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Kirche

14.01.2020

Vatikankenner: "Der Krieg der Päpste wird heißer"

Publizist Andreas Englisch hat Franziskus (links) und Benedikt aus der Nähe erlebt.
Bild: -/Vatican Media, dpa

Buchautor Andreas Englisch glaubt, dass Papst Franziskus den Zölibat lockern wird. Die neue Attacke seines Vorgängers Benedikt werde ihn nicht einschüchtern.

Arbeitet der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. gegen seinen Nachfolger Franziskus? Befördert er gar eine Spaltung der katholischen Kirche? Ein Buch, das die Autorennamen von Benedikt und Kurienkardinal Robert Sarah trägt und das an diesem Mittwoch in Frankreich erscheinen soll, hat zu einer weltweiten Debatte geführt. Am Dienstag distanzierte sich Benedikt von der Co-Autorschaft. Sein Privatsekretär Georg Gänswein sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, er habe auf Bitten des emeritierten Papstes Sarah gebeten, beim Verlag die Entfernung von Namen und Bild Benedikts vom Bucheinband zu veranlassen. Auch solle die Unterschrift Benedikts unter Einführung und Schlussfolgerungen gestrichen werden, weil er diese nicht mitverfasst habe. Sein namentlich gekennzeichneter Beitrag im Hauptteil sei allerdings „100 Prozent Benedikt“. Sarah bleibt bei seiner Darstellung, er habe für alle Texte des Buches das Einverständnis von Benedikt erhalten.

Ein Gespräch mit dem Vatikan-Kenner Andreas Englisch, dessen aktuelle Lesereise ihn an diesem Mittwoch nach Diedorf im Landkreis Augsburg führt.

Herr Englisch, wann haben Sie Papst Franziskus zum letzten Mal aus der Nähe erlebt?

Andreas Englisch: Am Mittwoch während seiner Generalaudienz.

Machte er den Eindruck, er werde bald zurücktreten? Darüber wird ja immer wieder spekuliert...

Englisch: Nein, er wird auf keinen Fall zurücktreten, niemals! Er tickt auch nicht so: Er versteht sich als Papst der Armen und Ärmsten auf dieser Welt. Diese haben aus seiner Sicht ein Recht darauf, dass er sich so lange wie möglich für sie einsetzt.

Andreas Englisch bei einem seiner Auftritte - hier im Allgäu.
Bild: Harald Holstein

Und er wird auch nicht zurücktreten, weil sich sein Vorgänger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., nun gegen ihn gestellt hat? Dieser warnt mit deutlichen Worten in einem neuen Buch vor einer Entwertung des Zölibats, also der priesterlichen Ehelosigkeit. „Ich kann nicht still bleiben!“, schrieb er.

Englisch: Diese neue Attacke gegen Franziskus von erzkonservativer Seite ist natürlich nicht lustig. Aber er hat sie, glaube ich, erwartet. Der Hintergrund ist ja dieser: Franziskus hat vor einigen Monaten die Amazonassynode einberufen. Dort wurde beschlossen, dass in Ausnahmefällen im Amazonasgebiet, in dem es wenige Priester auf einer riesigen Fläche gibt, der Zölibat aufgehoben werden kann. Benedikt XVI. also hat jetzt mit dem erzkonservativen Kardinal Robert Sarah in dem Buch geschrieben, dass das auf gar keinen Fall ginge. Damit wird der Krieg der beiden Päpste immer heißer.

Es ist bereits von Kirchenspaltung die Rede.

Englisch: Ich war im Herbst mit Papst Franziskus in Afrika. Und da hat er ganz offen wortwörtlich gesagt: „Ich habe keine Angst vor einer Kirchenspaltung.“ So etwas habe es in der Frühzeit der Kirche schon gegeben, dann gebe es eben eine mehr. Das hat mich umgehauen. Nein, er lässt sich nicht einschüchtern.

Benedikt XVI., der „bayerische Papst“, ist ein alter, gebrechlicher Mann. Ist er Treibender oder Getriebener, was die Kritik an Franziskus angeht?

