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Corona-Krise

30.12.2020

Krankenschwester, Gastronom, Oma: Zwölf Schicksale im Corona-Jahr

Geschäfte geschlossen und Maskenpflicht: Das Jahr 2020 wurde durch Corona geprägt. Zwölf Menschen berichten von ihrem ganz persönlichen Corona-Jahr.
Bild: Michael Eichhammer, dpa

Plus Was für ein Jahr: Das Coronavirus hat unseren Alltag infiziert, bestimmt, verändert. Wir haben Menschen aus der Region gefragt: "Was hat das Corona-Jahr mit Ihnen gemacht?"

Es ist ein Jahr, das in die Geschichte eingehen wird. Ein Virus legt die gesamte Welt lahm. Alltagsmasken, Lockdown und Kontaktbeschränkungen sind die neue Normalität und jeder einzelne Mensch ist von der Corona-Pandemie betroffen - die einen stärker, andere weniger. Wir lassen zwölf Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Wort kommen, was dieses Jahr mit ihnen gemacht hat. Die Oma, die Weihnachten alleine verbringen musste; die Krankenschwester, die am Limit und darüber hinaus arbeitete; der Sänger, dem seine Einkünfte wegbrachen. Das sind ihre Geschichten im Wortlaut.

Die Krankenschwester, 37, aus Aichach: "Das emotionalste Jahr meiner Laufbahn"

Eva Stoll, 37, ist Intensivkrankenschwester im Krankenhaus Aichach.
Bild: Stoll

Für mich war 2020 das bislang emotionalste Jahr meiner beruflichen Laufbahn. Noch nie hat mich die Arbeit in der Intensivstation auch persönlich so berührt. Es ist in diesen Zeiten fast unmöglich, nach der Arbeit abzuschalten. Fast jeden Abend stelle ich mir die Frage, wie es am nächsten Tag wohl weiter geht, wie viele freie Betten wir noch haben, wie es den Patienten geht.

Gerade für Covid-19-Patienten, die keinen Besuch empfangen dürfen, sind wir, also das medizinische Personal, manchmal über Tage hinweg die einzigen Ansprechpartner, man baut eine Beziehung auf. Das ist schön und belastend zugleich. Denn viele von ihnen haben Angst. Todesangst. Angst davor, nicht mehr aufzuwachen, wenn wir ihnen sagen müssen, dass wir sie ins Koma legen, um sie zu beatmen. Sie schauen uns an und bitten uns, alles dafür zu tun, dass sie weiterleben dürfen. Wir tun alles. Nur leider können wir trotzdem nicht jedem helfen. Das verfolgt einen monatelang.

Diese emotionale Betroffenheit ist noch belastender als die vielen Überstunden, die wir seit Monaten schieben. Noch belastender als die Arbeit in Schutzkleidung, in der man schon nach zehn Minuten von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt ist. Wir arbeiten an den Grenzen unserer Belastbarkeit und darüber hinaus. Das funktioniert, weil wir ein super Team sind, wir uns gegenseitig unterstützen und helfen. Nur gemeinsam stehen wir das durch. Aber irgendwann sind auch unsere Kräfte am Ende. Ich hoffe, dass wir die Pandemie mit den Impfungen besser unter Kontrolle bekommen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Impfbereitschaft bei vielen Menschen noch nicht sehr hoch ist. Sie sollten wissen, dass sie es nicht nur für sich tun. Sondern vor allem auch für andere.

Die Pfarrer aus dem Ries über das Corona-Jahr: "Seelsorge am Telefon ist möglich"

Katharina und Heiko Seeburg, 34 und 33, evangelische Pfarrer im Ries.
Bild: Seeburg

Egal ob Corona oder nicht: Kinder werden geboren, Liebende wollen heiraten, Menschen sterben – und am Sonntag läuten die Kirchenglocken. Für einen evangelischen Pfarrer, eine evangelische Pfarrerin kann sich doch gar nicht so viel ändern, könnte man meinen.

