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13.06.2018

Sinkende Umfragewerte: Wie die CSU jetzt vom Asylstreit profitieren will

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Horst Seehofer will Flüchtlinge an der Grenze zurückweisen lassen - Merkel hält davon nichts. 
Bild: Marc Müller, dpa

Die CSU verliert in Umfragen. Da scheint der Streit mit Merkel gerade recht zu kommen. In der Partei schrecken manche nicht mal mehr vor dem Undenkbaren zurück.

Die Party ist vorbei. Das Feuerwerk ist verpufft. Der Kater ist da. Und langsam dämmert es den Granden in der CSU, dass es mit dem Wechsel des Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im Herbst offenbar nicht getan war. In Bayern kommt die Partei unter dem neuen Ministerpräsidenten Markus Söder nicht mehr vom Fleck und fällt – wenn die Umfrageergebnisse nicht täuschen – in der Gunst der bayerischen Wähler sogar wieder leicht zurück. Ein neuer Mann, ein „neuer Aufbruch“ in der Landespolitik, neue Milliarden für das nörgelnde Volk – sollte all das wirklich vergebens gewesen sein?

Dem früheren Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der nach der versaubeutelten Bundestagswahl 2017 in einem zermürbenden parteiinternen Machtkampf zum Sündenbock gemacht und aus München weggemobbt wurde, bleibt bestenfalls eine gewisse innere Schadenfreude – wenn er denn drüber reden könnte. Kann er aber nicht. Die „alte Silberlocke“ (Seehofer über Seehofer) ist immer noch CSU-Vorsitzender und damit nominell nach wie vor der erste Hauptverantwortliche für Wohl und Wehe der Partei. Aber er ist zugleich einer, der in der CSU in Bayern (fast) nichts mehr zu sagen hat. Und in Berlin steht Seehofer mit dem Rücken zur Wand. Auch deshalb geht es dort jetzt so zur Sache. Auch deshalb ist der alte Streit mit der Kanzlerin über die Flüchtlingspolitik neu und heftiger denn je entbrannt.

Seehofer in Berlin, Söder in München - so lautete der Plan

Die Idee, mit einer Doppelspitze ins Landtagswahljahr zu ziehen, schien perfekt. Das Kalkül war klar: Wenn es die beiden Herren schon so schwer miteinander haben, dann muss man sie getrennt marschieren lassen. Seehofer sollte sich um Berlin und dort speziell um das CSU-Thema Nummer eins, die Sicherheits- und Flüchtlingspolitik, kümmern. Söder sollte in München dafür sorgen, dass die CSU eine neue Dynamik in der Landespolitik entfacht. Den Lohn für diese Arbeit wollte man am 14. Oktober 2018 kassieren – die Verteidigung der absoluten Mehrheit der Sitze im Bayerischen Landtag.

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Jetzt, ein halbes Jahr später, beginnt diese Hoffnung zu zerbröseln. Gleichzeitig kommt die Angst zurück, dass die CSU nun vielleicht endgültig ihre Einzigartigkeit als erfolgreichste regionale Volkspartei in Europa verliert. Noch einmal eine Koalition im Landtag wie 2008 mit der FDP? Das ginge vielleicht noch. Aber hätte die CSU danach noch einmal die Kraft, als alleinherrschende Partei zurückzukommen, wie 2013 mit Seehofer an der Spitze? Das wird bezweifelt.

Die Stimmung in der CSU-Landtagsfraktion, die sich selbst als „Herzkammer“ der Partei begreift, ist von einem seltsamen Widerspruch geprägt. Die 101 Abgeordneten stehen fast komplett hinter Söder. Es herrscht ein Korpsgeist, wie er selten zuvor in der Geschichte der Landtags-CSU zu spüren war. Die Fraktion ist mit sich und ihrem Chef im Reinen. Umso größer ist die Verunsicherung über die Umfragen, die einfach nicht besser werden wollen. Die Wirkung von Söders Regierungserklärung, die dem Wahlvolk in Bayern einen neuen Aufbruch signalisieren sollte, sei ebenso verpufft wie das Signal, das er mit der radikalen Verjüngungskur des Kabinetts senden wollte.

Die AfD ist allgegenwärtig und doch nicht zu fassen

Noch schlimmer als die Umfragen ist für viele CSU-Abgeordnete das, was sie daheim im Stimmkreis erleben. Es ist der Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Die AfD ist irgendwie allgegenwärtig und doch nicht zu fassen. Es gibt nicht wenige CSU-Abgeordnete, die haben ihre Gegenkandidaten noch nicht einmal zu Gesicht bekommen. Und kaum ein AfD-Sympathisant interessiert sich für CSU-Veranstaltungen. Die CSU-Abgeordneten, die nach ihrer eigenen Überzeugung viele gute Argumente für die landespolitischen Leistungen ihrer Partei hätten, stochern im Nebel. Ihre Berichte über den beginnenden Wahlkampf vor Ort gipfeln zumeist in dem verzweifelten Satz: „Wir kommen an die Leute nicht ran.“ Gemeint ist: nicht an die AfD und vor allem nicht an deren Wähler.

