Wenn es brennt oder ein schwerer Unfall passiert ist, muss es schnell gehen. Maximal zehn Minuten dürfen Einsatzkräfte von der Alarmierung bis zur Ankunft am Einsatzort brauchen - das schreibt die sogenannte Hilfsfrist in Bayern vor. Eine Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Im Landkreis Aichach-Friedberg brauchen die Feuerwehren für die Anfahrt zwischen zwei und sieben Minuten. Das sind gute Nachrichten. Doch die Zahlen basieren auf theoretischen Berechnungen, die mit der Realität nur wenig zu tun haben.
Kreisbrandrat Happach: Hilfsfrist wird in Aichach-Friedberg eingehalten
Ein Fakt jedoch vorneweg: "Die Zehn-Minuten-Hilfsfrist bis zum Eintreffen der ersten Feuerwehr am Einsatzort kann im Landkreis Aichach-Friedberg eingehalten werden", erklärt Kreisbrandrat Christian Happach. Die Berechnungen des IW seien dabei aber nur begrenzt aussagekräftig. "Die Anfahrtsdauer scheint bei manchen Kommunen stark abzuweichen." Am schnellsten ist die Feuerwehr laut IW in Eurasburg. 2,3 Minuten dauert die errechnete Anfahrt von der Feuerwache zu 95 Prozent der Haushalte. In Obergriesbach und Adelzhausen braucht die Feuerwehr mit 2,7 Minuten kaum länger. Auch in Steindorf, Mering, Affing, Kühbach und Baar geht es mit 2,8 Minuten sehr schnell.
Methodik – So kam die Studie zustande
Für die Studie berücksichtigte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Geokoordinaten von Tausenden Feuerwehren, die im Datensatz von "Open Street Map" hinterlegt sind.
Dann berechneten Daten-Experten des IW, wie lange die Fahrt ohne Stau oder andere Hindernisse zu 95 Prozent der Haushalte in der jeweiligen Region dauert.
Wichtig dabei: In einzelnen Gemeinden können die berechneten Ergebnisse durch fehlende oder zu Unrecht hinterlegte Feuerwachen im Datensatz verzerrt sein.
Für die Auswertung wurde von nahezu jedem Punkt einer Gemeinde zu den drei geografisch nächstgelegenen Feuerwachen die Fahrzeit ausgerechnet.
Die daraus resultierenden kürzesten Fahrzeiten wurden für die Berechnungen auf Gemeindeebene verwendet.
Die Statistik bezieht sich auf die reine Zeit zwischen der Abfahrt an der Feuerwache bis zur Ankunft am Einsatzort. Die Anreise zur Wache sowie Umkleide- und Rüstzeiten wurden nicht berücksichtigt.
Weitere Informationen finden Sie auch auf der Internetseite des Instituts der deutschen Wirtschaft.
Deutlich länger brauchen die Feuerwehren in Friedberg und Aindling zum Einsatzort. Laut IW-Studie vergehen in Friedberg 6,3 Minuten reine Fahrtzeit; in Aindling sind es sogar 7,1 Minuten. "Erfahrungsgemäß ist die Feuerwehr Aindling schneller als dieser errechnete Wert", sagt Happach. Er vermutet, dass nicht in jeder Gemeinde alle Ortsteilfeuerwehren bei der Berechnung berücksichtigt wurden. "Wenn wir beim Beispiel Aindling bleiben: Dort macht es einen großen Unterschied, ob beispielsweise die Ortsteilwehr in Stotzard berücksichtigt wurde." Die Berechnung der Anfahrtszeit auf der Basis von Geodaten, wobei auch das IW selbst erklärt, dass nicht alle Feuerwehren dort zwangsläufig hinterlegt sind, spiegelt ohnehin nur einen Teil der benötigten Ausrückzeit wider. Denn auch die Alarmierung durch die Leitstelle und die Anfahrt zur Feuerwache inklusive Umkleiden kosten Zeit. Als Richtwert gilt: Von der zehnminütigen Hilfsfrist werden 1,5 Minuten für die Alarmierung durch die Leitstelle veranschlagt; drei Minuten sind für die Anfahrtszeit mit Umkleiden bis zum Ausrücken vorgesehen; die restlichen 5,5 Minuten sind für die Anfahrt zum Einsatzort gedacht.