Die Wahrheit ist: Auch wir haben Corona ganz schön gespürt. Das Gottesdienstverbot über Ostern war ein herber Schlag, der erst vergessen war, als wir anders als bisher zu arbeiten begannen: Wäscheleinen in den Kirchen mit Andachts- und Mutmachtexten, Gottesdienste ausgedruckt zum Mitnehmen, Predigtpodcasts und Freiluftgottesdienste. Was aus der Not geboren war, hat irgendwann richtig Freude gemacht. Auch weil die Rückmeldungen so positiv waren und es bis heute sind. Und weil sich so viele Menschen ehrenamtlich engagieren. Gottes Geist war da richtig erlebbar!

Sich um die Menschen zu kümmern, die uns besonders brauchten, war und ist schwer. Seelsorge am Telefon oder über den Gartenzaun ist möglich, aber wir hatten oft das Gefühl, dass viele Menschen mehr gebraucht hätten. Besonders betroffen haben uns die Beerdigungsfeiern im April gemacht: nur zehn Leute auf dem Friedhof, inklusive Pfarrer und Bestatter. Und wenn dann noch jemand mit Corona verstorben ist, durften sich nicht mal die nächsten Verwandten richtig verabschieden. Da war es für uns schwieriger, Trost zu spenden als sonst.

Mitgelitten haben wir auch mit unseren Konfirmanden, Brautpaaren und Tauffamilien, die sich immer wieder neu mit der Frage „Absagen oder Durchziehen?“ quälen mussten.

Es war ein extrem anstrengendes Jahr. Aber auch eins mit guter kollegialer Zusammenarbeit – und es war voller Ideen, von denen wir einige nach Corona weiterführen.

Wir haben einen 21-Jährigen gefragt, was ihn dazu bewegt, Priester zu werden. Hören Sie sich das Gespräch hier an:

Die Schülerin, 13, aus dem Kreis Landsberg: "Am Anfang fand ich es cool"

Leonie Baader, 13, geht in die achte Klasse.
Bild: Baader

Am Anfang fand ich es noch cool, als die Schulen im Frühjahr zugemacht haben. Aber das hat sich schnell geändert. Ich konnte mich nicht mit meinen Freunden treffen und wir haben viele Aufgaben für zu Hause bekommen. Ich hatte zwar meine Eltern, aber wenn der Lehrer etwas erklärt, ist alles einfacher – vor allem, wenn es um ein neues Thema geht.

Am Anfang fiel mir das Lernen schwerer als in normalen Schuljahren, aber mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt. Meine Noten sind sogar besser als letztes Jahr! Und beim zweiten Lockdown jetzt im Winter hat der Unterricht übers Internet auch besser funktioniert. Was alles über die Schulen gesprochen wurde, habe ich schon ein bisschen mitverfolgt. Unser Lehrer hat Zeitungsausschnitte mitgebracht und uns immer wieder darüber informiert, worüber gerade diskutiert wird.

Im Herbst sind die Corona-Zahlen ja wieder überall angestiegen. Ich hatte zwar keine Angst, weiter in die Schule zu gehen, aber ich habe es trotzdem nicht richtig verstanden. Zu Hause darf man sich nicht treffen, aber im Klassenraum sitzen 30 Schüler? Das fand ich unlogisch.

Aber ich kann verstehen, dass viele Dinge jetzt verboten sind – auch wenn das heißt, dass ich nicht mehr mit meinen Freunden nach München fahren kann, was wir sonst immer gern gemacht haben. Besser jetzt noch mal alles zumachen, als dann später noch zehntausendmal, weil die Leute nicht aufpassen.

Wie trifft die Corona-Krise Jugendliche? Hören Sie sich dazu unseren Podcast von Juni 2020 aus der Reihe "Augsburg, meine Stadt" an:

Schön fand ich an diesem seltsamen Jahr, dass ich meinen Geburtstag Anfang Oktober noch feiern konnte, auch mit meinen Freunden. Für nach den Ferien wünsche ich mir, dass wir wieder in die Schule dürfen. Da ist es einfach geordneter und leichter zu lernen.