Sie sprechen miteinander, aber sie sind alles andere als einer Meinung: Kanzlerin Angela Merkel und Horst Seehofer.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Dabei hatte man es sich in der CSU-Parteizentrale so schön ausgedacht. Die Wähler der AfD, so die Analyse der Wahlkampfstrategen, lassen sich in drei Gruppen einteilen: Ein Drittel seien Rechtsextremisten, da sei nix zu machen. Ein Drittel seien Wutbürger, die mit den etablierten Parteien aus ganz unterschiedlichen Gründen durch sind. Auch die seien nicht wieder zu gewinnen. Das letzte Drittel aber, die Protestwähler, die „ihrer CSU“ bei der Bundestagswahl nur mal vors Schienbein treten wollten, die müssten doch zurückzuholen sein. Das ist der Plan.

In Zahlen ausgedrückt: Die CSU liegt derzeit in Umfragen bei gut 41, die AfD bei gut 13 Prozent. Könnten der AfD rund 4,5 Prozent ihrer Wähler wieder abspenstig gemacht werden, dann könnte es für die CSU mit 45 + x Prozent wieder knapp für die absolute Mehrheit reichen – vorausgesetzt die FDP verpasst den Sprung in den Landtag knapp. Kommt die FDP rein, dann könnte mit einer Neuauflage einer schwarz-gelben Koalition immer noch das Schlimmste für die CSU abgewendet werden, nämlich zu einer Koalition mit einem ihrer etablierten Gegner – der SPD, den Grünen oder den Freien Wählern – gezwungen zu sein.

Aktuell ist aus dem Plan ein frommer Wunsch geworden. Die CSU, ihre Funktionäre und Mandatsträger müssen zur Kenntnis nehmen, dass der AfD mit landespolitischen Argumenten nicht beizukommen ist, weil sich die AfD für Landespolitik nicht die Bohne interessiert. Die Regierungspartei kann sich mit der SPD über Wohnungs- oder Bildungspolitik streiten, mit den Grünen über Artensterben oder Flächenverbrauch, mit den Freien Wählern über Straßenausbaubeiträge und die Förderung des ländlichen Raums. Die AfD juckt all das nicht. Sie zieht mit der simplen Parole „Merkel muss weg“ in den Wahlkampf und versucht, die CSU damit an ihrer verwundbarsten Stelle zu treffen.

In der CSU sehen viele den Grund für die Misere: Berlin

In Hintergrundgesprächen mit CSU-Politikern im Landtag – einfachen Abgeordneten wie Kabinettsmitgliedern – wird schnell klar, dass die AfD-Strategie längst schon Wirkung zeigt. Die meisten Christsozialen in München sehen den einzigen Grund ihrer Misere in Berlin. Selbstkritik ist ihnen fremd. Söder, so sagen sie, habe in München alles getan, was getan werden konnte. Nun müsse „Berlin“ in der Flüchtlingspolitik „endlich liefern“. Auch Söder selbst lässt intern schon mal vorsorglich wissen: Unser Problem ist Berlin.

Um den CSU-Wahlkampf geht es auch in unserem aktuellen Podcast. Hier können Sie reinhören:

„Berlin“, das sind nach dieser Lesart Horst Seehofer und Angela Merkel. Einige in Staatsregierung und Fraktion schrecken da nicht einmal mehr vor dem eigentlich Undenkbaren zurück. Sie sagen: Sollte es Seehofer nicht gelingen, eine erkennbare Wende in der Flüchtlingspolitik einzuleiten, dann könnte das in letzter Konsequenz dazu führen, dass die CSU darüber nachdenken müsse, die Große Koalition im Bund platzen zu lassen, um sich sichtbar von Merkel zu distanzieren. Es sind beileibe nicht nur junge Hitzköpfe, die das sagen.

Wer altgediente Parteistrategen mit diesen Aussagen konfrontiert, erntet scharfe Gegenworte. „Politisches Harakiri“ sei das, „eine wahnwitzige Idee“, „geschichtsvergessenes Geschwätz“. Es lasse sich kein einziges Problem dadurch lösen, immer wieder aufs Neue nach Sündenböcken zu suchen. Eine CSU, die sich im Bund vor der Regierungsverantwortung drückt, sei schlechterdings undenkbar. Außerdem sei es ja längst nicht so, dass alle in der CSU der Kanzlerin überdrüssig seien. „Etwa 30 bis 40 Prozent“ der Parteimitglieder stünden klar hinter Merkel. Nur gemeinsam mit der CDU sei die Krise zu überwinden.

