großes, gelbes Wuseln, ein ständiges „Biep, Biep, Biep“, das durch die Luft schwirrt. 32.000 Küken, vier Tage alt, jedes 95 Gramm leicht. „Die haben es doch gut“, sagt Herb und erklärt, wie die Hähnchenmast abläuft. Dass durch das Gestänge das Futter in die kleinen Rondelle läuft, um die sich die Küken scharen. Dass Wasser aus den Leitungen kommt, sobald die Tiere sie mit dem Schnabel berühren. Dass die großen blauen Kästen, die an der Decke hängen, 32 Grad warme Luft in den Raum blasen. „Vollklimatisiert ist das hier, das ganze Jahr über“, sagt der Landwirt.

Und doch weiß der 64-Jährige, dass die Leute wenig begeistert sind über Ställe in dieser Größenordnung – 100 Meter breit, 20 Meter lang, genehmigt für 40.000 Hähnchen. Als Herb seine Pläne vor sieben Jahren vorlegte, „da hab ich schon gewusst, was passiert“. Da war es: verärgerte Bürger, hitzige Diskussionen, eine Liste mit 450 Unterschriften, die die Bürger aus Wollomoos vorlegten. Herb zeigt hinüber zum Nachbarort. 700 Meter beträgt der Abstand, gut einen Kilometer ist es nach Sielenbach bei Aichach, wo der Bauer wohnt. Herb schließt die Stalltür zu, saugt die Frühlingsluft ein und sagt: „Mal ehrlich, riechen Sie was?“

Ist das ein großer Stall? Einer, der die Landschaft verschandelt. Reinhard Herb hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen, als er ihn 2011 geplant hat.
Bild: Michael Hochgemuth

Es geht um Keimbelastung, Lärm, Gestank und Gülle

Gut möglich, dass das im Nachhinein gar keine große Rolle mehr spielt. Denn vielerorts ist es doch so: Plant ein Landwirt einen neuen Stall, ist der Frieden im Dorf dahin. Bei den Bedenken der Anwohner geht es um Keimbelastung in Luft und Wasser, um Geruch, Lärm und große Maschinen, um Gülle und Mist. Manche fürchten um ihre Gesundheit, andere um ihre Lebensqualität oder um den Wert ihrer Immobilie. Aufgeregte Diskussionen sind die Folge, Bürgerinitiativen bilden sich, Klagen werden eingereicht.

40.000 Tiere und mehr: Der Streit um Ställe, die immer größer werden

Beispiele dafür gibt es in der Region genug. Die Proteste etwa gegen einen Hähnchenmaststall in Ziertheim im Kreis Dillingen. Oder im Kreis Aichach-Friedberg: Da war der Streit um „die Sau in der Au“ – ein von drei Landwirten in der Friedberger Au geplanter Aussiedlerhof, gegen den Anwohner und Stadt mit Macht vorgingen; sie unterlagen schließlich vor Gericht. Oder die Diskussionen um einen Schweinestall bei Hörmannsberg. Vor acht Jahren hat Landwirt Michael Leberle begonnen, das Projekt zu planen. Es folgten Protestaktionen, eine Bürgerinitiative, die Gemeinde zog bis vor den Verwaltungsgerichtshof. Ohne Erfolg. Seit einem Jahr nun hat Leberle die Genehmigung, gebaut hat er bislang nicht. „Ich überlege, ob ich das überhaupt noch mache“, sagt er.

„Die Schweine sind an allem schuld“, titelte die Bild-Zeitung damals

Reinhard Herb hat das hinter sich. Er hat den Hähnchenmaststall durchgesetzt. Und fast 20 Jahre zuvor am Ortsrand einen Stall für 700 Schweine gebaut – gegen den Widerstand vieler Sielenbacher. „Man kann gar nicht beschreiben, was damals los war“, sagt Herb und schlägt daheim am Küchentisch den Ordner auf, in dem er die Artikel gesammelt hat. „Sielenbach von Schweineställen eingekreist“ stand da, „Feldzug gegen Schweinemast“ und, wie die Bild-Zeitung schrieb, „Ein Dorf im Streit – Die Schweine sind an allem schuld“. Was Herb vor allem gestört hat, ist, dass in solchen Fällen nicht sachlich diskutiert wird. „Diese Stimmungsmache ist das Schlimme, die Vorurteile.“ Herb hat erlebt, wie das ist. „Über Nacht hat man keinen einzigen Freund mehr.“ Sobald das Gebäude stand, sagt er, gab es keine Beschwerden mehr.