Der Profi-Fußballer über Corona: "Angst ist nicht der richtige Umgang"

Florian Niederlechner spielt seit 2019 für den FC Augsburg.
Bild: Tom Weller, dpa

Die Corona-Epidemie hat natürlich auch auf mein Leben wahnsinnigen Einfluss genommen, wie bei jedem anderen auch. So musste ich meine Hochzeit im Juli verschieben und auch mein 30. Geburtstag wurde nur im kleinen Kreis gefeiert, also ganz anders als geplant.

Natürlich halte ich mich auch im Privaten an alle Vorgaben. Wir sehen kaum noch Freunde, und was ich am meisten vermisse, sind offene Cafés und Restaurants. Ich gehe einfach wahnsinnig gerne mit meinen Freunden mal einen Kaffee trinken oder gerade nach den Spielen zum Abendessen. Das fällt jetzt natürlich alles weg. Und die Restaurants leiden extrem stark unter dieser Krise, auch wenn sie alles dafür getan haben, die Hygienevorschriften zu erfüllen.

Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast mit Florian Niederlechner von September 2020 an:

Das Virus hat natürlich auch mein Sportjahr beeinflusst. Ich hätte nach der letzten Saison vielleicht die Riesenchance gehabt, mit der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei zu sein. Aber die wurden ja verschoben. Ich weiß nicht, ob ich diese Chancen noch einmal bekomme. Ich kann Menschen verstehen, die Angst vor dem Virus haben. Das habe ich nicht, weil ich einfach ein positiv denkender Mensch bin.

Vielleicht liegt es auch daran, dass in meinem Bekanntenkreis bisher niemand schwer an Covid-19 erkrankt ist. Mein Bruder und meine Schwägerin hatten Corona, aber bei ihnen waren die Symptome nur grippeähnlich. Gott sei Dank. Angst ist für mich auch nicht der richtige Umgang mit dem Virus. Wir dürfen nicht in Panik verfallen. Ich setze große Hoffnungen auf die neu entwickelten Impfstoffe. Durch sie sehe ich jetzt auch Licht am Ende des Tunnels, sodass hoffentlich auch wieder Zuschauer zu unseren Spielen kommen dürfen.

Die Oma, 73, aus Kempten über Corona und Weihnachten: "Ganz krass war Heiligabend allein"

Marina Zeller, 73, aus Kempten hat drei Söhne und sechs Enkel.
Bild: Ralf Lienert

Zu Beginn des Jahres war alles noch weit weg. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Corona in Kempten groß ein Thema wird. Dann kamen Maskenpflicht und Reise-Einschränkungen. Wir durften nicht mehr nach Südtirol, wie sonst mehrmals im Jahr. Wir mussten Begriffe lernen wie „Inzidenzwert“, „Homeschooling“, „Lockdown“. Da ich Vorerkrankungen habe, musste ich mich dazu durchringen, meine Enkel nicht mehr zu betreuen, die ich sonst mit großer Freude jede Woche treffe. Allabendlich ein Vorlesen per Videoanruf ist nur ein schwacher Trost.

Zu normalen Zeiten pflege ich mein Hobby: Vierhändig Klavier spielen. Eine Freundin und ich gestalten gerne mit einer Kollegin, die passende Texte vorträgt, musikalisch-literarische Nachmittage in Seniorenheimen. Das war 2020 nicht möglich. Ganz krass wurde es dann, als mir klar wurde, dass ich den Heiligabend allein verbringen werde: eine Premiere. Mein ältester Sohn war als Bereitschaftsarzt im Krankenhaus eingeteilt, beim mittleren waren es zu viele Personen aus zu vielen Haushalten, und der jüngste konnte aus der Schweiz nicht einreisen.