Nicht die Anfahrt zum Einsatzort ist dabei allerdings die größte Herausforderung, sondern die sogenannte Ausrückzeit, die mit der Alarmierung der Einsatzkräfte beginnt und endet, wenn das besetzte Feuerwehrfahrzeug abfahren kann. Denn von allen Feuerwachen in Deutschland sind nur etwa fünf Prozent Berufsfeuerwehren. Der überwältigende Großteil der Feuerwehreinsätze wird durch freiwillige Feuerwehren abgedeckt. Das bedeutet, dass die Einsatzkräfte eine zusätzliche Anfahrtszeit zur Feuerwache haben.
Im Landkreis Aichach-Friedberg gibt es insgesamt 96 Feuerwehren. Davon sind 94 freiwillige Feuerwehren; der Automobilzulieferer Tenneco/Federal-Mogul in Friedberg hat eine eigene Werksfeuerwehr; in der JVA Aichach gibt es außerdem eine Betriebsfeuerwehr. Rund 4000 aktive Einsatzkräfte gibt es bei den freiwilligen Feuerwehren im Landkreis. Sie sorgen für schnelle Hilfe bei einem Brand oder Unfall - neben Job, Familie, Hobbys, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Insbesondere tagsüber ist es für die einzelnen Wachen eine große Herausforderung, genug Aktive auf Abruf zu haben, denn viele Einsatzkräfte arbeiten außerhalb des Ortes und können deshalb nicht so schnell zur Wache kommen. "Um ausrücken zu können, muss eine Feuerwehr mindestens sechs Aktive stellen können", erklärt Happach. "Circa 60 Prozent der Feuerwehren sind dazu tagsüber in der Lage. Abends, nachts und am Wochenende sind es nahezu 100 Prozent."
Für die Zukunft ist die Jugendarbeit ich Aichach-Friedberg besonders wichtig
Dass die Hilfszeiten trotzdem auch tagsüber eingehalten werden können, liegt an der gegenseitigen Unterstützung. "Unser Netz an Feuerwehren im Landkreis ist ganz gut", sagt der Kreisbrandrat. Zum Glück gebe es keine großen Defizite. Wenn nun also eine Feuerwehr nicht ausrücken kann, weil zu wenige Feuerwehrlerinnen und Feuerwehrler einsatzfähig sind, kommt rechtzeitig Hilfe aus den anderen Wehren. Ohnehin ist nicht zwangsläufig die Ortsfeuerwehr auch diejenige, die am schnellsten am Einsatzort sein kann. "Optimal wäre es aber schon, wenn es jede Feuerwehr ganztags schaffen würde, auszurücken." Ausnahmsweise hatte hier Corona auch etwas Gutes: Durch das viele Homeoffice seien deutlich mehr Einsatzkräfte auch tagsüber auf Abruf bereit.
Damit die freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Aichach-Friedberg weiterhin so gut aufgestellt bleiben, ist die Jugendarbeit besonders wichtig. Trotz Corona-Pandemie, die bei vielen Vereinen zu sinkenden Mitgliederzahlen geführt hat, ist die Zahl der Jugendlichen bei den Feuerwehren im Kreis relativ stabil geblieben. Die Zahl der Frauen ist sogar gestiegen. 2022 engagierten sich laut Kreisbrandinspektion insgesamt 557 Jugendliche bei den freiwilligen Feuerwehren, davon 151 Frauen. 2018 waren es 571 Jugendliche, davon 144 Frauen. "Ohne Jugendarbeit ist keine Zukunft der Feuerwehr möglich", sagt auch Kreisbrandrat Christian Happach.