Herb hat seinen Stall 1997 auf 1500 Schweine erweitert. In den Jahren danach sind immer mehr Ställe in dieser Größenordnung entstanden. Das hat auch mit dem Strukturwandel zu tun. Um die 90.000 landwirtschaftliche Betriebe zählte man zuletzt in Bayern – nur noch ein Viertel dessen, was es 1960 im Freistaat gab. Was das heißt, lässt sich auch in Sielenbach beobachten. Herb steuert sein Auto durch das 1500-Einwohner-Dorf und zeigt nach links und rechts. „Der hier hat aufgehört, der auch“, sagt er und deutet auf frühere Hofstellen. „Der Stall hier steht leer, die haben auch aufgehört.“ Herb, zugleich Kreisbauer in Aichach-Friedberg, schüttelt kaum merklich den Kopf, dann deutet er auf ein Anwesen. „Das ist der einzige Bauer im Ort, der noch Kühe hat.“

Reinhard Herb in seinem Hähnchenmaststall.
Bild: Michael Hochgemuth

Im Unterallgäu gibt es drei Betriebe mit mehr als 500 Kühen

Die Landwirte, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, so die Argumentation, müssen wachsen. Wer vergrößern will, tut das – auch aufgrund immer höherer Auflagen – außerhalb der Dörfer. All das hat Folgen: In bayerischen Ställen standen zuletzt 3,3 Millionen Schweine, etwa so viele wie 1960. Doch während damals ein Erzeuger im Schnitt acht Tiere hielt, sind es inzwischen mehr als 600. Zugleich ist die Zahl der Landwirte, die 1000 Schweine und mehr halten, deutlich gestiegen. Selbst die kleinteilig strukturierte Milchviehwirtschaft wandelt sich: In Bayern gibt es vier Betriebe mit mehr als 500 Kühen, drei davon im Unterallgäu. Auch das wirkt sich in der Statistik aus: Während der durchschnittliche Milchviehhalter im Freistaat zuletzt 38 Kühe zählte, sind es im Unterallgäu im Schnitt 52 – so viele wie nirgends sonst.

52 Kühe – ist das schon ein großer Betrieb? Generell: Wann ist ein Stall groß? Walter Heidl mag diese Fragen nicht, ebenso wenig wie den Begriff der Massentierhaltung. „Entscheidend ist nicht die Zahl der Tiere in einem Stall, sondern die Art und Weise der Haltung“, sagt der bayerische Bauernpräsident. Kritiker lädt er ein, sich ein Bild zu machen–von einem alten,kleinen Stall, „so einem finsteren Loch“, und diesen mit einem hellen, warmen, modernen Stall zu vergleichen. „Und dann entscheiden Sie, wo Sie Tier sein wollen!“, poltert er dann. Reinhard Herb, der Hähnchenmäster aus Sielenbach, sagt: „Jeder neu gebaute Stall bedeutet mehr Tierwohl.“

Ein Hähnchenmaststall für 145.000 Tiere - ist das noch bäuerliche Landwirtschaft?

Und doch bleiben da jede Menge Einwände. Gerade, wenn von „Megaställen“ die Rede ist. Die Heinrich-Böll-Stiftung, die den „Fleischatlas“ herausgibt, verortet diese vor allem in Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Doch es könnte sie bald auch in Bayern geben. Im oberbayerischen Eschelbach bei Wolnzach etwa, einem Dorf mit 300 Einwohnern, will ein Landwirt seine Hähnchenmast erweitern – von derzeit 40.000 auf dann 145.000 Plätze. Geht man von 7,5 Mastzyklen im Jahr aus, könnte der Landwirt eine Million Hähnchen im Jahr zur Schlachtreife bringen. Es wäre die größte Mastanlage in Bayern. Das Landratsamt hat das Projekt genehmigt, es gebe „keinen Ermessensspielraum“, heißt es. Der Bund Naturschutz will es verhindern und hat Klage gegen die Baugenehmigung eingereicht. Agrarreferentin Marion Ruppaner sagt: „Wir lehnen solche Massentierhaltungen entschieden ab. Das hat mit bäuerlicher Landwirtschaft nichts mehr zu tun.“