Leider gibt es Menschen, die auf Demos ohne Mundschutz und Abstand Schilder hochhalten, deren Text sie oft selbst nicht richtig verstehen. Ich verneige mich vor dem medizinischen Personal, das Unmenschliches leistet. Auch Lehrer, Erzieher, Eltern und Schüler verdienen meinen Respekt – und Künstler, Gastronomen, Kinobetreiber, Blumenhändler, Friseure und viele andere mein Mitgefühl. Mir selbst ist mein Garten eine Hilfe in diesen Zeiten. Ich war noch nie so viel in der Natur. Es wird noch viel Geduld brauchen, bis wir alle wieder ein halbwegs normales Leben führen können.

Das Gastronom, 38, aus Aichach über das Corona-Jahr: "Das Jahr hat auch Spaß gemacht"

Markus Finkenzeller ist 38 Jahre alt und Inhaber des Central in Aichach.
Bild: Finkenzeller

Es klingt komisch, aber als Gastronom hat dieses Jahr auch Spaß gemacht. Ich betreibe seit 2010 mit meiner Schwester Sabine das Café und Restaurant Central in Aichach am Stadtplatz. Es war heuer eine Herausforderung, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen. Ich musste viel nachlesen und schnell Lösungen finden.

Im März zu schließen war ungewohnt. Wir haben sonst 365 Tage im Jahr offen. Aber auch während des ersten Lockdowns hat es immer etwas zu essen gegeben. Wir haben noch vor der Schließung einen Abhol- und Lieferservice aufgebaut. Die Mitnahmeboxen dafür hatten wir Anfang März gekauft, als in der Gastro-Szene über erste Umstellungen berichtet wurde. Der ganze Keller des Restaurants war voll mit Behältern.

Wie trifft die Corona-Krise die Gastronomie? Hören Sie sich dazu unseren Podcast von Juni 2020 aus der Reihe "Augsburg, meine Stadt" an:

Durch den Liefer- und Abholservice haben wir es geschafft, den Umsatzverlust bei 20 Prozent zu halten. Wir mussten keinen unserer 43 Mitarbeiter entlassen. Das Kurzarbeitergeld hat uns dabei geholfen. Als wir wieder öffnen durften, habe ich mich geärgert, dass die Vorschriften der Staatsregierung erst freitags veröffentlicht wurden. Am Montag ging es wieder los.

Wegen der vielen Vorschriften, und weil sie sich schnell ändern, habe ich immer wieder im Staatsministerium angerufen. Beispielsweise war unklar, ob Glasscheiben eine ausreichende Trennung darstellen und Gäste dadurch Rücken an Rücken sitzen können. Beantworten konnte diese Frage niemand, man müsse es drauf ankommen lassen.

Für das nächste Jahr macht mir Hoffnung, dass die Leute nach dem Lockdown wieder Lust haben, essen zu gehen. Wie dieses Jahr. 2021 wird für mich auch privat spannend. Ich werde erneut Vater. Meine Frau und ich erwarten Zwillinge.

Der Redakteur über Corona-Kritiker: "Mancher Kritiker hatte seine eigenen Fakten"

Daniel Wirsching schreibt für uns über Medienthemen.
Bild: Ulrich Wagner

2020 kann nicht schlimmer werden, dachte ich Ende 2019. Und 2019 war ja bereits herausfordernd. Es hatte Journalisten große „Nachrichtenlagen“ und Megathemen gebracht. Sowie eine weitere Polarisierung der öffentlichen Debatte. Für unsere Redaktion und für mich als Redakteur endete es mit einem Shitstorm ungekannten Ausmaßes – nach Artikeln über einen neurechten Influencer, der seine Follower auf uns hetzte. „Hass und Hetze“ waren meine „(Un-)Wörter 2019“.

Auch 2020 sind sie es. Plus: Corona-Kritiker, Corona-Leugner, Corona-Demo. Die Pandemie wurde zum Gigathema, aber die Megathemen (Klimawandel, Flüchtlingspolitik) blieben, erweitert um die US-Wahl. Die Dauerthemen blieben ebenfalls: Rechts- und Linksextremismus, Islamismus, sogar der Rundfunkbeitrag. Und es blieben Hass und Hetze. Was für ein Jahr!