Die Debatte, worin denn diese Krise tatsächlich besteht, habe freilich in der CSU noch gar nicht richtig begonnen. Das sei das eigentliche Problem. Es gehe doch längst nicht mehr nur um Asyl und Flüchtlinge. Die CSU habe es in der bürgerlich-konservativen Wählerschaft mit einer kritischen Grundstimmung zu tun, die sich aus allen möglichen weiteren Quellen nährt: der Angst vor Digitalisierung und Globalisierung, der Sorge über die internationalen Krisen und Konflikte und über den möglichen „Zerfall des Westens“ sowie dem Unmut über die Unübersichtlichkeit der Welt und dem Misstrauen gegenüber den politischen Eliten.

Die Große Koalition mit einem Knall aufkündigen - will die CSU das wirklich?

Derlei Aufforderungen, sich doch erst einmal zu mäßigen und nachzudenken, verhallen in der Partei weitgehend ungehört. Seit Anfang dieser Woche der Streit mit der Kanzlerin über die Flüchtlingspolitik Tag für Tag weiter eskaliert, sehen sich die Merkel-Kritiker in der CSU wieder vollauf bestätigt. Man wolle keinen Streit, aber wenn es nicht anders geht, werde man dem Streit auch nicht aus dem Weg gehen – so tönt es aus der Landtagsfraktion. Sogar aus der CSU-Landesgruppe in Berlin heraus wird trotzig vorgetragen, dass Merkel in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sollte es zu einer Abstimmung über Seehofers Masterplan kommen, „keine Mehrheit mehr bekommt“.

Die Große Koalition sofort mit einem großen Knall aufzukündigen, wird in der CSU aber offenbar noch nicht ernsthaft erwogen. Die Partei will sich nicht drücken, sie will aber auch nicht nachgeben. Diskutiert wird deshalb eine schrittweise Eskalation nach ungefähr diesem Muster: Erst einmal gelte es, Nervenstärke zu zeigen, in der CDU weiter nach Verbündeten zu suchen und den Streit am Kochen zu halten. Falls Merkel in den Gesprächen mit Seehofer dennoch hart bleibt, könnte der CSU-Chef damit drohen, die umstrittene Zurückweisung von Flüchtlingen, die schon in einem anderen europäischen Staat registriert sind, einfach anzuordnen. Wenn auch diese Drohung die Kanzlerin nicht umstimmt, könnte er es tatsächlich tun. Dazu habe er als Bundesinnenminister die Kompetenz.

Erst das wäre das Ende – die Frage ist nur, für wen? Für Seehofer, weil Merkel dann faktisch gezwungen wäre, ihn zu entlassen? Für die Koalition, weil die CSU eine Entlassung ihres Chefs nicht hinnehmen könnte? Für Merkel, weil sie dann keine Mehrheit in Fraktion und Bundestag mehr hätte?

Bezeichnend für die Stimmung in der Landtags-CSU wie in der Staatsregierung ist, dass ein derartiges Szenario dort keinerlei Schrecken mehr entfaltet. Ob ein Bruch mit der Kanzlerin und CDU-Chefin der CSU langfristig nütze oder schade – wer wisse das schon? Kurzfristig aber gebe es für die CSU in Bayern keinen anderen Weg, „sonst ist die AfD irgendwann bei 20 Prozent“. Deshalb stehe fest, so heißt es aus dem Vorstand der Landtagsfraktion, dass es „eine schnelle Entscheidung geben muss“. Die Marschroute laute „maximale Konfrontation“ – entweder Merkel gibt nach und schwenkt auf Seehofers Kurs in der Flüchtlingspolitik ein oder sie ist „schneller Geschichte, als ihr lieb sein kann“. Eine mögliche Kompromissformel wie zuletzt im Streit um eine Obergrenze für Flüchtlinge gebe es nicht.

Viele Freunde hatte die Bundeskanzlerin in der CSU in Bayern offenbar schon vor dem Streit über den Masterplan nicht mehr. Nach aktuellem Stand wird Merkel während des Landtagswahlkampfs nur ein einziges Mal nach Bayern kommen – Ende September auf Einladung von Theo Waigel zu einem Konzert und einer europapolitischen Diskussion ins Allgäu nach Ottobeuren.

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14.06.2018

Vielleicht sollte die CSU auch mal das andere undenkbare in Betracht ziehen. Nachdem sie der AfD ihre Wähler nicht mehr mit ein paar markigen Worten abspenstig machen kann sollte sie doch mal eine Koalition in Betracht ziehen. Sollten die AfD Politiker wirklich so eindimensional sein wie die CSU behauptet wäre es doch ein gute Möglichkeit die AfD zu entlarven.
Es besteht allerdings die Gefahr, dass die AfD eben nicht so einfach gestrickt ist wie immer gerne behauptet wird und sie sehr wohl den Wählerwillen trifft. Das könnte den etabliereten Parteien dann summa summarum noch mehr Stimmen kosten.

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