Englisch: Er wird instrumentalisiert von gewissen Leuten, die Franziskus ins Unrecht setzen wollen. Und das wird immer mehr und immer drastischer. Es ist einfach nicht wahr, dass die Attacken gegen Franziskus von Benedikt selbst ausgehen. Er ist alt geworden, man kann ihn nur noch mit äußerster Mühe verstehen.

Wer instrumentalisiert ihn denn?

Englisch: Das sind Leute aus seiner unmittelbaren Umgebung. Sie sagen: Mit Benedikt haben wir doch einen Papst, noch dazu einen konservativen! Sie erkennen nicht an, dass er zurücktrat und eigentlich schweigen wollte. Sie glauben, Benedikt könnte sagen: Mein Nachfolger Franziskus ist nicht katholisch, und in diese Richtung geht ja der Vorstoß mit Robert Sarah – und dann hätten wir die Spaltung.

Sie sprachen von Benedikts unmittelbarer Umgebung. Meinen Sie damit seinen Privatsekretär Georg Gänswein?

Englisch: Dazu will ich hier lieber nichts sagen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Franziskus in einem nachsynodalen Schreiben den Zölibat tatsächlich aufweicht, indem er viri probati – bewährte, verheiratete Männer – im Amazonasgebiet erlaubt?

Englisch: Das wird er definitiv tun. Vermutlich kommt das Schreiben in ein paar Wochen. Franziskus wendet bei dem Thema einen Trick an. Ob Priester heiraten dürfen, entscheidet entweder der Papst persönlich oder ein Konzil, eine Vollversammlung der Bischöfe. Ein Machtwort scheut er jedoch und so ein Drittes Vatikanisches Konzil würde Jahrzehnte tagen. Also hat er mit der Amazonassynode eine Synode zu einem lokal begrenzten Gebiet einberufen – und schafft beim Zölibat eine erste große Ausnahme. Andere fragen nun: Wieso gibt es nicht auch bei uns Ausnahmen vom Zölibat? Akuten Priestermangel gibt es doch auch bei uns, ja auf der ganzen Welt!

Wir sprachen über einen Rücktritt von Franziskus. Denken Sie, er wird sich wie einst der sterbenskranke Johannes Paul II. regelrecht ans Amt klammern?

Englisch: Das ist eine gute Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Aber ich bin ja gut im Raten...

Sie haben den Rücktritt Benedikts XVI. vorhergesagt.

Englisch: Meine Spekulation wäre: So lange Franziskus denkt, er könne den Menschen beistehen, wird er nicht gehen – auch wenn er krank werden sollte. Auf der anderen Seite hat er ein unfassbares Arbeitspensum: Ich glaube, er wird einmal in seinen Stiefeln sterben.

Im Mai wäre Johannes Paul II., der 2005 mit 84 Jahren starb und der Vorgänger Benedikts war, 100 geworden. Sie hatten einen guten Draht zu ihm.

Englisch: Ich werde eines nie vergessen. Er hat immer erzählt, dass er als kleiner Junge auf den Fußballplatz im polnischen Wadowice geschleppt worden sei. Nicht, um mitzuspielen. Sondern weil er der zweite Torpfosten gewesen sei. Das Fußballtor war wochenlang kaputt.

Johannes Paul II. galt anfangs als Reformer – wie Franziskus heute. Was verbindet diese beiden Päpste?

Englisch: Beide sind in erster Linie Krieger, nicht Theologen. Johannes Paul II. wollte im Kalten Krieg und im gespaltenen Europa die Russen in die Knie zwingen. Er wollte um jeden Preis den Kommunismus besiegen. Und dass das gelang, daran hatte er einen maßgeblichen Anteil. Er sah das als Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Franziskus’ Krieg ist der gegen die Armut und die Auswüchse des Kapitalismus.

Zur Person: Andreas Englisch, 1963 im nordrhein-westfälischen Werl geboren, berichtete jahrelang für die „Bild“ über den Vatikan. Er hat mehrere Bücher über die letzten Päpste veröffentlicht und ist oft auf Lesereise unterwegs. So am Mittwochabend in Diedorf im Landkreis Augsburg. Die Veranstaltung im katholischen Pfarrheim ist allerdings bereits ausverkauft. Zudem ist Englisch häufig zu Gast in TV-Talkshows.

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