Unter anderem für mich bedeutete dies, dass ich nicht nur über einiges zu berichten hatte, sondern auch attackiert wurde (zum Glück nicht physisch) – als Vertreter der angeblichen „Lügenpresse“. Spurlos ist das an mir nicht vorübergegangen. Doch was folgt aus all dem?

Im Oktober suchte unsere Redaktion das Gespräch mit Corona-Kritikern. Es war ein freundliches Gespräch, in dem wir unsere Arbeit erklärten – zum Beispiel, dass wir Fakten prüfen und einordnen, bevor wir etwas veröffentlichen. Mancher Corona-Kritiker jedoch hatte seine „eigenen Fakten“ und glaubte lieber Verschwörungsmythen.

Was tun?, habe ich mich 2020 oft gefragt. Die Antwort, die ich mir gebe, klingt banal. Ist sie aber nicht, wenn man sie täglich mit Leben füllen muss: gesprächsbereit bleiben, (selbst-)kritisch bleiben, professionell bleiben. 2021 kann nur besser werden, denke ich.

Die Verkäuferin aus Donauwörth: "Ich habe nur Angst um die Wirtschaft"

Rosi Schneider betreibt die Boutique "Chez Rose" in Donauwörth.
Bild: Daniel Weigl

Das Jahr war sehr hart und kritisch – vor allem der Lockdown, da er für mich ein Berufsverbot bedeutet. Zum Glück habe ich langjährige und flexible Mitarbeiterinnen, das kommt mir im Moment sehr zugute. Es gibt zwar kleine Rücklagen, aber wenn die aufgebraucht sind, wird auch mir nichts anderes übrig bleiben, als den Laden zu schließen. Die Betriebskosten laufen ja weiter. Aber natürlich hoffe ich, niemanden entlassen zu müssen.

Glücklicherweise habe ich seit 31 Jahren liebe Stammkunden, die mich unterstützen und darin bestärken, weiterzumachen. Die Umsatzwoche vor Weihnachten hätten wir allerdings noch gut gebrauchen können. Für die nächsten Monate wünsche ich mir, dass die Hilfen schnell ausgezahlt werden, denn wir benötigen sie wirklich – wie schon im April. Das Geld ist direkt am nächsten Tag wieder in Rechnungen geflossen. Die Donauwörther Innenstadt blutet ohnehin aus, andere Läden schließen – die Situation ist traurig.

Wie ich den Beginn der Corona-Pandemie erlebt habe? So etwas war für uns alle Neuland. Ich bin ein Mensch, der viele Existenzängste hat, weil ich auf mich selbst gestellt bin. Vom ersten Tag an habe ich mir vorgenommen, keine Angst vor dem Virus zu haben. Ich habe nur Angst um die Wirtschaft. Deshalb müssen wir jetzt besonnen reagieren und uns gegenseitig schützen. Manche Maßnahmen sind jedoch nicht nachvollziehbar: Discounter verkaufen Pullis, Handschuhe und Strümpfe – und wir müssen schließen? Dabei haben wir im Einzelhandel und in der Gastronomie viel dazu beigetragen, dass die Konzepte stimmen. Trotzdem jammern wir immer noch auf hohem Niveau, aber ich hätte nicht gedacht, dass uns ein Virus alle so lahmlegt – die ganze Welt.

Der Bürgermeister aus Friedberg über Corona: "Ich freue mich über das Wir-Gefühl"

Roland Eichmann ist seit 2014 Friedberger Bürgermeister.
Bild: Ute Krogull

Als die erste Corona-Welle das Land im Frühjahr erfasst hat, bin ich gerade als Bürgermeister wiedergewählt worden. Das war schön, aber so richtig zum Feiern war mir nicht. Seitdem ist vieles in meinem Alltag ganz anders als vorher. Mir fehlen die Begegnungen, der persönliche, auch der körperliche Kontakt zur Begrüßung, ein Handschlag, eine Umarmung. Bei Kindern sagt man ja, Bindung entsteht durch Nähe. Und ich glaube, das gilt auch für Erwachsene. Darauf zu verzichten, tut schon weh.

