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31.12.2017

Als Silvester für einen Landsberger beinahe tödlich endete

So klein und doch so gefährlich: Der Sprengstoffexperte Jürgen Gust vom Landeskriminalamt hält während einer Pressekonferenz einen illegalen Böller in den Händen.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Mindestens 70 Menschen wurden 2017 in Bayern durch Feuerwerkskörper verletzt. Für einen Mann aus dem Landkreis Landsberg hatte sein Hobby lebensbedrohliche Folgen.

Böller hat er schon gebaut, als er noch ein Jugendlicher war. Jahr für Jahr tüftelte der junge Mann aus dem Landkreis Landsberg mit seinen Freunden an Rezepturen für immer bessere Silvesterkracher. Zutaten waren stets leicht zu bekommen, verrät der 23-Jährige: „Es gibt sie frei verkäuflich im Supermarkt.“ Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Um die Stoffe zu einem explosiven Gemisch zu vermischen, traf er sich mit drei Freunden in der Garage seiner Eltern in Schwabhausen bei Geltendorf.

Die vier jungen Leute wussten genau, worauf es ankommt. Lange hatten sie sich mit den Chemikalien beschäftigt, das Böllerbauen war ihr Hobby und für sie genauso wichtig wie die Kracher zum Jahreswechsel zu zünden. „Wir wussten, dass es nicht ungefährlich ist. Wir wussten aber auch, dass das Risiko kalkulierbar ist“, sagt er, stockt kurz, und schiebt zögerlich nach: „Das dachten wir zumindest.“ Denn im vergangenen Jahr verlor er wegen der Böllerbasteleien beinahe sein Leben.

Am 29. Dezember ging es schief

Wie so oft hatten sich er und seine Freunde am Vormittag des 29. Dezembers in der Garage in Schwabhausen getroffen und machten sich an die explosive Arbeit. Mit einer Feinwaage portionierten sie Zutaten. In einer Metallschüssel wollte der 23-Jährige eine Substanz mit Metallkugeln zermahlen. Er klemmte sich die Schüssel zwischen die Beine. Was danach passierte, weiß keiner mehr genau. Überhaupt hat der junge Mann an den Tag kaum noch Erinnerungen. Er vermutet, dass zuerst das Gemisch zwischen seinen Oberschenkeln explodierte.

„Wahrscheinlich haben die Chemikalien empfindlich auf Luftdruckveränderungen oder auf elektrostatische Ladung reagiert.“ Einen Moment später zerfetzte eine zweite Explosion das Sofa, auf dem er saß. Die Wucht der Detonationen riss das Garagentor aus den Angeln, im Raum herrschte Verwüstung. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde der 23-Jährige in eine Klinik nach München geflogen. Auch sein zwei Jahre älterer Freund wurde mit einem Hubschrauber abtransportiert. Die zwei anderen hatten Glück und wurden leichter verletzt.

Wochenlanger Kampf mit dem Tod

Den 23-Jährigen traf es schwer. Seine Oberschenkelknochen standen seitlich heraus, seine Haut war verbrannt, die Muskeln schwer verletzt. Drei Wochen lag er im Koma, drei Wochen rang er mit dem Tod. „Es war, als wäre ich in dieser Zeit einfach nicht da gewesen. Dann bin ich plötzlich aufgewacht – und zwar in dem vollen Bewusstsein, dass ich Scheiße gebaut habe.“

Nicht nur die jungen Leute aus der Nähe von Landsberg hatten zur Jahreswende einen schlimmen Unfall mit Feuerwerkskörpern. Das Bayerische Landeskriminalamt ( LKA) geht davon aus, dass Raketen und Böller im Freistaat mehr als 70 Menschen verletzt haben. Mindestens fünf Weitere sind schwer verletzt worden. Bis heute sind sie auf einem Auge blind, auf einem Ohr taub oder leiden an anderen Spätfolgen. Risiken bergen neben selbst gebauten Böllern auch Feuerwerkskörper aus Polen oder Tschechien, die illegal nach Deutschland gebracht werden.

Das Problem erklärt der Sprengstoffexperte des LKA, Jürgen Gust: „Böller, die in den Nachbarstaaten verkauft werden, sind hier nicht auf Sicherheit überprüft worden und können sehr gefährlich werden.“ Häufig seien sie an den Seiten mit Gipsverschlüssen verarbeitet und explodierten entsprechend lauter. Für Silvester möge das verlockend klingen, sagt Gust. Anders als die Verpackung deutscher Feuerwerke pulverisiere der Gips aber nicht.

Splitter fliegen bis zu 300 Meter pro Sekunde

„Da fliegen Splitter mit Geschwindigkeiten von bis zu 300 Meter pro Sekunde durch die Luft.“ Explodiere so ein Geschoss innerhalb einer engen Gasse, könne es Tote geben, sagt Gust und warnt: „Diese Böller gehören nicht in die Hände von Normalbürgern.“ Nur ausgebildete Pyrotechniker dürfen sie nutzen. Anderenfalls drohen Strafen wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Darin steht: „Wer illegale Böller einführt oder selbst bastelt, dem droht eine Geldstrafe oder eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.“

Im Fall des 23-Jährigen aus Schwabhausen jedoch sieht die Staatsanwaltschaft von einer Strafverfolgung ab – weil er durch die Folgen der Tat selbst schon genug bestraft wurde. Nach seiner langen Zeit im Krankenhaus hatte er zunächst nur langsam Fortschritte gemacht, mittlerweile kann er wieder normal laufen und sogar wandern und Ski fahren. Helles Blitzlicht sei für ihn jedoch bis heute noch schwer zu verkraften.

Daher will er nun zu Silvester eine Botschaft verbreiten. An alle, die mit Feuerwerken ins neue Jahr starten wollen: „Heute weiß ich: Es lohnt sich nicht, sein Leben zu riskieren, nur damit es etwas lauter knallt. Nutzt lieber legale Feuerwerke und lasst die Finger von anderen. Wie gefährlich die sind, kann man gar nicht einschätzen.“ Ob er selbst jemals wieder Böller kaufen werde, das wisse er noch nicht, sagt der 23-Jährige. Angst vor Silvester habe er keine: „Lust, selbst zu böllern, allerdings auch nicht.“

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