Was Eberhard Scheuffele in Baindlkirch unweit von Friedberg geplant hatte, hatte eine andere Dimension. Der Landwirt sitzt in seinem Büro und wägt seine Worte genau ab. Zu viel ist in den letzten Jahren passiert, zu schnell könnten die Emotionen wieder hochkochen. Der 51-Jährige erzählt von seinem Nebenerwerbsbetrieb, von den 60 Bullen, die in seinem Stall stehen, mitten im Dorf. „Ich hab hier noch nie ein Problem mit dem Geruch gehabt.“ 2011 dann wollte er einen Hähnchenmaststall bauen für 39.500 Tiere. Die Handzettel der neu gegründeten Bürgerinitiative ließen nicht lange auf sich warten. „Nicht mit uns!“ war da zu lesen, dazu Bilder von verendeten Hähnchen und Schlagworte wie „Geruchsbelästigung, Verkehrslärm, Gesundheitsgefährdung, Verschandelung der Landschaft, Verlust von Lebens- und Wohnqualität, Wertverlust von Immobilien“. Scheuffele schüttelt den Kopf über die „Handvoll Leute“. „Die da so laut schreien, die kennen kein Dorfleben“, sagt er. „Das ist doch alles Populismus.“

Die Menschen schätzen die Ruhe und die Natur - aber nicht die Bauern

Ingo Lanius sieht das anders. Er sitzt für „Lebensqualität Ried“ im Gemeinderat. Die Organisation ist aus der Bürgerinitiative hervorgegangen. Er sagt: „Wir haben hier nicht mehr das klassische Dorf.“ Die Bürger in Baindlkirch schätzten die Ruhe, die Natur, die hohe Wohnqualität, die gute Anbindung nach Augsburg und München, zudem die günstigen Grundstückpreise. Aber was heißt das für das Dorf? Und für die Bauern, die hier wirtschaften? Lanius sagt: „Die landwirtschaftliche Privilegierung passt nicht mehr in die heutige Zeit.“

Bislang sieht das Baugesetzbuch vor, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb grundsätzlich Baurecht im Außenbereich hat – ohne dass dafür ein Bebauungsplan notwendig wäre. Eine Genehmigung ist trotzdem nötig, die Auflagen sind umfangreich, etwa in Bezug auf Abstandsregeln oder Auswirkungen auf Boden, Wasser und Luft. 2016 forderte die damalige Bauministerin Barbara Hendricks, dass Ställe ab einer bestimmten Größe von den Kommunen genehmigt werden müssen. So weit kam es allerdings nicht.

Bei der Landesanstalt für Landwirtschaft ist man froh darüber. Das Institut hat einen Leitfaden für Stallneubauten entwickelt und geht dabei auch auf die Probleme ein, mit denen Antragsteller rechnen müssen. „Es kommt immer häufiger zu kritischen Situationen“, sagt Experte Stefan Neser. Er spricht vom Floriansprinzip. Schließlich wollten die meisten Menschen Fleisch essen, die Ställe sollten „aber bitte nicht in meiner näheren Umgebung stehen“. Selbst auf dem Dorf, sagt er, hätten sich viele von der Landwirtschaft entfernt. Er rät Bauern, die einen Stall planen, genau zu prüfen, ob der Standort genehmigungsfähig ist – und dann in eine offene Kommunikation mit den Bürgern zu treten.

Jeder Deutsche isst im Schnitt zwölf Kilo Geflügel im Jahr

Eberhard Scheuffele weiß, wie kompliziert eine Baugenehmigung sein kann. 13 Ordner hat er damals beim Landratsamt abgegeben. Die Gegner wollten das Projekt mithilfe eines Bürgerbegehrens verbieten, scheiterten aber vor Gericht. Scheuffele hat angeboten, an einem anderen Standort zu bauen, weiter entfernt vom Dorf. Nun soll es ohnehin anders kommen. Scheuffele zeigt auf den Plan, der in seinem Büro hängt – ein kleinerer Stall, ausgelegt für 11.600 Hähnchen, inklusive Außenbereich und höherer Tierwohl-Standards. Es ist nicht nur der Protest, der den Landwirt zum Umdenken gebracht hat. „Die Tiere haben es besser in diesem Stall.“

20 Kilometer nördlich steht Reinhard Herb wieder vor seinem Stall und spricht über die Tierwohlstandards, die er in seinem Stall erfüllt und über das, was er das „Fleisch der Zukunft“ nennt. Im Schnitt isst jeder Deutsche mehr als zwölf Kilo Geflügel im Jahr – so viel wie nie, während der Fleischkonsum insgesamt zurückgeht. „Aber die Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was Landwirtschaft ist“, sagt Herb. Weil es nicht machbar sei, die Tiere auf dem Hof laufen zu lassen. Hinzu komme, dass viele keine Vorstellung davon hätten, wie die Hähnchen in den Ställen gehalten werden. „Was die Leute abschreckt, ist die schiere Zahl der Tiere.“

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