Friedberg ist eine Stadt, die in dem Ruf steht, gerne zu feiern. Da entsteht dieser Kitt, der dann in einer schwierigen Situation alles zusammenhält. Aber in diesem Jahr gab es kein Volksfest, keinen Adventmarkt, keine Vereinsfeste. Auch wenn man sich als Politiker normalerweise vor Einladungen zu Weihnachtsfeiern kaum retten kann – so ganz ohne ist das eben auch nichts. Denn das sind die Gelegenheiten, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Heute freue ich mich umso mehr, wenn ich wenigstens auf der Straße Leute treffe. Ich habe das Gefühl, dass es den meisten Menschen ähnlich geht. Viele bleiben auf eine kurze Plauderei stehen, manche bitten mich aber auch um Hilfe. Die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus werden von einer großen Mehrheit mitgetragen. Aber es gibt natürlich auch immer wieder politische Entscheidungen, die zu vermeidbaren Schwierigkeiten führen. Da ist der Bürgermeister für viele Leute eben der Ansprechpartner.

Was mich sehr freut, ist der Zusammenhalt, der sich entwickelt hat. Dieses Wir-Gefühl, das Zusammenrücken, das im Frühjahr sehr stark war, jetzt aber immer noch da ist – auch wenn wir alle langsam genervt sind von der Situation.

Die Gesundheitsamts-Chefin aus Dillingen: "Die Arbeitszeiten sind belastend für alle"

Dr. Uta-Maria Kastner leitet das Gesundheitsamt Dillingen.
Bild: Marcus Merk

Wenige Wochen vor der Ausrufung des Katastrophenfalls hatten wir im Gesundheitsamt Dillingen bereits den Regelbetrieb eingestellt. Gutachten, Schuleingangsuntersuchungen, Beratungstermine und reguläre Hygienebegehungen konnten nicht mehr stattfinden. In zwei Dienstschichten arbeiteten wir während des Katastrophenfalls von 7 bis 19 Uhr und darüber hinaus, regelmäßig an sieben Tagen der Woche.

Wir erhielten sehr schnell personelle Unterstützung von anderen Dienststellen im Haus und von anderen Behörden. Nach und nach wurde das Contact-tracing-Team mit externen, überwiegend neuen Mitarbeitern aufgebaut und im ehemaligen Gebäude des Gesundheitsamtes einquartiert. Seit Juni erfolgt von hier aus die Kontaktpersonenverfolgung. Aber ohne mein Stammpersonal, das routiniert mit Meldefällen umgehen kann, und ohne das erfahrene Fachpersonal aus den Bereichen der Hygiene und Krankenpflege könnte die umfassende Beratung der Bürgerinnen und Bürger und der Einrichtungen der Pflege und der Schulen nicht stattfinden.

Die Arbeitszeiten sind belastend für alle. Am meisten belasten aber Anrufe und Beschwerden, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschimpfen lassen müssen. Einige Menschen wollen etwa nicht einsehen, dass sie selbst dann für zwei Wochen in Quarantäne müssten, wenn der Test negativ war. Aber die Erkrankung kann ja noch später ausbrechen. Und falls das der Fall ist, sollten sie keinen Kontakt zu anderen haben. Glücklicherweise sind aber die allermeisten Bürgerinnen und Bürger verständnisvoll, hören zu und lassen sich von uns in ihrer Ausnahmesituation beraten und fügen sich in die für alle schwierige Quarantäne und Isolation.

Der Opern-Tenor aus Augsburg: "Ich habe das Vertrauen ziemlich verloren"

Der Augsburger Gerhard Siegel ist ein gefragter Tenor.
Bild: Monika Rittershaus

Ich bin ängstlicher geworden, negativer, misstrauischer, hoffnungsloser. Ich habe das Vertrauen in die Menschheit ziemlich verloren. Der Beginn der Krise zeigte mir, dass man sich nicht auf jeden verlassen kann. Es hat sich berufsmäßig herausgestellt, auf wen man bauen kann – und auf wen nicht. Ich meine damit vor allem die Kulturpolitik als solche. Für mich hallt der Satz von Söder nach, dass für ihn ein Wochenende ohne Fußball ein verlorenes Wochenende sei. Und mir klingelt noch in den Ohren die Reaktion einzelner Opern-Intendanten, die sämtliche Betriebsrisiken aus den Gastverträgen auf die jeweiligen Gastsolisten abwälzten. Eigentlich wollte ich auswandern, aber es ist ja nirgendwo besser.

Perspektivlosigkeit ist das, was Corona mit mir gemacht hat. Ich habe auch schon überlegt, ob ich meinen Beruf aufgebe und etwas anderes mache, nämlich eine Schreinerlehre. Aber Theater und Singen ist für mich eben doch wichtiger, und ein bisschen beherrsche ich das ja auch. Wenn du deine Rücklagen aufgebraucht hast, die eigentlich für die Rente gedacht waren, dann beginnt das Konto in den fünfstelligen Minus-Bereich zu rutschen und es beginnt der Kampf ums Überleben.

Hören Sie sich dazu auch unsere Podcastfolge mit der Augsburger Band John Garner an:

Sollten die Theater spätestens im September 2021 wieder aufsperren, ist die Hoffnung auf einen einigermaßen normalen Wiedereinstieg in den Beruf gegeben. Bis dahin genieße ich wenigstens die vielen gemeinsamen Tage mit der Familie zu Hause – mein größtes Glück. Übrigens: Nach Monaten des Nichtsingens von Februar bis November war meine Stimme jetzt erstaunlich frisch und unglaublich gesund bei einer Aufnahme von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Paris. Ich sang wieder einmal den Mime, für Radio France.

Der Bestatter aus Ingolstadt über das Corona-Jahr: "Sterbefälle kann ich nicht mit heimnehmen"

Michael Männer ist seit 2001 Bestatter in Neuburg und Ingolstadt.
Bild: Männer

Für mich war es ein aufreibendes Jahr. Wir Bestatter sind an der Corona-Krise mit am nächsten dran, nach den Krankenhäusern. Unser Beruf lebt vom persönlichen Kontakt: Homeoffice ist nicht möglich, denn akut anvertraute Sterbefälle können wir nicht mit heimnehmen. Wenn Angehörige kommen, wollen sie einen Berater, der für sie da ist. Schon in normalen Zeiten ist der Tod eine Ausnahmesituation, doch mit Corona leidet die Trauerkultur.

Ein persönlicher Abschied in der Familie kann im Corona-Todesfall nicht so zelebriert werden wie sonst. In den Sterbeanzeigen dürfen Termine zur Trauerfeier nicht bekannt gegeben werden, damit sich nicht zu viele Menschen versammeln. Für das Unverständnis der Angehörigen sind wir erster Adressat, manchem Wunsch konnten wir trotz größter Bemühung nicht nachkommen. Dabei zeigt sich, wie aufgewühlt die Menschen sind. Für meine Mitarbeiter ist das eine enorme Belastung. Durch schnell wechselnde Regeln haben wir drastischen Mehraufwand. Sehr bedauerlich finde ich, dass wir Bestatter in der Corona-Krise nicht als systemrelevant gelten und keinen Zugriff auf Material bekommen. Im Frühjahr ist die Beschaffungskette für Hygieneartikel komplett eingebrochen, Desinfektionsmittel mussten wir selbst anmischen. Immerhin sind wir in der glücklichen Lage, im Gegensatz zu anderen nicht zusperren zu müssen.

Für 2021 wünsche ich mir weniger Panik in der Gesellschaft. Der Pandemie muss man mit Sorge begegnen. Natürlich stehen Menschenleben ganz vorn. Aber ich halte nichts davon, die Leute mit Angst vor der Krankheit zu schützen. Denn Angst ist das größte Gift in der Krise. Viren sind eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland – auch vor Corona schon.

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